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WIEN: Der Heilsbringer

Sebastian Kurz gilt als letzte Rettung für die ÖVP. Nach seiner Wahl zum Parteichef erhält er nun umfangreiche Kompetenzen.
Sebastian Kurz (31). (Bild: Keystone/Georg Hochmuth)

Sebastian Kurz (31). (Bild: Keystone/Georg Hochmuth)

Mit Namen Spässe zu treiben, ist unanständig, und bei Sebastian Kurz wirken sie doppelt boshaft, denn er gilt als absolut humorlos. Als ein Scherzreporter sich mit Mikrofon an ihn heranpirschte mit der Frage, ob die ÖVP jetzt die Partei der Zukurzgekommenen sei, ergriff der sonst so souveräne Superstar der österreichischen Politik ergrimmt die Flucht.

Tatsächlich hört man von ihm kaum eine gewitzt-schlagfertige Bemerkung, nur druckreife, oberlehrerhaft formulierte Sätze. Es mag Kurz an Witz fehlen, an Machtbewusstsein mangelt es ihm nicht; es wird ja auch von der servilen Begeisterung der Parteigefolgschaft und vom Medienboulevard, der stets nach vermeintlichen Volkshelden giert, kräftig genährt. Nach seiner Nominierung im Frühjahr wählten auf einem Parteikongress in Linz am Wochenende 98,7 Prozent der Delegierten den knapp 31-jährigen Wiener nun offiziell zum neuen Obmann der konservativen Volkspartei (ÖVP).

Die Jubelszenen glichen jenen von vor zwei Jahren bei der Wahl des von innerparteilichen Intrigen gestürzten Vorgängers Reinhold Mitterlehner, der damals sogar 99,1 Prozent erhielt. Ob die Kleinigkeit von 0,4 Prozent weniger Stimmen Kurz’ Ego beleidigt hat, liess er sich nicht anmerken. Auch dürfte er sich noch wenig Gedanken darüber machen, wie es um die kollektive Psyche dieser Partei bestellt sein muss, die alle zwei Jahre einen «Obmannmord» begeht, um sich neu zu erfinden. Es ist schon eigenartig, wie gestandene Landesfürsten und in Würde ergraute Funktionäre sich einem halb so alten Jungspund unterwerfen, der zwar ein aussergewöhnliches politisches Talent ist, dem aber altersbedingt die nötige politische Reife fehlt. Auf die Frage, ob ihm angesichts der hohen Heils­erwartung nicht schwindlig werde, antwortet Sebastian Kurz ebenso trocken: «Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, aber ich habe einen Plan.»

Die Partei hat auch die von Kurz geforderten Durchgriffsrechte abgesegnet, in denen politische Beobachter autoritäre Züge erkennen. So kann er als Bundesobmann eine eigene Kandidatenliste aufstellen und auch parteiferne Kandidaten nominieren. Bei der Erstellung der Listen für Bundeswahl und Europawahl hat Kurz die allei­nige Kompetenz. Bei Bundesländerlisten behält er sich ein Vetorecht vor. Auch ein Regierungsteam bestellt allein der Obmann, ebenso die Spitzenfunktionäre. Nicht zuletzt sicherte sich Kurz die alleinige Kompetenz für politische Inhalte. Und: Nicht die ÖVP tritt zur Wahl an, sondern die «Bewegung Sebastian Kurz».

Die einzige Erklärung für ihre völlige Unterwerfung, der die Delegierten mit frenetischem Applaus zustimmten: Kurz ist schlicht die letzte Rettung einer einstmals grossen Staatspartei ÖVP, die ohne ihn bei der Neuwahl im Herbst dem Untergang sehr nahe gekommen wäre. Der Kurz-Effekt ist in Umfragen bereits ablesbar: Derzeit ist er der erste Anwärter auf den Kanzlerposten.

Dafür liessen die Delegierten auch eine Reihe von altklugen Belehrungen und Appellen des Jungstars über sich ergehen. Österreich, dozierte Sebastian Kurz, sei «Weltmeister im Weiterwursteln», es gebe «zu wenig Veränderungsbereitschaft, auch in der ÖVP», das Land sei «in das Mittelmass zurückgefallen», es brauche eine «neue Kultur der Eigenverantwortung». Doch er, Sebastian Kurz, werde «Österreich wieder an die Spitze führen».

Was Kurz verändern will und vor allem wie, sagt er nach wie vor nicht. Erst im September wolle er sein Wahlprogramm präsentieren. Das bislang einzig Neue, witzeln Spötter, sei die Änderung der Parteifarbe von Schwarz auf Türkis. Und warum Türkis, bleibt ebenso unklar.

Rudolf Gruber, Wien

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