In Italien brennen die Abfallberge wieder

In der Region Kampanien werden die vielen Abfalldeponien zum Problem. Abhilfe schaffen würden neue Verbrennungsanlagen. Doch ausgerechnet Umweltschützer blockieren solche Vorhaben.

Dominik Straub, Rom
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Angesengter Abfall in einer Deponie in Torre del Greco in der Nähe von Neapel. Bild: Cesare Abbate/Keystone (17. November 2018)

Angesengter Abfall in einer Deponie in Torre del Greco in der Nähe von Neapel. Bild: Cesare Abbate/Keystone (17. November 2018)

In Torre del Greco, der viertgrössten Stadt Kampaniens, musste die Feuerwehr am Samstag mitten in der Nacht zu einem Grossbrand ausrücken: Unbekannte hatten in dem Stadtpark, wo sich seit Tagen meterhohe Abfallberge türmen, Feuer gelegt. Die Löscharbeiten dauerten Stunden. Aber nicht nur in der Küstenstadt am Fuss des Vesuvs herrscht derzeit wieder einmal Müllnotstand. Auch in der Provinz Caserta ein paar Dutzend Kilometer nördlich von Neapel und besonders in der berüchtigten «Terra dei Fuochi», dem «Land des Feuers», brennt der Müll in den Strassen und in legalen und illegalen Deponien.

Nun will die Regierung – nicht zum ersten Mal in den vergangenen Jahren – das Militär nach Kampanien schicken, um die 262 offiziell bekannten Mülldeponien der Region vor den Brandstiftern zu schützen. So steht es in einem Dekret, welches das Kabinett von Premier Giuseppe Conte heute Montag an einer Sondersitzung in Caserta beschliessen wird. Ausserdem sollen 160 Millionen Euro für die Entsorgung und Sanierung der vergifteten Böden in den bereits abgebrannten Deponien bereitgestellt werden. Gelegt werden die Brände in der ­Regel von verzweifelten Anwohnern – oder von der Camorra.

Die Mafia mischt beim Sondermüll mit

Die Rückkehr der Müllkrise war nur eine Frage der Zeit: In Kampanien herrscht, wie in ganz Süditalien, ein dramatischer Mangel an Abfallverbrennungsanlagen. Der einzige Ofen der Region steht in Acerra, und diese Anlage vermag bei weitem nicht den gesamten produzierten Abfall zu bewältigen. Der Rest verschwindet zum Teil in Deponien, wobei die Camorra insbesondere bei der Beseitigung des Sondermülls kräftig mitmischt. Der restliche Abfall wird mit Schiffen ins Ausland transportiert – vorwiegend in die Niederlande, nach Indien und China. Dass China seit einigen Monaten keinen Plastikabfall mehr entgegennimmt, hat den Ausbruch der neuen Müllkrise in Italien beschleunigt.

Die Situation in Kampanien, aber auch in Rom, ist völlig absurd: Die Region bezahlt täglich 120000 Euro an Strafgeld an die EU, die nach der spektakulären Müllkrise in Neapel im Jahr 2008 gegen Italien ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet hatte. Seit Juli 2015, als die Strafzahlungen verhängt wurden, hat Kampanien bereits 165 Millionen Euro nach Brüssel überwiesen. Hinzu kommen die Hunderten von Millionen Euro, die der Abfallexport kostet. Die einzige Abhilfe bestünde im Bau von modernen Verbrennungsanlagen. Dennoch findet sich in dem Dekret, das die Regierung heute verabschieden will, kein Wort von neuen Anlagen.

Der Grund dafür ist eine weitere Absurdität: Für Italiens Umweltschützer sind die Müllverbrennungsanlagen wegen ihrer Abgase Teufelswerk. Der grössere der beiden Regierungspartner, die Protestbewegung Cinque Stelle, hat ihre Wurzeln zum Teil in der Umweltschutzbewegung und ist deshalb strikt gegen den Bau neuer Öfen. Ihr Rezept heisst: Müllvermeidung und hundertprozentige Wiederverwendung. Dass in Kampanien nur 50 Prozent des Abfalls getrennt wird (in Neapel sogar nur 38 Prozent) blenden die regierenden «Grillini» dabei ebenso aus wie den Umstand, dass die Entsorgung in legalen und illegalen Deponien die Böden und das Grundwasser verseucht.