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Zukunftsforscher: «Trotz digitalem Sex verschwindet die Liebe nicht»

Virtuelle Pornografie, Sex mit Robotern und Onlinedating: Was bedeutet das für die Liebe? Zukunftsforscher Matthias Horx ist sich sicher, dass sie nicht verschwindet.
Interview: Pascal Hollenstein
Romantischer Kuss? Die Dauer der Verliebtheit betrage im Durchschnitt vier Jahre, sagt der Experte. «Natürlich kann man ein Leben lang zusammenbleiben, mit Liebe hat das aber meist nichts zu tun.» (Bild: Getty)

Romantischer Kuss? Die Dauer der Verliebtheit betrage im Durchschnitt vier Jahre, sagt der Experte. «Natürlich kann man ein Leben lang zusammenbleiben, mit Liebe hat das aber meist nichts zu tun.» (Bild: Getty)

Viele schauen mit Sorge in die Zukunft. Matthias Horx, Sie beschäftigen sich beruflich mit dem, was kommt. Schlafen Sie gut?

Ich schlafe ausgezeichnet. Es hilft in allen Belangen, sich von dieser Hysterie zu entfernen, die mit dem Blick in die Zukunft verbunden ist. Da spielt in der öffentlichen Debatte auch die mediale Bewirtschaftung von Erregungszuständen mit. Die Katastrophe macht sich halt in den Medien besser als ein realistischer Blick in die Zukunft. Ich würde sagen: Im Gegensatz zu vielen Journalisten bin ich recht gelassen.

Der Blick in die Zukunft ist von einem steten Auf und Ab geprägt. Nehmen Sie die Atomkraft: In den 1950er- und 1960er-Jahren galt sie als geradezu erlösende Zukunftstechnologie, jetzt ist sie in den Augen vieler Teufelswerk. Wie kann so etwas geschehen?

Das sind kulturelle Prozesse. Man muss sich das als Zyklus, als Wellenbewegung vorstellen. Wir sprechen hier von einer Zeit, die geprägt war von einer enormen technologischen Beschleunigung nach dem Zweiten Weltkrieg. In meiner Jugend war Technologie ein alles erlösendes Element. Ich bin aufgewachsen mit der Idee, dass wir alle diese tollen Flugautos fliegen und phantastische Raum-Uniformen tragen werden. Wir waren gewissermassen oben auf der Welle einer euphorischen Zukunftssicht. Und dann kam das Tal: es wurde klar, dass eine solche technologische Beschleunigung auch Folgeschäden haben kann. Die Angst vor der Atomkraft und übrigens auch vor dem Nuklearkrieg war ja nicht unberechtigt.

In welchem Zyklus sind wir jetzt?

1989, nach dem Fall der Mauer, gab es auch wieder so eine Art der globalen Euphorie, eine Phantasie der unbeschränkten, offenen Welt. Und auch hier erleben wir jetzt wieder eine Gegenbewegung. Im Grunde ist das sehr vernünftig. Zukunft hat eben nicht nur eine Richtung, sondern sie ist komplex. Es gibt immer wieder diese Schleifen, in denen sich alte mit neuen Betrachtungsmustern verbinden. Nur so funktioniert Fortschritt.

Es gibt allerdings auch Dinge, die im Grunde keinem Wandel unterworfen sind, biologische Konstanten gewissermassen. Die wichtigste ist vermutlich die Fortpflanzung, denn ohne Sex verschwindet die Menschheit ganz von alleine. Allerdings halten Sie auch dies nicht wirklich für unveränderlich. Warum?

Es ändert sich in diesem Bereich gewaltig viel. Nicht im engeren Sinn der Fortpflanzungslogistik, sondern was Familienmodelle und Kulturmodelle des Zusammenlebens und der Liebe betrifft. Vor 100 Jahren gab es noch ganz andere Vorstellungen, wie eine Partnerschaft und eine Familie zu sein hätten. Die bürgerliche Kleinfamilie war das Mass aller Dinge.

Diese Phase war historisch betrachtet allerdings recht kurz.

Eben. Im 18. Jahrhundert konnten 50 Prozent der Menschen noch gar nicht heiraten, weil sie es sich schlicht nicht leisten konnten. Dann kam die Klein­familie. Und jetzt? Jetzt haben wir es mit mächtigen Kulturentwicklungen zu tun, die das Modell in Frage stellen. Individualisierung, Digitalisierung. Oder Urbanisierung: Städter lieben anders, weil sie eine viel grössere Auswahl an Partnern haben. Deshalb zögert sich die Partnerschaftsentscheidung in Städten ja auch hinaus. Die Digitalisierung bringt zudem Partnersuchformen, die katalogähnlichen Operationen ähneln. Und dennoch gibt es dieses evolutionär geprägte, mächtige Gefühl der Liebe.

