Genua
Wut und Trauer nach Brückeneinsturz – Autobahn-Chef und EU sind die Sündenböcke

Die Zahl der Toten nach dem Brückeneinsturz in Genua ist auf 42 gestiegen. Italiens Regierung versucht, aus dem Unglück Kapital zu schlagen.

Almut Siefert, Rom
Merken
Drucken
Teilen
Morandi-Brücke am Tag danach
12 Bilder
Zwei von vielen Opfern: Marta, eine 29-jährige Krankenschwester, war mit ihrem Freund Alberto (32) im Auto, als die Brücke einstürzte, wie italienische Medien berichteten.
Italiens Verkehrsminister Danilo Toninelli (links) und der stellvertretende Premierminister Luigi Di Maio (rechts) besuchten gestern den Unglücksort.
Der Fahrer des grün-blauen Lastwagens hatte Glück: «Ich sah die Autos abstürzen, habe gebremst und den Rückwärtsgang eingelegt», sagte er.
Es folgen weitere Bilder der Brücke.

Morandi-Brücke am Tag danach

NICOLA MARFISI

Die Wolken sind verzogen, die Sonne scheint auf die Trümmer der Unglücksstelle in Genua, wo am Morgen noch immer Hunderte Helfer im Einsatz sind und nach Überlebenden und Opfern suchen. 11 Häuser wurden vorsorglich evakuiert, 440 Menschen sind an Ferragosto quasi wohnungslos. Dieser Tag, der 15. August, ist in Italien ein Feiertag, der Tag, an dem Familie und Freunde sich am Meer treffen, zusammen essen, feiern, das Leben und den Sommer geniessen. Doch in diesem Jahr herrscht Staatstrauer an Ferragosto, Mariä Himmelfahrt. Das Unglück vom Vortag, als im norditalienischen Genua eine vierspurige Autobahnbrücke plötzlich zusammenbrach und mindestens 42 Menschen in den Tod riss, lähmt das Land.

Ein etwa 100 Meter langes Stück des Polcevera-Viadukts, das auch Ponte Morandi genannt wird, war am Dienstagmittag aus mehr als 40 Meter Höhe in die Tiefe gestürzt. Neben dem Schock und der Trauer wird am Tag nach der Tragödie auch die Wut der Italiener immer lauter: Wie konnte das nur passieren?

Firma stark unter Druck

Die Vize-Premiers Luigi Di Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung und Matteo Salvini von der Lega haben ihren ersten Schuldigen schon gefunden: die Betreibergesellschaft Autostrade per Italia. Sie ist laut «Corriere della Sera» für 3020 Kilometer Autobahn und 1866 Brücken und Viadukte in Italien zuständig. Die Regierung werde die Firma zur Rechenschaft ziehen, die Auflösung des Vertrages mit Autostrade werde eingeleitet, sagt Verkehrsminister Danilo Toninelli am Mittwoch an der Unglücksstelle. «Der Widerruf der Konzession ist das Minimum», schreibt Innenminister Matteo Salvini auf seiner Facebook-Seite.

Das bringt Brücken zum Einsturz:

