Wieso China in Afrika erfolgreicher als der Westen ist

Während Europa und die USA sich mit Afrika schwer tun und in alten Mustern gefangen sind, nutzt China die Gelegenheit für Investitionen in den vernachlässigten Kontinent. Und schafft damit viel Wohlwollen in Politik und Bevölkerung.

Wolfgang Drechsler, Kapstadt
Drucken
Teilen
Chinas Präsidenten unter sich: Chinas Xi Jinping besucht Südafrikas Cyril Ramaphosa vor dem Brics-Gipfel. (Bild: Themba Hadebe/AP (Pretoria, 24. Juli 2018))

Chinas Präsidenten unter sich: Chinas Xi Jinping besucht Südafrikas Cyril Ramaphosa vor dem Brics-Gipfel. (Bild: Themba Hadebe/AP (Pretoria, 24. Juli 2018))

Allzu viel hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel aus ihrer Stippvisite in Afrika vor zwei Jahren offenbar nicht gelernt. Bei ihrem Besuch diese Woche im ­Senegal, in Ghana und Nigeria hat sie drei afrikanische Länder in nur drei Tagen bereist. Und erneut einen solchen Schweins­galopp eingeschlagen wie schon im Oktober 2016, als sie in fast der gleichen Zeitspanne die Krisenländer Mali und Niger sowie den Hoffnungsträger Äthiopien ohne grösseren Erfolg besuchte.

Ebenso aktionistisch wie der Reiseplan wirkt auch die deutsche Afrikastrategie, die von der Ini­tiative «Pro! Afrika» des Wirtschaftsministeriums über den vom Finanzministerium entworfenen «Compact with Africa» bis zum «Marshallplan für Afrika» reicht, den das Ministerium vom deutschen Entwicklungsminister Gerd Müller konzipiert hat. Von einer kohärenten Strategie für den Nachbarkontinent ist jedenfalls auch drei Jahre nach Beginn der Massenzuwanderung aus Afrika und Arabien wenig zu spüren.

Nicht mehr nur auf Rohstoff-Suche

Wie eine solche Strategie ausschauen könnte, hat gerade erst Chinas Präsident Xi Jinping gezeigt, der vor einem Monat eine ähnliche Reise wie jetzt die deutsche Kanzlerin absolvierte, aber dafür mehr Zeit investierte. Nach Aufenthalten im Senegal, dem langjährigen Stabilitätsanker in Westafrika, sowie im wirtschaftlich erfolgreichen Ruanda, war Xi dabei auch nach Südafrika gereist, wo er am Gipfel der Brics-Staaten teilnahm, zu denen neben den beiden Staaten auch Brasilien, Russland und Indien gehören. Ging es bei den Afrikareisen der Chinesen in der Vergangenheit vor allem um den Zugriff auf Rohstoffe, kommen nun auch geopolitische Aspekte hinzu. Erst im vergangenen Jahr hatte China mit der Eröffnung einer Militärbasis im Zwergstaat Dschibuti am Horn von Afrika seinen ersten Stützpunkt im Ausland seit Ende des Koreakrieges eröffnet. Die Militärbasis am Suezkanal ist vor allem als Logistikzentrum für seine Marine gedacht, die China zum Schutz von Handelsschiffen stationiert hat.

Daneben finanziert und baut China noch immer fast überall in Afrika riesige Infrastrukturprojekte, die Teil einer neuen «Seidenstrasse» sind, durch die Xi Asien mit Europa, dem Nahen Osten und Teilen von Afrika verbinden will. Mit einem Volumen von bis hin zu einer Billion US-Dollar wollen die Chinesen dabei so viel Geld mobilisieren, wie seit dem Marshallplan international nicht mehr geflossen ist.

Zwei Drittel sehen China als «guten Einfluss»

Auch versucht sich das Land verstärkt im Ideologietransfer: So möchte China sein Kadersystem unbedingt nach Afrika exportieren, um dadurch engere Beziehungen zu den autokratischen ­Regimen des Kontinents zu schmieden. Menschenrechte stehen dabei naturgemäss nicht zur Debatte. Seit dem Sturz seines kommunistischen Militärregimes 1991 folgt vor allem Äthiopien, aber inzwischen auch Ruanda dem chinesischen Entwicklungsweg: so wenig Demokratie wie nötig, so viel Staatskapitalismus wie möglich. China gewinnt aber auch auf weniger sichtbare Weise an Einfluss: Beobachter verweisen etwa darauf, dass die Zahl ­afrikanischer Studenten in China vor zwei Jahren erstmals die Zahl der Afrikaner überstiegen hat, die in Grossbritannien oder Amerika studieren, den traditionellen Studienplätzen. So hat China zuletzt Zehntausende Stipendien an ­Afrikaner verliehen. In der Bewertung Chinas in Afrika scheint sich dieses Vorgehen inzwischen auszuzahlen: So ermittelte der Umfragedienst Afrobarometer, dass rund zwei Drittel der Menschen in 36 afrikanischen Ländern China für einen «guten Einfluss» halten, auch wenn dort noch immer mehrheitlich das amerikanische Entwicklungsmodell bevorzugt wird. Das könnte sich aber auch deshalb ändern, weil ein Grossteil des chinesischen Engagements in Afrika wirtschaftlich motiviert ist. Chinesische Kredite und Baufirmen haben die bis vor kurzem kaum existente Infrastruktur des Schwarzen Kontinents bereits nachhaltig vorangetrieben, etwa das städtische Nahverkehrssystem in Addis Abeba, das China in nur drei Jahren für umgerechnet über 550 Millionen Franken aus dem Boden gestampft hat.

Lose Zusagen statt konkreter Geldflüsse

Doch es gibt auch Probleme. So werden Chinas Investitionen in Afrika an Grösse oft überschätzt, weil es sich dabei zumeist nur, wie jetzt auch im Fall von Süd­afrika, in dem China fast 15 Milliarden US-Dollar für eine Reihe von Projekten in Aussicht stellte, um lose Zusagen statt konkreter Geldflüsse handelt. Der Ökonom David Dollar kommt bei seinen Untersuchungen jedenfalls zu dem Ergebnis, dass China derzeit nur für etwas mehr als 5 Prozent aller Investitionen in Afrika verantwortlich zeichnet – und sein Anteil bei Neuinvestitionen etwa ebenso gross ist. Demgegenüber sei das amerikanische Investitionsvolumen noch immer etwa doppelt so hoch.

Dennoch ist Chinas Ausgriff in Afrika insgesamt betrachtet von hoher Bedeutung: China ist inzwischen der wichtigste Handelspartner Afrikas und hat sein Engagement im Gegensatz zu den USA, dessen Präsident sich nicht besonders für den Kontinent zu interessieren scheint, kontinuierlich ausgebaut. Die Unternehmensberatung McKinsey glaubt, dass derzeit etwa 10000 chinesische Firmen in ­Afrika aktiv sind – 90 Prozent davon in privater Hand. Während ausgerechnet grössere Infrastrukturvorhaben wenig lukrativ sind, amortisieren sich kleinere Investitionen bisweilen oft schon binnen kurzer Zeit – und sind ­Indiz dafür, dass mit einer realistischen Strategie in Afrika durchaus Geld zu verdienen ist.