Tag der indigenen Völker
«Wir sind doch keine tote Sache»: Dieser bolivianische Schamane kämpft für einen Traum

Am heutigen Internationalen Tag der indigenen Völker machen Indigene weltweit auf ihre prekären Lebensumstände aufmerksam. So auch Roger Choque, der auf der Isla del Sol einen erbitterten Kampf führt.

Camilla Landbø, La Paz
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Roger Choque (36) gehört zum Volk der Lupaca. Er kämpft dagegen an, zum «toten Kulturgut» degradiert zu werden.

Roger Choque (36) gehört zum Volk der Lupaca. Er kämpft dagegen an, zum «toten Kulturgut» degradiert zu werden.

Camilla Landbø

Eine besondere Energie wird ihr zugesprochen, der Isla del Sol, der Sonneninsel im bolivianischen Titicacasee. Auf über 3800 Metern Höhe liegt der umspülte Flecken Land. «Hier gibt es heilende Kräfte», sagt Roger Choque (36).

Er ist auf der bolivianischen Insel geboren und hält als Schamane Zeremonien ab, für Einheimische und manchmal auch für Menschen aus der ganzen Welt. Auf Klippen oder Hügeln richtet er Altartische – sogenannte «mesas» – her, büschelt Süssigkeiten, heilige Räucherwerke, Zigaretten und Kokablätter und verbrennt alles zusammen zu Trommelrhythmen und Gesang. «Damit reinigen wir Körper und Seele und huldigen der Pachamama, der Mutter Erde», sagt Choque.

Der Legende nach ist die Isla de Sol der Geburtsort der Inkas. Aus dem Wasser des Titicacasees sollen die Kinder des Sonnengottes Inti einst entstiegen sein und das grosse Reich gegründet haben. Heute noch zeugen auf der Insel Ruinen und Stätten von der verblassten Hochkultur der Inkas. Sie werden täglich von zahlreichen Touristen besucht.

Erreichbar sind sie nur zu Fuss. Die Besucher wandern an Eukalyptusbäumen, Mais-, Bohnen- und Kartoffelfeldern vorbei, auf einfachen Wegen, wo man Lamas und Esel kreuzt. Autos gibt es hier nicht. Dafür viel Ruhe, frische Luft und einen Ausblick auf die verschneite Andenkette weit hinten am Horizont.

Kampf für eigenes Rechtssystem

Die heutigen Inselbewohner gehören zum Volk der Lupacas. Die Lupacas sind eine der 36 indigenen «Nationen», die der plurinationale Staat Bolivien in der neuen Verfassung 2009 offiziell anerkannt hat. Die neue Verfassung spricht den Indigenas einen besonderen Schutz ihrer kulturellen Identität, ihrer sozialen und politischen Strukturen sowie territoriale Selbstbestimmung zu.

Die Verfassung schreibt zudem fest, dass die Rechtssysteme der indigenen Nationen als gleichrangig gelten wie die herkömmliche bolivianische Justiz. Dazu können die indigenen Gemeinschaften Autonomie beantragen und eine separate Verfassung ausarbeiten.

«Mein Dorf Challa hat Autonomie beantragt», sagt Roger Choque, während er auf Kokablättern herumkaut. Der Schamane geht nie ohne sein mit Kokablättern gefülltes Täschchen aus dem Haus. In Bolivien ist dieses Blatt heilig.

Internationaler Tag der indigenen Völker: Rund 370 Millionen Menschen gehören zu den Indigenen

Rund 370 Millionen Menschen in 70 verschiedenen Ländern zählen zu den sogenannten indigenen Völkern. Viele von ihnen leben in Armut, haben nur eingeschränkten Zugang zu Bildung und werden oft Opfer von Diskriminierung und Rassismus. Mit einer entsprechenden Erklärung hat die UNO 2007 die Rechte indigener Völker zu stärken versucht. Der damalige UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach von einem Schritt mit «historischer Bedeutung». Nichtsdestotrotz lebt auch heute ein Grossteil der Indigenen unter prekären Bedingungen.

Mit dem 1995 von der UNO eingeführten Internationalen Tag der indigenen Völker soll jährlich an das Schicksal und die Lebensumstände der Indigenen erinnert werden. Besonderes Augenmerk liegt dieses Jahr auf der Situation jener Indigenen, die von der andauernden Abholzung bedroht sind. Viele der rund 5000 indigenen Völker leben in Wäldern und haben dort ihre heiligen Stätten. Sie sind oft die ersten Menschen, die von kommerzieller Waldwirtschaft betroffen sind. (SAS)

Nebst dem, dass es gegen Kälte, Hunger und Höhenkrankheit hilft, wird es in jeder Zeremonie eingesetzt. «Wenn das jemand wünscht, lese ich auch die Zukunft aus den Kokablättern», sagt Choque und blinzelt in die Wintersonne.

Zurzeit reist der Schamane regelmässig in die bolivianische Hauptstadt Sucre zum Verfassungsgericht. «Wir erwarten ein Urteil, damit wir in Challa endlich die indigene Justiz anwenden können und nicht mehr der Rechtsprechung des bolivianischen Staates unterstehen.»

Choque gehört zu den elf Dorfvorstehern von Challa, die alle Jahre aus der Gemeinschaft heraus neu bestimmt werden. Die Gewählten sind verpflichtet, politische Verantwortung zu übernehmen. «Deswegen fehlte mir in den letzten Monaten die Zeit, Zeremonien abzuhalten», erklärt er.

Vermissen tut er seinen alten Job als Zeremonien-Meister nicht. Choque setzt sich mit Leib und Seele für die Autonomie seines Volkes ein. Für ihn ist klar: «Wir indigenen Völker müssen endlich selbstbestimmt leben können.»

Der Tempel der Träume

Daneben führt Choque einen zweiten, für ihn ebensowichtigen Kampf: Er will, dass Bolivien seinen Entscheid rückgängig macht, einen Grossteil der Isla del Sol als Kulturerbe unter Schutz zu stellen. «Wir sind doch keine tote Sache, etwas, das man künstlich schützen muss», sagt Choque. «Wir sind ein lebendiges, aktives Volk, das in Freiheit und Frieden leben möchte.» Das sollten sich die Menschen dieser Erde immer wieder in Erinnerung rufen – besonders am heutigen Internationalen Tag der indigenen Völker.

Und dann setzt Choque zu einer jener alten Weisheiten an, die in den Ohren westlicher Zuhörer ziemlich abgenagt klingen. Choque aber meint es bitterernst: «Erst wenn es aufhört zu regnen, erst dann wird der Mensch verstehen, dass man Geld nicht essen kann.» Choque lebt von der Land- und Viehwirtschaft, wie die meisten Bewohner der Isla del Sol.

Jeden Morgen bringt er seine Schafe, Kühe und Esel auf die Weide. Die meisten Lupacas betreiben daneben Unterkünfte und Restaurants für Touristen. Choque findet das gut. «Aber das Gleichgewicht, das muss trotzdem beibehalten, unsere Kultur und die Natur bewahrt werden.» Das ist dem zweifachen Vater wichtig. «Die Insel bedeutet mir alles – sie ist der Tempel meiner Träume.»

Und für diesen Traum will Choque kämpfen. Die Insel soll kein Folklore-Museum werden, sondern ein heiler Ort mit selbstbestimmten Bewohnern. Davon träumt er – besonders heute.