Zahl der Corona-Toten explodiert: Spanien ist Europas neues Epizentrum

Das Virus ist im Land ausser Kontrolle geraten. Bis zu einer Million Menschen könnten bereits infiziert sein.

Ralph Schulze aus Madrid
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Ein Altersheim in Barcelona: Bei einem Notruf kommt wegen der vielen Fälle oft gar kein Krankenwagen mehr.

Ein Altersheim in Barcelona: Bei einem Notruf kommt wegen der vielen Fälle oft gar kein Krankenwagen mehr.

Santi Palacios / AP

Es sind dramatische Szenen, die sich in Spaniens Hauptstadt Madrid abspielen: Menschen liegen in den überfüllten Notaufnahmen der Krankenhäuser auf dem Boden. In den Leichenhäusern stapeln sich Hunderte von Särgen, in denen Todesopfer der Coronaepidemie ruhen. Soldatentrupps in Schutzanzügen rücken zur Seuchenbekämpfung in Altenheime ein, in denen in den letzten Tagen Hunderte Senioren starben, die sich mit dem Coronavirus infizierten.

In einigen Seniorenresidenzen im Land verschieden seit Ausbruch der Epidemie nahezu ein Drittel der Bewohner. «Wenn das Virus einmal in einem Heim wütet, ist es sehr schwer, die Verbreitung zu stoppen», sagt ein Behördensprecher. Wie viele Heimbewohner bisher dem Virus zum Opfer fielen, weiss niemand. Sicher ist nur, dass es viele Tausend sind.

«Eine Katastrophe», sagt Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez, der angesichts der tragischen Corona-Entwicklung verkündete, dass die nationale Ausgangssperre bis zum 25. April verlängert wird. Es ist eine Katastrophe, auf die Spanien nicht vorbereitet war.

Dunkelziffer könnte um das Zehnfache höher liegen

Noch vor einem Monat schaute die Regierung mitleidig auf Italien, wo die Zahl der Corona-Kranken damals bereits in die Tausende ging. Inzwischen hat Spanien Italien als Corona-Epizentrum abgelöst: Nach der amtlichen Statistik wurden bis Sonntag insgesamt mehr als 130700 Infizierte registriert – auch wenn die Infektionskurve langsam abzuflachen scheint. Die Zahl der Toten kletterte landesweit auf rund 12400.

Die offiziellen Angaben in Spanien sind vermutlich nur die Spitze des Eisberges: «Es ist sehr wahrscheinlich, dass die wirkliche Zahl der infizierten Personen zehn Mal höher ist als die amtlichen Zahlen», sagt der Epidemie-Forscher Daniel López-Acuña. Gibt es also statt der rund 131.000 bestätigten Fälle schon mehr als eine Million Corona-Kranke in Spanien?

Vieles spricht dafür: Etwa der grosse Mangel an Testmöglichkeiten in Spanien. Die Laborkapazitäten sind so gering, dass nicht einmal bei allen Risikopersonen ein Test gemacht werden kann. Darunter leiden vor allem Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger.

Wir können ältere Menschen nicht mehr an die Beatmungsmaschinen anschliessen, weil es nicht genügend gibt

In vielen Spitälern spielen sich zudem Tragödien ab, weil es nicht genügend Intensivbetten für die vielen Menschen mit einer Covid-19-Lungenentzündung gibt. Längst werden auf den Intensivstationen in Madrid und in Barcelona, wo die Lage am schlimmsten ist, die Regeln der Kriegsmedizin angewendet. Diese besagen, dass bei Überlastung der Stationen die Patienten mit den besseren Überlebenschancen Vorrang haben.

«Wir können ältere Menschen nicht mehr an die Beatmungsmaschinen anschliessen, weil es nicht genügend gibt», berichtet ein Intensivmediziner im spanischen TV. «Sie ersticken an Atemnot, aber wir können nichts für sie tun.»

Die Verlierer sind vor allem die alten und gebrechlichen Kranken in den Seniorenheimen. Oftmals kommt nicht einmal mehr der Krankenwagen, wenn in einem Altenheim der Notruf gewählt wird. «Sie lassen die alten Leute einfach sterben», empört sich in einem öffentlichen Aufschrei der Sohn eines 80-Jährigen, der an einer schweren Lungenentzündung litt und vergeblich auf Hilfe wartete. «Wir bringen gerade jene Generation um, die dieses Land aufgebaut hat.»