Das ist eine Konstante?

Naja, die Evolution hat die Liebe erfunden, damit Menschen sich die Tortur antun, völlig hilflose Wesen gemeinsam aufzuziehen. Wir sind ja die einzige Spezies, die das benötigt, weil unsere Nachkommen so lange alleine nicht überlebensfähig sind. Der natürliche Zyklus der Verliebtheit trägt dem Rechnung. Er dauert ungefähr vier Jahre, mal mehr, mal weniger. So lange mussten unsere Vorfahren zusammenbleiben, bis man das Kind an den Stamm abgeben konnte. Vier Jahre sind in unserer Welt mit unserer hohen Lebenserwartung allerdings eine kurze Zeit. Zu kurz zudem für unsere Vorstellung, man müsse ein Leben lang in einen Menschen verliebt sein können.

Das steht vor allem im Widerspruch zur Idee der lebenslangen Monogamie in der Ehe.

Klar. Die Wahrscheinlichkeit, mit einem Menschen lebenslang tiefe Liebe zu erfahren, liegt nach rechnerischen Modellen heute bei zwei bis drei Prozent. Natürlich kann man ein Leben lang mit einem Partner zusammenbleiben, aber mit Liebe hat das dann zumeist nichts zu tun. Es ist deshalb logisch, wenn eine neue Liebeskultur diese Fakten berücksichtigt. Es wird sich das Prinzip der Lebensabschnittspartner durchsetzen, abgesichert durch einfache Verträge, wie man sie ja in Frankreich schon lange kennt. Ein Teil der Menschen, aber niemals die Mehrheit, wird auch Polyamorie leben, also die gleichzeitige Liebe mehrerer Partner. In Berlin gibt es hierzu eine grosse Debatte.

Das ist allerdings nicht jedermanns Sache.

Gewiss. Wir sehen aber auch, dass sich Partnerschaften selber neu organisieren, indem sie sich aus dieser permanenten Umklammerung und Konzentration auf sich selber lösen. Es geht da um neue Wohnformen, zum Beispiel auch in Wohngemeinschaften. Oder darum, dass man sich gegenseitig viel Raum für ein eigenes Sozialleben lässt. Ich sage dem co-evolutionäre Liebe: Ein Liebes- und Lebensmodell, das der modernen Individualkultur angepasst ist und den Individuen den Raum lässt, um sich weiterzuentwickeln.

Das klingt ja alles sehr verlockend. Aber sobald Kinder da sind, gibt es auch ökonomische Zwänge. Und es kann ja nicht sein, dass dann am Ende der Staat die Kosten für Leute übernehmen muss, die von Partner zu Partner ziehen.

Natürlich nicht. Das muss in Verträgen geregelt werden. Aber bei solchen Entwicklungen gibt es immer zunächst Avantgarden und dann kommt es zu einer Vermassung. Autofahren war ursprünglich auch nicht gesetzlich geregelt, und es kam zu vielen Schadenfällen. Irgendwann musste der Staat dann eingreifen. Es wird also ökonomische Modelle und Versicherungssysteme geben müssen. Ich habe allerdings keine Sorge, dass sich das entwickeln wird.

Vielleicht irren Sie sich ja grundsätzlich und die Kleinfamilie bleibt das Modell. Die Heiratsquoten jedenfalls steigen, die Scheidungsquoten sinken. Die Zukunft der Liebe wäre demnach eher ihre Vergangenheit.

Ja, es gibt diesen Trend. Aber eben nicht in grossstädtischen Systemen. Und die Grossstadt ist nun einmal weltweit auf dem Vormarsch. Die Differenzierung von Liebeskonzepten würde möglicherweise nur dann gebremst werden, wenn es zu einer ökonomischen Verarmung kommt. Also kurz: wenn man sich diese neuen Konzepte nicht mehr leisten kann.

Von einer Verarmung sind wir aber weit entfernt. Und dennoch ist die Ehe nicht nur robust, sondern verspürt sogar Aufwind.