Überbelastung & Korrosion Viele Brücken stammen aus Zeiten, in denen die Lastwagen leichter und das Verkehrsaufkommen geringer waren. Nicht immer hatten die Ingenieure vorausgesehen, was dereinst an Gewicht und Zahl darüberbrausen würde. Hinzu kommt, dass das Material altert und durch die ständigen Belastungen ermüdet. Metallteile wie Schrauben und Stahlseile können zudem rosten. Die Bauwerke werden deshalb regelmässig überprüft. Sicherheit ist trotzdem nicht garantiert, wie sich am 2. Dezember 2017 in Prag zeigte. Mitten am Nachmittag stürzte die 260 Meter lange Troja-Fussgängerbrücke in die Moldau. Sie war im Jahr 1984 erbaut worden. Die Stadt gab nach dem Unglück an, seit 2014 umgerechnet 50 Millionen Franken in den Unterhalt ihrer Brücken gesteckt zu haben.
5 Bilder
Unwetter In Genua wird spekuliert, ob ein Unwetter für die Katastrophe mitverantwortlich war. In anderen Fällen ist der Zusammenhang eindeutig. So kollabierte eine Brücke über den Fluss Savitri bei der indischen Stadt Mahad am 2. August 2016 unter dem Druck eines Hochwassers. Obwohl die Brücke mitten in der Nacht einstürzte, kamen 28 Personen ums Leben. Das Bauwerk war ungefähr hundert Jahre alt und sein maroder Zustand bekannt gewesen. Doch auch Industrienationen sind nicht gegen derartige Schäden gefeit. So hatten die Fluten nach dem Hurrikan «Irene» im Jahr 2011 am Schoharie Creek im US-Bundesstaat New York eine Brücke weggeschwemmt. Am selben Fluss waren im April 1987 innert sechs Tagen gleich zwei Brücken – und mit der einen zehn Menschen – dem Hochwasser zum Opfer gefallen.
Schiffskollisionen Der Führer eines sechsteiligen, mit Kohle und Eisen beladenen Schiffsverbandes irrte sich am 22. September 1993 fatal. Er verwechselte einen Seitenarm mit einer Biegung des Flusses und hielt danach im Nebel die Brücke über den Big Bayou Canot (USA) für ein anderes Schiff, an welchem er anlegen wollte. Beim unsauberen Manöver kollidierte er leicht mit einem Pfeiler. Dieser hielt dem Zusammenstoss stand, doch das Gleis auf der Brücke wurde dabei verschoben. Ein heranbrausender Zug entgleiste, riss die Brücke in den Fluss und 47 Menschen in den Tod. In anderen Fällen ist es die Kollision selber, die eine Brücke zum Einsturz bringt. So rammte 1980 ein Frachtschiff einen Pfeiler der Sunshine Skyway Bridge in der Tampa Bay in Florida. Bilanz: 370 Meter Brücke im Meer, 35 Todesopfer.
Schwingungen Jede Brücke hat eine bestimmte Frequenz, in der sie bevorzugt schwingt. Wenn sie in dieser Resonanzfrequenz angeregt wird – etwa durch Böen –, kann sich die Schwingung verstärken, bis das Bauwerk einstürzt. Das letzte grössere Unglück dieser Art ereignete sich 1940 im US-Bundesstaat Washington. Die Fahrbahn der Tacoma Bridge hatte sich allerdings schon während rund einer Dreiviertelstunde im Wind kräftig hin- und hergedreht, bevor sie zerriss. Alle Menschen konnten sich in Sicherheit bringen, einziges Todesopfer war ein Hund. Weniger glimpflich geht es aus, wenn die Schwingungen von im Gleichschritt marschierenden Menschen ausgelöst werden. Im Jahr 1850 waren im französischen Angers 226 Soldaten mit einer Hängebrücke in den Tod gestürzt.
Konstruktionsfehler Falls eine Brücke nicht stabil ist, zeigt sich dies häufig bereits während des Baus. Denn das Eigengewicht, das eine Brücke zu tragen hat, ist weit grösser als das Gewicht durch die Fahrzeuge, die später darüberfahren sollen. Bei Konstruktionsfehlern bricht die Brücke also oft zusammen, bevor sie für den Verkehr freigegeben wird. So geschehen am 27. Oktober 1966 bei der Wülflingerbrücke der A1 in Winterthur: Damals stürzten Gerüst und 7000 Tonnen Beton zusammen. Bauarbeiter und Anwohner hatten Glück im Unglück, es gab keine Todesfälle. Anders am 15. März 2018 in der Stadt Streetwater in Florida. Sechs Menschen kamen ums Leben, als eine fünf Tage zuvor errichtete Fussgängerbrücke auf die siebenspurige Strasse darunter stürzte. Die Eröffnung der Brücke war für 2019 geplant gewesen.

Überbelastung & Korrosion Viele Brücken stammen aus Zeiten, in denen die Lastwagen leichter und das Verkehrsaufkommen geringer waren. Nicht immer hatten die Ingenieure vorausgesehen, was dereinst an Gewicht und Zahl darüberbrausen würde. Hinzu kommt, dass das Material altert und durch die ständigen Belastungen ermüdet. Metallteile wie Schrauben und Stahlseile können zudem rosten. Die Bauwerke werden deshalb regelmässig überprüft. Sicherheit ist trotzdem nicht garantiert, wie sich am 2. Dezember 2017 in Prag zeigte. Mitten am Nachmittag stürzte die 260 Meter lange Troja-Fussgängerbrücke in die Moldau. Sie war im Jahr 1984 erbaut worden. Die Stadt gab nach dem Unglück an, seit 2014 umgerechnet 50 Millionen Franken in den Unterhalt ihrer Brücken gesteckt zu haben.

