Wikileaks

Wikileaks entblösst die Schwächen der USA

Die einzige Supermacht der Welt steht auf tönernen Füssen. Die Enthüllungen von Wikileaks werden die USA aussenpolitisch weiter schwächen.

John Dyer, Boston
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Eben noch eine Supermacht, jetzt kaum mehr als ein Kaiser ohne Kleider: Gemäss den 250000 Dokumenten aus dem diplomatischen Dienst der USA, die Wikileaks nun veröffentlicht hat, ist der tatsächliche Einfluss der Vereinigten Staaten in der Welt begrenzt. Sie sind mächtig genug, um in vielen Konflikten der Welt betroffen zu sein. Aber sie haben selten entscheidenden Einfluss auf deren Ergebnis.

Kooperation mit Drogendealern

Beispiel Afghanistan, das Land, das die USA als Antwort auf die Anschläge vom 11. September 2001 angegriffen haben. Kritiker haben seit langem Washingtons Fähigkeit bezweifelt, die korrupte Zentralregierung des Landes zu kontrollieren. US-Präsident Barack Obama und andere versicherten allerdings, Fortschritte gemacht zu haben.

Nun widersprechen US-Diplomaten ihrem eigenen obersten Chef, wenn auch in internen Papieren. Danach haben die USA noch mindestens bis Februar dieses Jahres mit Ahmed Wali Karzai, dem Halbbruder des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, zusammengearbeitet – obwohl er als Verbündeter der Gegner der US-Streitkräfte gilt. «Ahmed Wali Karzai ist korrupt und ein Drogenhändler, aber wir müssen mit ihm als Chef des Provinzrates zusammenarbeiten.»

Die Dokumente beschreiben auch, wie die USA es im vergangenen Jahr zugelassen haben, dass Vizepräsident Ahmed Zia Massoud 52 Millionen Dollar (50 Millionen Franken) in die Vereinigten Arabischen Emirate schafft. Die Diplomaten vermuteten, dass dies Drogengeld sei. Aber sie griffen nicht ein.

Widerstand in Pakistan

Beispiel Pakistan, offiziell noch ein Verbündeter. US-Diplomaten bemühten sich seit 2007, das Kernwaffenarsenal des Landes unter Kontrolle zu bringen. Pakistanische Politiker verhinderten dies. «Wenn die lokalen Medien Wind von der Fortschaffung der Kernmunition erhalten, dann wird es heissen, die Vereinigten Staaten wollten sich der pakistanischen Kernwaffen bemächtigen», heisst es.

Auch im Nahen Osten und am Golf ist Amerikas Allmacht fraglich. Der saudische König Abdullah hält nichts vom irakischen Ministerpräsidenten Nuri Kamal al-Maliki, der von den USA eingesetzt worden war. Saudische Bürger unterstützen weiterhin al-Kaida. Die Regierung des Golfkönigreichs Katar scheut sich, gegen Terroristen vorzugehen, obwohl US-Truppen im Land stationiert sind. Die USA können nicht einmal Syrien hindern, der Hisbollah-Miliz im Libanon Waffen zu geben. Und sie bleiben untätig, als chinesische Hacker in US-Rechner eindringen.

Die Veröffentlichung der Dokumente schwächt die einstige Supermacht weiterhin. «Die US-Regierung wird ein weiteres Mal dumm aussehen», sagt Steve Clemons, Analyst der New-America-Stiftung in Washington. «In gewissem Sinn wirkt sie in Sachen Aussenpolitik wie ein Anfänger.» Das Vertrauen ausländischer Regierungen in die Fähigkeiten Washingtons werde weiter untergraben. «Sie werden nicht mehr darauf vertrauen, dass die USA fähig sind, Geheimnisse dieser Art zu wahren.»

Und das alles wegen eines Mannes, der weit weg von den Schalthebeln der Macht gestanden hat: Der 22-jährige IT-Spezialist Bradley Manning, bei Bagdad stationierter Angehöriger der US-Streitkräfte, hat auch diese Dokumente Wikileaks zugespielt. Vor seiner Verhaftung im Mai hatte er bereits in einem Blog angedeutet, dass Dokumente über die US-Aussenpolitik veröffentlicht würden. «Überall, wo es einen US-Aussenposten gibt, wird es einen diplomatischen Skandal geben.» Es ist mehr als das. Die Dokumente legen das Getriebe einer einstigen Supermacht bloss. Ein schadhaftes Getriebe, bestenfalls.