Ja, aber es hat sich eben auch hier viel bewegt. Das Heiratsalter hat sich in den letzten Jahrzehnten von 23 auf 33 Jahre verschoben. Das führt automatisch dazu, dass die Menschen vor der Heirat mehr Partnerschaften erlebt haben. Ein durchschnittlicher Grossstädter erlebt heute 12,7 Partnerschaften im Leben. Wenn man aber mehr Liebeserfahrung hat, dann legt man sich auch eher auf einen Partner fest, der wirklich zu einem passt. Das sehe ich bei meinen Söhnen: Die üben seriell. Und wenn sie sich dann einmal festlegen, dann haben die genauer ausgesucht. Es liegt auf der Hand, dass später geschlossene und deshalb besser begründete Ehen haltbarer sind.

Manche sagen, die Technologie werden die Liebe radikal umpflügen, gewissermassen digitalisieren. Was sagen Sie dazu?

Man kann in der Entwicklung der Pornographie beobachten, wie digitale Technik zu einer Virtualisierung der Sexualität führt. Allerdings ist das eine Sackgasse. Denn wenn wir irgendwann nur noch im Cyberspace oder nur noch mit Robotern Sex haben, wird die Menschheit aussterben. Und es macht furchtbar einsam. In Japan, wo diese Entwicklung schon weit fortgeschritten ist, sieht man ja auch, dass die Digitalisierung der Erotik das Grundgefüge zwischen Mann und Frau zerstört. Viele junge Japaner haben ihre erotischen Begegnungen auf Avatare, also digitale Ersatz-Identitäten, im Internet verlegt. Die persönliche Begegnung findet gar nicht mehr statt. 50 Prozent aller 20- bis 40-jährigen haben diese Avatare auf ihren Mobiltelefonen. Die reden gar nicht mehr mit dem anderen Geschlecht. Das ist natürlich eine bemerkenswerte Entwicklung.

In Europa sind wir allerdings noch weit davon entfernt.

Nicht unbedingt. Nach jüngsten Umfragen würden 30 Prozent der Deutschen mit Robotern Sex haben. Schauen Sie: Erotik ist ein riesiges Problem in einer Gesellschaft, die an ihrer Oberfläche extrem sexualisiert ist. Was machen denn die vielen Einsamen, die auf dem Partnerschaftsmarkt gar nicht abgeholt werden? Das ist dann auch die Kundschaft für die virtuelle Pornographie, die unglaubliche Erfolge verzeichnet hat, auch technologisch.

Sind es denn wirklich die Einsamen, die in dieser digitalen Erotik Zuflucht suchen? Oder ist das Phänomen nicht breiter?

Gehen Sie doch mal auf eine Sexmesse und schauen sich die Leute da an. Da treffen Sie vor allem auf einen bestimmten Typus Mann. Es gibt eine Gruppe von Männern, die mit den realen Frauen aus Fleisch und Blut nicht mehr so gut können, die Veränderungen im Geschlechterverhältnis haben die Frauen ja sehr viel stärker gemacht. Sexuelle Frustration ist in vielen Gesellschaften der Welt schon ein riesiges Problem. Wie gross der Anteil dieses Typus an der Bevölkerung ist, ist aber eine andere Frage. Für mich persönlich ist die Vorstellung, mit einem Roboter Sex zu haben, ein reiner Alptraum. Ich halte das für krank.

Dennoch scheint das ein Trend zu sein.

Es gibt in diesem Bereich immer überschiessende Phantasie und eine voyeuristische Neugier. Die Wirklichkeit ist dann meistens doch etwas anders. Aber das Thema der Entpersonalisierung der Liebe fasziniert die Menschheit seit jeher. Das hat auch mit unserer Neugier zu tun und zeigt, wie sehr wir zuweilen den Maschinen ähneln.

Der digitale Sex wird sich also etablieren?

Einen Teil der Menschen wird das betreffen. Nicht nur in Japan, auch bei uns.

Man muss ja nicht so weit gehen, gleich mit Maschinen zu schlafen. Auch die Partnerwahl spielt sich zunehmend im digitalen Raum ab. Tötet das die Liebe?

Es spricht ja eigentlich nichts dagegen, den Auswahl-Radius der Menschen, in die man sich verlieben könnte, zu erhöhen. Das Problem bei der digitalen Partnersuche ist, dass diese Algorithmen suggerieren, Partnerwahl sei ein ewiges Ranking. Das ist natürlich Blödsinn, denn Liebe ist ja gerade die Negation der Bewertung meines Partners. Jemanden Lieben heisst, ihn auserwählen und auch in all seinen Schwächen grossartig zu finden. In der Partnerforschung sieht man, dass Menschen, die Partner über solche Rankingsysteme gesucht haben, zu einem Supermarktdenken tendieren. Es könnte immer ein besserer Partner kommen. Das macht unzufrieden und tötet die Liebe.