HO

Luigi Di Maio, Minister für Arbeit und wirtschaftliche Entwicklung, spricht von «mindestens 150 Millionen Euro Strafe». Verkehrsminister Toninelli forderte ausserdem die Führungsriege des Unternehmens auf, zurückzutreten.

Und noch einen Schuldigen machte Salvini bereits am Dienstagabend aus: die Europäische Union. Die Sicherheit der Italiener gehe vor EU-Defizitregeln. Sein Vorwurf: Durch die strengen Haushaltsregeln, die die EU Italien alljährlich auferlegt, damit das Land von seinem Schuldenberg herunterkommt, hätten nötige Investitionen nicht getätigt werden können. Der Einsturz der Brücke zeige, wie wichtig es ist, mehr Geld in die Hand zu nehmen. «Wenn äussere Zwänge uns davon abhalten, in sichere Strassen und Schulen zu investieren, dann müssen wir wirklich hinterfragen, ob es Sinn macht, diese Regeln zu befolgen.» Dabei kann es am Geld nicht gelegen haben: Gerade in den Ponte Morandi wurde in den vergangenen Jahren viel investiert, erst 2016 wurde die Brücke einer Generalüberholung unterzogen. Auch zum Zeitpunkt der Tragödie waren laut Betreibergesellschaft Autostrade Bauarbeiten im Gange.

Geschacher um EU-Gelder

Politisch steckt viel hinter den Aussagen Salvinis: Bis zum 15. Oktober muss Italien der EU-Kommission seinen Haushaltsentwurf für das kommende Jahr vorlegen. Schon in den vergangenen Jahren ging damit das Geschacher los, wie weit die Defizitgrenze ausgereizt werden darf. Di Maio und Salvini fordern ein Aussetzen der EU-Regeln nach dem Maastricht-Vertrag, um Ausgaben zu erhöhen und die Steuern zu senken.

Doch gerade die Partei von Di Maio, die populistische Fünf-Sterne-Bewegung, die vor etwa zehn Jahren vom Ex-Komiker Beppe Grillo ins Leben gerufen wurde, muss sich nach dem Unglück Vorwürfe gefallen lassen. Denn Kritik gab es an dem am Dienstag eingestürzten Polcevera-Viadukt schon lange. Kostspielige Renovierungen sorgten immer wieder für Diskussionen. Die Brücke, die im Westen von Genua unter anderem über Gleisanlagen und ein Gewerbegebiet führt, wurde in den 1960er-Jahren gebaut. Laut Experten war sie dem heutigen Verkehrsaufkommen mit etwa 5000 Lastwagen pro Tag nicht gewachsen.

Bereits in den 1980er-Jahren kam die Idee auf, den Ponte Morandi daher mit einem neuen Autobahnzubringer zu entlasten. Das Projekt mit dem Namen «Gronda», in Anlehnung an das italienische Wort «grondaia» für Regenrinne, wurde aber von Anwohnern und Umweltverbänden abgelehnt. Und auch die Fünf-Sterne-Bewegung sprach sich 2013 gegen eine solche Alternativlösung aus.

300 marode Brücken

Premierminister Giuseppe Conte versprach den Italienern nun, die Regierung werde einen ausserordentlichen Plan zur Kontrolle der Infrastruktur voranbringen, in dem strenge Kontrollen vorgesehen sind. Laut der Zeitung «La Repubblica» sind um die 300 Brücken und Tunnel in Italien marode, eine veraltete Infrastruktur und eine lückenhafte Instandhaltung die Hauptprobleme. Und das Unglück von Genua ist leider kein Einzelfall. Eine weitere Brücke und eine Überführung stürzten in den letzten zwei Jahren ein. Ferner musste eine Brücke geschlossen werden.

Um die Ursache des Einsturzes der Morandi-Brücke in Genua herauszubekommen, hat die Staatsanwaltschaft der Stadt Ermittlungen eingeleitet. Experten sehen keinen Anhaltspunkt dafür, dass das Unwetter, das zum Zeitpunkt des Einsturzes über der Brücke und der Stadt wütete, und ein Blitz, der kurz vor dem Einsturz in die Brücke gefahren war, etwas mit der Tragödie zu tun haben könnten.