Frankreich
Wo Marine Le Pen schon längst Präsidentin ist

In Brachay leben keine Maghrebiner und keine Migranten – und das soll so bleiben, finden die Einwohner

Stefan Brändle, Brachay
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Eine virtuelle Reise durch Brachay
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Eine virtuelle Reise durch Brachay

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Ihren Namen will die Kellnerin lieber nicht in der Zeitung sehen. Schliesslich arbeitet sie in der einzigen Dorfkneipe weit und breit, hier im ländlichen Department Haute-Marne, und bedient täglich die Einheimischen. Dafür sagt sie rundheraus, was sie von ihnen hält: Mit denen sei nicht gut Kirschen essen. Es seien Hinterwäldler, Rückständige, für die sie selbst eine Ausländerin sei, weil sie aus Paris stamme.

Nach dieser kleinen Einstimmung dauert die Fahrt durch ein schmuckloses Tal nur noch ein paar Kilometer. Zuerst taucht eine Badewanne auf der Kuhweide auf, dann folgt das Dorf: Brachay. Kein schöner Name. Das verlorene Nest hinter dem Wald ist bekannt geworden, weil vor drei Jahren 72 Prozent der Wähler für Front-National-Präsidentin Marine Le Pen stimmten. Das war Landesrekord.

Ländliches Frankreich

Nicht das glamouröse Paris, sondern einfach nur ländliches Frankreich: Das ist Brachay im Departement Haute Marne im Südosten des Landes. Hier gibt es nichts ausser ein paar Häusern und einer Kirche. 60 Einwohner zählt die Gemeinde noch, dreimal weniger als nach dem Krieg. Nicht einmal im allwissenden Wikipedia sind ausführliche Informationen zu Brachay zu finden. Nur dass das Dorf ein «Schaufenster» des Front National ist, erfährt man auch dort. Immerhin: Ausser Marine Le Pen war auch Google Street View in Brachay und erlaubt eine virtuelle Fahrt durchs Dorf.

Auf den ersten Blick ist es ein Ort wie jeder andere am Oberlauf der Marne. Man glaubt sich im Herzen Frankreichs und doch irgendwie am Rande der Welt, wo selbst die Zukunft fern scheint. In dem dünn besiedelten Niemandsland schliessen die einst angesehenen Giesserei-Fabriken, wandern die Bauern ab.

Auch in Brachay zerfallen die Höfe. Es gibt hier nichts zu tun, nichts zu lachen: Die zwei lokalen Bistros haben seit langem geschlossen, mit ihnen die Bäckerei, der Käseladen, der Coiffeur. Die Strassen sind menschenleer, nur ein paar Vorhänge bewegen sich, wenn Fremde vorbeigehen.

Man steht zu den Rechtsextremen

Das einzige Neue ist ein riesiges Spruchband auf dem Dorfplatz: «Marine rettet Frankreich», steht darauf in säuberlichen Riesenlettern. «Das war mein Schwiegersohn», lacht Bürgermeister Gérard Marchand (57) durch seine Zahnlücken, die zahlreicher sind als seine Zähne. Andernorts wäre das Transparent zu Ehren von Marine Le Pen, der Präsidentin des Front National (FN), keine fünf Minuten hängengeblieben. Hier reisst es niemand herunter. Hier ist FN-Land, Frontgebiet. Hier stimmt man nicht nur im Versteckten für die Rechtsextremisten, hier steht man offen dazu.

«Im siebenköpfigen Gemeinderat gehören fünf zum FN, zwei zur Linksfront», sagt Marchand. «Aber wir verstehen uns prächtig!» Und die französischen Grossparteien, die Sozialisten und Konservativen, sind die hier nicht vertreten? «Och, die erhalten hier nicht mehr als eine oder zwei Stimmen», schätzt der Rindvieh- und Getreideproduzent, der letzte von einstmals elf Bauern im Ort.