Liebe hat ja auch mit Zufall zu tun. In diesen digitalen Partnerbörsen fehlt der aber.

Klar. Bei Liebe geht es um Überraschung. Wenn man mit einer Erwartung an die Partnersuche herangeht, wird das immer zu Enttäuschungen führen. Das ist ja das Quälende an diesen First Dates. Die verlaufen nie so, wie man es erwartet. Es ist immer ein gegenseitiges Prüfen und Bewerten, wie auf einem Markt eben. Und das widerspricht dem Liebesbedürfnis fundamental.

Wenn man die Fortpflanzung gewissermassen technologisch auslagern könnte, würde dann die Liebe überflüssig und verschwinden?

Nun ja, wir müssen heute ja auch nicht mehr 20 Kilometer durch den Wald rennen, um ein Reh zu erlegen, wie das unsere Vorfahren taten. Dennoch tun wir es. Einfach ohne Reh. Wir joggen. Das zeigt, dass diese evolutionär erworbenen Eigenschaften nicht einfach verschwinden, auch die Liebe nicht. Zudem: Es wird noch sehr, sehr lange dauern, bis wir technologisch in der Lage sind, Kinder gänzlich künstlich herzustellen. Falls es überhaupt je gelingt. Was aber Realität ist und zunehmen wird, ist die Varianz der Reproduktion: Kinder von Homosexuellen, Kinder mit drei Erzeugern.

Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?

Sie wird sich weiter differenzieren. Es gibt eben nicht nur einen Trend, sondern verschiedene. Die meisten Journalisten fragen ja immer, wie wir in Zukunft leben werden. Die Frage ist aber falsch, denn dieses Wir führt in die Irre. Wir sind kein Ameisenstaat, in dem alle das Gleiche tun. Wir leben schon heute in einer Vielfalt der Lebensformen, wie es sie noch nie gab. Das wird so weitergehen. Es wird immer mehr Differenzierung von Kulturen und Subkulturen geben, die parallel miteinander umgehen müssen. Das ist ja der Toleranz-Stress, der auf der pluralistischen Gesellschaft liegt, und weshalb sich viele Menschen wieder in eine Kultur mit strikten Normen sehnen.

Unser Staatswesen baut aber auf einem Mindestmass an Gleichheit auf. Ist eine solche Zersplitterung nicht gefährlich?

Nicht zwangsläufig. Es geht hier um die Frage, wie wir allgemeines Menschenrecht auch auf differenzierte Gesellschaften anwenden können – das ist ja der Erfolg der liberalen Demokratie gewesen. Da sind wir ja schon ziemlich weit gekommen. Wir haben immer mehr Teilbevölkerungen Rechte gegeben. Denken Sie an die Gleichstellung der Frau. Oder daran, dass wir in den meisten europäischen Ländern Heiratsrechte für Homosexuelle kennen.

Wie leben und lieben wir in 50 Jahren?

Wir beide sind dann tot. Aber jene, die dann noch da sind, werden in einer viel grösseren Vielfalt als heute leben. Es wird Digital-Erotiker geben, zahlreiche Formen serieller Partnerschaften, polyamore Konzepte und Paare, die miteinander neue Lebenskonzepte umsetzen. Das heisst aber nicht, dass die alten Formen von heute einfach verschwinden. Sie werden immer wieder auftauchen und neu entdeckt werden. Im Grunde sind wir Stammeswesen, und deshalb werden wir immer wieder auch zu Gruppen-Lebensformen zurückkehren, zu grossfamiliären Strukturen.

Und die Liebe verschwindet nicht?

Nein, die Liebe ist zäh. Sie ist eine tief in uns verankerte biochemische Reaktion, die unser Menschsein ausmacht. Hochkomplex, aber verlässlich. Die Hauptrolle spielt dabei Dopamin. Ohne dieses Hormon wären wir nicht lebensfähig, wir würden in einer bleiernen Depression verschwinden. Dank der Liebe haben wir Dopamin in unserem Blut. Die Liebe hält uns also am Leben. Deshalb kann sie nicht einfach verschwinden.

Zukunftsforscher Matthias Horx. Bild: PD

Zukunftsforscher Matthias Horx.
Bild: PD

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