Unabhängigkeit für Kosovo
Wolfgang Petritsch: «Starke EU ist fundamental für stabilen Balkan»

Den Konflikt zwischen Kosovo-Albanern und der serbischen Minderheit hält der ehemalige EU-Sonderbeauftragte für den Kosovo, Wolfgang Petritsch, für relativ ungefährlich. Aber nur solange Europa auf dem Balkan präsent sei, sagt der Österreicher.

Daniel Fuchs
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Bleibt optimistisch für den Kosovo: Wolfgang Petritsch

Bleibt optimistisch für den Kosovo: Wolfgang Petritsch

Keystone

Herr Petritsch, die Schutzmächte entlassen Kosovo in die «volle Unabhängigkeit». Man las das fast etwas beiläufig. Warum?

Wolfgang Petritsch: Kosovo erlangt nun seine volle Unabhängigkeit, weil das Land Fortschritte in Bezug auf die Sicherheit gemacht hat. Etwas beiläufig erscheint dieser Entscheid der Schutzmächte, weil die Welt derzeit schlicht andere Sorgen hat.

Macht es überhaupt einen Unterschied zu vorher?

Ich halte den Schritt für richtig. Man hat im Kosovo zwar weit nicht alles erreicht, beendet mit dem Entscheid aber eine erste Phase und gibt zu verstehen: Nun ist ein erhöhtes Mass an politischer Eigenverantwortung vorhanden. Überdies bleibt das massive EU-Engagement und die OSZE vor Ort.

Längst nicht alle anerkennen die Souveränität Kosovos.

Mit dem Tschad hat vor kurzem bereits der 91. Staat Kosovo anerkannt. Trotzdem: Mit dem unvollständigen internationalen Status des Landes müssen wir während der nächsten Jahre leben können. Das wird sich erst ändern, wenn Serbien seine Beziehung zum Kosovo pragmatischer beurteilt. Wohl knapp vor dem EU-Beitritt also.

Ist der Staat überlebensfähig?

Kosovo ist und wird über Jahre in zweifacher Hinsicht von aussen abhängig bleiben. Erstens von den finanziellen Überweisungen der Diaspora, wobei die Schweiz als Heimat vieler Kosovo-Albaner eine wichtige Rolle spielt. Andererseits die europäische Hilfe: Solange Europa die Vision eines sozial ausgewogenen Kontinents verfolgt, wird es wirtschaftliche Hilfe für Kosovo geben. Damit kann Sicherheit für uns alle geschaffen werden. Im Gegensatz dazu wäre ein militärisches Eingreifen um ein Vielfaches teurer und ist nicht produktiv. Auch wirtschaftliche Beziehungen helfen dabei, den Frieden zu festigen.

Bestehen überhaupt wirtschaftliche Verflechtungen zwischen Serbien und Kosovo?

Sie sind sogar ganz wichtig: Untersuchungen zeigen, dass 40 Prozent der kosovarischen Exporte nach Serbien gehen. Das heisst, dass es eine Perspektive gibt. Klar: Es gibt Probleme mit den Serben im Norden des Kosovo. Im Gegensatz dazu kooperieren die Serben im Süden. Sie sitzen zum Teil in der Regierung und im Parlament. Die Hauptverantwortung liegt nun bei der Mehrheit, den kosovarischen Albanern. Sie sind in der Mehrheit und müssen den Serben entgegenkommen.

Doch leidet das Land an Problemen wie hoher Korruption, Arbeitslosigkeit, organisiertem Verbrechen. Kosovo ist ein Gaunernest.

Die grossen Probleme lassen sich nicht von der Hand weisen. Doch in unserer vernetzten Welt können wir keine «Banlieue» im Kosovo tolerieren. Gerade die Korruption spielt im Kosovo eine riesige Rolle. Aber nicht nur dort, denn Korruption reicht bis weit in unsere Gesellschaft hinein. Doch gibt es Instrumente dagegen, die man konsequent anwenden muss.

Sie sind ein grenzenloser Optimist.

Nein, aber ich habe in der Region gelernt, dass Fortschritt dem Bohren dicker Bretter gleicht. So habe ich die Unruhe und Ungeduld, die sich auch bei mir bemerkbar machte, ablegen können. Heute ist klar, dass die Staatengemeinschaft irrte, als sie glaubte, von aussen mit viel Geld stabile Verhältnisse herbeiführen zu können. Es braucht im Kosovo, wie auch in Bosnien, einen kulturellen, zivilisatorischen Wandel, der viel Zeit benötigt.

