Libyen
Wohin zieht es Muammar Gaddafi?

Laut Gerüchten soll Libyens Diktator «in den nächsten Tagen» von der Politbühne abtreten. Und dann nach Tunesien ins Exil gehen. Dort, so glaubt der Diktator offenbar, ist er vor dem Zugriff der Gegner sicher.

Renzo Ruf, Washington
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Am 11. April zeigt sich Muammar Gaddafi in Tripolis seinen Anhängern.

Am 11. April zeigt sich Muammar Gaddafi in Tripolis seinen Anhängern.

Keystone

Muammar Gaddafi scheint Fluchtabsichten zu hegen. Der libysche Diktator treffe «ernsthafte Vorbereitungen», «innerhalb der nächsten Tage» mit seiner gesamten Familie nach Tunesien auszureisen, meldete der amerikanische Fernsehsender NBC gestern. Angeblich sollen sich diese Berichte auf «eine steigende Zahl von Geheimdienstberichten» stützen.

Der Pentagon-Korrespondent des Senders verwies auch auf eine Aussage von Verteidigungsminister Leon Panetta, der diese Woche gesagt hatte: «Gaddafis Streitkräfte sind geschwächt. Ich glaube, seine Tage sind gezählt.» Gleichzeitig warnte NBC allerdings vor allzu hohen Erwartungen. «Gaddafi ist extrem unberechenbar.» Deshalb seien alle Gerüchte über einen bevorstehenden Rücktritt mit Vorsicht zu geniessen.

Rebellen gewinnen Terrain

Allerdings stimmt es, dass die Rebellen in den vergangenen Tagen Terrain gewonnen haben. Und je mehr die Vertreter der Übergangsregierung auf die libysche Hauptstadt vorrücken, desto lauter werden die Gerüchte über Gaddafis Rückzug. So meldete gestern eine arabische Tageszeitung, dass der Diktator jüngst bei den Regierungen von Ägypten, Marokko, Tunesien und Algerien angeklopft habe. Sollte Tripolis in die Hände der Rebellen fallen, möchte Gaddafi über einen Rückzugsort verfügen, zitierte die Zeitung einen ehemaligen Vertrauten des Diktators. Andere Quellen nennen Südafrika oder gar Venezuela als mögliches Exil.

Sollte Gaddafi tatsächlich sein Land verlassen, dass er seit den späten Sechzigerjahren mit harter Hand regiert, käme dies einem Triumph der amerikanischen Regierung gleich – nachdem die westliche Militärintervention in Libyen in den vergangenen Wochen immer stärker unter Kritik gekommen ist.

Demokraten und Republikaner in Washington bemängeln, dass den Nato-Streitkräften eine klare Strategie fehlt. Auch setzen sie Fragezeichen hinter die Verlässlichkeit der Rebellen – niemand wisse wirklich, ob die Übergangsregierung der Rebellen imstande sein werde, nach einem Rücktritt Gaddafis das Land zusammenzuhalten, heisst es unter aussenpolitischen Experten in Washington.