Und warum wählen drei Viertel FN? Auf diese Frage hat der Bürgermeister gewartet. «Die Rechte und die Linke haben wir schon versucht», erklärt Marchand. 1981 habe er den Sozialisten Mitterrand gewählt – und zwar «aus Überzeugung». Dessen Gegenspieler Valéry Giscard d’Estaing habe ihm vor der Wahl einen Check geschickt. Den habe er einkassiert, aber nun erst recht Mitterrand gewählt. 1995 habe er es mit Jacques Chirac probiert. «Der gleiche Reinfall.» Seit 2002 wählt Marchand Le Pen. Zuerst Jean-Marie, jetzt die Tochter Marine.

Der Bürgermeister ist de Gaulle-Fan

Letztere habe «coolere Ideen» als ihr Vater, findet der stämmige Bürgermeister, der Marine schon persönlich kennen gelernt hat. Auf ihrer «Tour de France der Vergessenen» sei sie in Brachay vorbeigekommen. Erfreut, in der neuen FN-Hochburg auf so grossen Zuspruch zu stossen, habe sie ihm sogar bei einem Festanlass eine FN-Mitgliedskarte ausgehändigt.

Das hindert Marchand nicht daran, ein flammender Anhänger von Charles de Gaulle zu bleiben. Jenes Generals also, den Le Pen und viele Algerienfranzosen für die Aufgabe der Ex-Kolonie hassen. De Gaulle stammte aus Colombey-les-deux-Eglises, einem Dorf 20 Kilometer südlich von Brachay. «Als Kind sah ich ihn vor unserem Haus vorbeifahren», erinnert sich Marchand mit feuchten Augen. «Heute bräuchte Frankreich wieder einen General.

Oder eine Generalin. Eine wie die coole Marine. Die will nicht nur die Grenzen für billige Agrarprodukte aus Amerika und Billigarbeiter aus Litauen dichtmachen, sondern auch für alle Kriminellen. «Wollen Sie wissen, warum wir wirklich für den Front National stimmen?», fragt Marchand. «Wegen der Unsicherheit!» Den Terrorangriffen? Nein, hier in Brachay! Letzten Winter habe er nächtens selber zwei fremde Diebe in seinem Haus gestellt und der Polizei übergeben, erzählt der Bürgermeister, der in der Umgebung auch «le shériff» genannt wird. Was meint er mit «fremd»? «Die kamen von auswärts», sagt er vorsichtig, um ungefragt anzufügen: «Ich bin nicht Rassist.»

Dann würde er also in Brachay zum Beispiel auch einen Migranten willkommen heissen, der eine der vielen leeren Wohnungen im Ort mieten und seine Klempnerdienste anbieten würde? Das wäre doch ein Beitrag gegen die Abwanderung. Marchand überlegt. «Da müssen Sie schon die Leute selber fragen», meint er schliesslich. «Aber ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass sie begeistert wären. Sie sind nicht an dunkelhäutige Menschen gewöhnt.»

«Wir wollen das hier nicht»

Probe aufs Exempel: Die erste Tür hinter dem Rathaus öffnet eine Rentnerin namens Nicole. Im Flur prangen eine Frankreich-Flagge und die Heilige Theresa, dazu ein Bild von Marine Le Pen in jungen Jahren mit ihren beiden Schwestern. In der ärmlichen Küche liegen Birnen und selber gezüchtete Tomaten auf dem Tisch. Nicole hat etwas Mühe mit essen und sprechen, da ihr soeben ein Zahn ausgefallen ist. Und beim nächst gelegenen Zahnarzt hat sie erst in einem Monat einen Termin gekriegt.

Noch einmal die Frage: Könnte Frankreich nicht versuchen, nach deutschem Vorbild Migranten in seine entvölkerten Landstriche zu holen? «Nein», meint Nicole, «wir wollen nicht, dass das hierherkommt.» Das? «Die Ausländer, die Migranten, die Probleme, die Spannungen. In letzter Zeit haben die Diebstähle hier stark zugenommen. Es ist bekannt, wem das zuzuordnen ist. Die Täter kommen aus der Sozialsiedlung in Joinville, zwölf Kilometer von hier.»