Pessimisten warnen nicht nur vor kriegerischen Auseinandersetzungen Serbien, sondern auch vor Träumereien eines Grossalbaniens.

Solche Träume charakterisieren doch den europäischen Kontinent. Man findet sie heute wieder etwa in Ungarn. Solchen Konzepten gemein ist, dass sie allesamt aus dem tiefsten 19. Jahrhundert stammen. Ich halte sie per se für ungefährlich in einem funktionierenden Europa. Man muss diesen Ideologien mit Bildung gegenübertreten. Europa muss das Modell des liberalen demokratischen Staates auch auf dem Balkan propagieren und zeigen, dass das Ethnische kein Staatsbildungsmoment sein kann.

Dann haben sich jene Befürchtungen nicht bewahrheitet, wonach ein unabhängiges Kosovo Begehrlichkeiten in der Region weckt?

Ich sehe solche Dinge viel gelassener: Nach 1989 zeigte sich, dass Staaten weder starre Gebilde sind. Es ist Teil des Politik-Managements, solche und ähnliche Spannungen, die in der Gesellschaft schwelen, zu identifizieren. In Mazedonien zum Beispiel war es so möglich, einen Bürgerkrieg zwischen Mazedoniern und Albanern zu verhindern; dennoch bleibt die Lage fragil.

Gerade Mazedonien ist nicht verschont von Unruhen.

Eben. Man kann diese Unruhen zwar nicht einfach stoppen, aber managen, ohne dass es zu einem Bürgerkrieg kommt. Europa spielt dabei eine zentrale Rolle.

Doch Europa schwächelt.

Das ist so. Doch warne ich davor, diesen Teil Europas zu vernachlässigen. Europa muss politisch und wirtschaftlich immer wieder seinen Einfluss auf dem Balkan beleben. Denn eine starke EU ist absolut fundamental für einen stabilen Balkan.

In einem starken Europa sind Sie im Zweifelsfall für die Sezession?

In einem starken Europa nimmt die Relevanz von Grenzen automatisch ab. Das hat nichts mit einer Sezession im klassischen Sinne zu tun. Staatsgrenzen werden zu durchlässigen Grenzen, was den einzelnen Regionen auch mehr Autonomie gibt. So könnte die EU sogar die Abspaltung zu souveränen Nationalstaaten auffangen.

Trotzdem: Besonders im Norden des Landes will die serbische Minderheit einfach keine Ruhe geben.

Konflikte mit Grenz-Minderheiten sind immer der harte Kern von Konflikten. Ich selber stamme aus Südkärnten, wo man der slowenischen Minderheit, nach mehr als 55 Jahren, erst im Vorjahr ein international verbrieftes Recht zugestanden hat. Das ist auf dem Balkan nicht anders. Dort hängt nun alles davon ab, ob die EU der Bevölkerung auch künftig die Perspektive einer Mitgliedschaft bieten kann. Natürlich erhielt diese Hoffnung mit der jetzigen Krise einen Dämpfer.

Besondere Sorgen bereitet Bosnien-Herzegowina. Inwiefern unterscheidet sich die dortige Situation von jener im Kosovo?

Bosnien-Herzegowina ist eigentlich der Balkan im Kleinen. Mit den Bosniaken, den Kroaten und den bosnischen Serben sowie den vielen weiteren Minderheiten wie den Juden oder Roma, ist die Situation viel komplexer. Anders als im Kosovo gibt es in Bosnien keine klassische Mehrheit-Minderheit-Situation, sondern unterschiedliche Konstellationen mit abwechselnden Mehrheiten. Der Krieg wurde zwar mit dem Vertrag von Dayton von aussen gestoppt, bis heute wird er aber auf politischer und ideologischer Ebene von den Politikern weitergeführt.

Bosnien wie Kosovo scheinen einen steinigen Weg vor sich zu haben.

Wir dürfen nicht resignieren. Ich reise oft in die Region. Die Menschen wollen keinen Krieg. Es bringt auch nichts, immer wieder davor zu warnen, weil es zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden könnte. Auf der anderen Seite darf Europa aber nicht nachlässig sein und sich unter keinen Umständen vom Balkan abwenden.

Wolfgang Petritsch arbeitet heute als ständiger Vertreter Österreichs bei der OECD in Paris