Mini-Wohnungen in Paris: Das Leben
auf drei Quadratmetern

In der französischen Hauptstadt grassiert die Wohnungsnot. Zahlreiche Menschen leben auf winzigen Wohnflächen, wie ein Sozialwerk nun publik gemacht hat.

Stefan Brändle, Paris
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In dieser Bleibe im 14. Pariser Arrondissement fehlt mangels Platz sogar ein richtiges Bett. (Bild: AFP (27. September 2018)

In dieser Bleibe im 14. Pariser Arrondissement fehlt mangels Platz sogar ein richtiges Bett. (Bild: AFP (27. September 2018)

«Leben wie Gott in Frankreich», so besagt es ein Bonmot. Einzelne leben allerdings eher wie Schildkröten. Das sagt von sich jedenfalls José, Aushilfsangestellter einer städtischen Bibliothek, der aus Scham seinen Nachnamen nicht nennen will. Der 71-jährige Pariser wohnt im 14. Arrondissement, einem kleinbürgerlichen Bezirk. Sein Wohnhaus in der Avenue Jean Moulin weist eine saubere Fassade auf, und auch die Eingangshalle sowie das Treppenhaus zeugen von einer gepflegten Pariser Adresse.

José lebt im obersten Stockwerk, wo sich traditionellerweise die einstigen «Chambres de bonnes», die Dienstbotenzimmer, befinden. Seine stark abgeschrägte Bleibe misst fünf Quadratmeter. Aber nur auf der Höhe der Steckdosen. Aufrecht stehen kann man in dem Kämmerchen einzig auf 0,9 Quadratmetern. Soviel misst Josés offizielle Wohnfläche, die laut französischem Recht ab 1,80 Meter Höhe gemessen wird.

«Missbräuche durch Mietwucherer»

José hat sich in seinem Quadratmeter gut eingerichtet, auch wenn er sich oft auf allen Vieren bewegen muss. «Wie eine Schildkröte» fühlt er sich, wenn er unter die niedrigsten Zimmerpartien krabbelt. Dort hat er seine geliebten Bücher verstaut. Ein Bett hat der Rentner nicht, da es an dem einzig freien Platz bei nassem Wetter in einen Kessel tropft. José entrollt abends einen Schlafsack, den er bei Regen verrutschen kann. Trotzdem fühlt er sich nicht so romantisch wie der arme Poet in dem berühmten Spitzweg-Gemälde. Immerhin zahlt er 250 Euro Miete im Monat.

Alltag in Paris? Zumindest auf Josés Stockwerk: Dort betragen die Wohnflächen der einzelnen Zimmer zwischen einem und sechs Quadratmetern. Für sie alle gibt es am Ende des Etagen-Korridors nur ein Stehklo, das schon bessere Tage gesehen hat. José geht sich dreimal die Woche im Schwimmbad des Viertels waschen.

Ans Licht sind diese Wohnverhältnisse erst gekommen, als sich ein Mieter bei der Stiftung Abbé Pierre nach der Rechtmässigkeit seines Mietvertrages erkundigte. Die Sozialarbeiter informierten ihn, dass es in Paris verboten sei, Wohnraum von weniger als neun Quadratmetern – stehbare – Fläche zu vermieten.

Die Stiftung schätzt, dass in Paris dessen ungeachtet mehrere tausend Wohnungen mit geringerer Fläche vermietet werden. Der Fall der Avenue Jean Moulin sei leider «repräsentativ für die Missbräuche durch Mietwucherer», teilte das Hilfswerk vergangene Woche in einem Communiqué mit, nachdem es die Presse und die Behörden informiert hatte. Nun hat sich aber die Justiz eingeschaltet. Sie stornierte die Mietzahlungen und droht dem Eigentümer mit einer saftigen Busse und sogar Haft. Am Rechtsrahmen fehlt es in Frankreich nicht. Doch der «Wohndruck ist schlicht zu gross», sagt die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo.

Das zeigt sich auch im Quadratmeterpreis. Unter einer halben Million Euro kommt man beim Kauf einer mittelgrossen Wohnung nicht mehr weg. Ähnlich teuer ist die Miete: Um die Avenue Jean Moulin zahlt man für eine 100-Quadratmeter-Wohnung monatlich an die 3000 Euro – das Doppelte des französischen Durchschnittslohns.

Immer mehr junge Ehepaare mit Kinderwunsch ziehen deshalb in die Vorstädte von Paris – oder wohnen im Stadtzentrum auf immer kleinerem Raum. Der neuste Renner der Möbelgeschäfte sind ausklappbare Betten, die sich tagsüber in einen Esstisch verwandeln lassen.