Das Lokalblatt «Est-Eclair» berichtet an diesem Tag allerdings nur von einem Mann, der seine Nichte vergewaltigte, acht Jahre Haft erhielt, aber nach sieben Monaten freikam. Dazu von einem betrunkenen Autofahrer, der die Polizeikontrolle tätlich angriff und nicht einmal den Fahrausweis besitzt. Einheimische Franzosen, keine Ausländer. Für Nicole ist das kein Argument. «Hier fehlt es an Jobs. 15 Prozent Arbeitslose in der Gegend, dazu 25 Prozent auf dem Existenzminimum, das macht 40 Prozent Hoffnungslose», meint sie. «Das genügt.»

«Ausländer haben es besser»

Zweite Probe aufs Exempel, ein Haus weiter. Dort lebt Anthony mit seiner Familie, 27-jährig, derzeit Schichtarbeiter in einem verbliebenen Giesswerk. Wen er wählt? Natürlich die Partei, die längst nicht mehr nur in den Industriewüsten Nord- oder Ostfrankreichs zuschlägt, sondern auch auf dem Land, dem Herzen Frankreichs: Front National. «Ich stehe jeden Morgen früh auf, ich zahle meine Miete, dazu Sozialbeiträge, während andere auf der faulen Haut liegen und Gratis-Arzthilfe kriegen», begründet er seine Wahl, als habe er gerade ein FN-Flugblatt gelesen. «Heute ist es in Frankreich besser, Ausländer als Franzose zu sein.»

Bei der letzten Präsidentschaftswahl 2012, so erzählt Anthony, habe er im Provinzhauptort Saint-Dizier selber gesehen, wie Jugendliche mit Algerien-Fahnen François Hollandes Wahlsieg feierten. «Da sagte ich mir, jetzt sind wir echt in der Sch...», meint Anthony. Dass die Maghrebjugend vor allem für Hollande stimmten, weil sie dessen Rivale Nicolas Sarkozy als «Abschaum» bezeichnet hatte, überzeugt den jungen Vater nicht. «Auf jeden Fall wird unter Marine alles ändern, wenn sie einmal Präsidentin ist», meint er.

Nur in Brachay wird alles gleich bleiben: Hier ist Marine längst Präsidentin.

Alles spielt dem Front National in die Hände

Die Angst ist in Frankreich gross – nicht so sehr vor einem neuen Terroranschlag, sondern vor einem Triumph des Front National (FN) bei den Regionalwahlen. Der erste Durchgang findet am Sonntag statt, und sämtliche Umfrageinstitute sagen den Frontisten ein weiteres Spitzenresultat von rund 30 Prozent voraus. Einen Punkt mehr als den konservativen «Republikanern», acht Punkte mehr den regierenden Sozialisten. Erstmals hat der FN gute Chancen, im zweiten Wahlgang eine Woche später eine erste oder gleich mehrere der seit einer Gebietsreform noch 13 Regionen zu erobern. Die Angst ist so gross, dass sich auch unübliche Stimmen in den Wahlkampf eingeschaltet haben: Der Unternehmerverband Medef rechnete vor, wie schädlich das Parteiprogramm des FN – mit Euro-Ausstieg und Abwertung – für die Wirtschaft wäre. Alle Kommentatoren sind sich einig: Die islamfeindlichen und antieuropäischen Frontisten profitieren in erster Linie von den Terroranschlägen und dem Flüchtlingszustrom nach Europa (kaum nach Frankreich). Der FN-Vormarsch hat seinen Grund allerdings auch in der Rekordarbeitslosigkeit von fünf Millionen Direktbetroffenen und der Ohnmacht der etablierten Parteien gegenüber der Arbeitslosigkeit. (brä)