Interview

«Der Humor gehört zur öffentlichen Debatte» – der Zeichner Chappatte ärgert sich über sein Ende bei der «New York Times»

Der preisgekrönte Zeichner Chappatte wurde von der «New York Times» abgesetzt. Er spricht von «vorauseilender Selbstzensur» und sagt, wie Trump seine Arbeit veränderte – und warum er Blocher einmal absagte.

Pascal Ritter aus Genf
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Chappatte spielt auf Trumps geleakte Aussage an: «And when you’re a star, they let you do it. You can do anything. ... Grab them by the pussy.»
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«Zerbrechlich»: ein Weihnachtsgeschenk für Donald Trump.
«Ihr in Berlin hattet eine grandiose Mauer.» Donald Trump und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel im Gespräch.
Chappatte zeichnet einen Mexikaner vor einem «Trump Tower» an der Grenze zu den USA.

Chappatte spielt auf Trumps geleakte Aussage an: «And when you’re a star, they let you do it. You can do anything. ... Grab them by the pussy.» 

Die Zeichnungen von Patrick Chappatte entstehen an einem Stehpult in einer Altbauwohnung im Genfer Quartier Paquis, dem nicht mehr ganz so verruchten Viertel zwischen Bahnhof und Genfersee. Von hier aus kommentierte er bis vor kurzem mit frecher Feder die Weltpolitik für die «New York Times». Ende Mai wurde er abgesetzt. Das Blatt verbannte nach einer umstrittenen Zeichnung eines anderen Künstler satirische Illustrationen generell. Die letzten hat er nun in einem Buch veröffentlicht. Der 52-jährige Chappatte wirkt im Gespräch gut gelaunt. Manchmal fehlen ihm in seiner Muttersprache Französisch die Worte und er wechselt ins Englische.

Ein Genfer zeichnete für die wichtigste Zeitung der Welt, die «New York Times». Wie kam es dazu?

Patrick Chappatte: Ich zeichne seit dem Gymnasium für Zeitungen. Die erste Zeichnung war ein Comic über die äthiopische Botschaft, die in Genf viel Geld ausgab, während die Bevölkerung zuhause hungerte. Ich schrieb auch für die mittlerweile eingestellte Zeitung «La Suisse» und machte eine Journalistenausbildung. Dann verliess der Stammkarikaturist die Zeitung und ich konnte übernehmen. Mit 27 Jahren zog ich dann nach New York und versuchte dort die «New York Times» zu überzeugen, dass sie politische Zeichnungen brauchen.

Ein ambitioniertes Ziel als junger Schweizer, die «New York Times» von etwas überzeugen zu wollen.

Man muss ambitioniert sein, wenn man jung ist. Und natürlich war ich naiv und versuchte es einfach. Die «New York Times» (NYT) hörte anfangs nicht auf mich, stellte mich aber als Illustrator ein für den Literaturteil. Ich stürzte mich auf politische Sachbücher und wurde schon bald ermahnt, in den Zeichnungen nicht zu politisch zu werden. Damals hatte die «International Herald Tribune», die ausserhalb der USA erschien, bereits politische Zeichnungen. Sie bezogen sie aber über Agenturen. Irgendwann gelang es mir, die Verantwortlichen in Paris davon zu überzeugen, dass sie mich als eigenen Zeichner brauchten. Später übernahm die NYT die «Herald Tribune» und auch die Zeichnungen. Allerdings wurden sie online publiziert und nicht in der gedruckten Ausgabe.

Wie hat die Wahl von Donald Trump Ihre Arbeit verändert?

Trump ist überall. Er hat die Fähigkeit, allen Sauerstoff aus den Medien zu verbrauchen. Trump ist die Inkarnation unserer narzisstischen Gesellschaft. Er ist der Ausdruck der Epoche der sozialen Medien. Ohne sie wäre er nicht gewählt worden. Er spielte auch eine indirekte Rolle am Ende der Karikaturen in der «New York Times».

Patrick Chappatte in seinem Büro in Genf.

Patrick Chappatte in seinem Büro in Genf.

Bild: Pascal Ritter

Kosmopolit Patrick Chappatte

Geboren in Pakistan, aufgewachsen in Singapur, ans Gymnasium in Genf. Auch mit dieser kosmopolitischen Kombination empfahl sich Patrick Chappatte als Zeichner bei der internationalen «New York Times». Dort musste der Sohn einer Libanesin und eines Schweizers gehen, weil das Blatt künftig gänzlich auf Karikaturen verzichtet. Der 52-Jährige ist mit einer Journalistin verheiratet und hat drei Kinder. (rit)

Ist es eigentlich einfach, Donald Trump zu karikieren?

Es ist nicht einfach, Populisten wie Trump oder auch Christoph Blocher festzunageln. Wenn man den Eindruck hat sie gepackt zu haben, sind sie schon über die Karikatur hinausgegangen oder haben eine komplett neue Richtung eingeschlagen.

Was denkt ein Trump-Anhänger über Ihre Zeichnungen?

Wahrscheinlich denkt er: Ach, schon wieder ein liberaler Karikaturist, der über Trump herzieht.

Könnte es nicht sein, dass er nichts Empörendes darin sieht, etwa wenn Sie Trump zeigen, wie er die USA mit einer Mauer umgibt.

Ja, auch das ist möglich. Das ist ja das Spannende an solchen Zeichnungen, dass sie verschiedene Interpretationen zulassen und unterschiedliche Reaktionen auslösen. Einmal bekam ich eine Anfrage von Christoph Blocher, ob er eine meiner Zeichnungen von ihm für eine Grusskarte verwenden darf. Ich habe abgesagt. Ich will nicht, dass meine Zeichnungen politisch instrumentalisiert werden.

Joseph Stiglitz hofft, «blinde Trump-Anhänger» würden dank Ihren Karikaturen Ihre Meinung überdenken. Glauben Sie daran?

Ich glaube nicht, dass meine Zeichnungen dazu führen, dass jemand seine Meinung ändert. Das ist auch nicht ihre Aufgabe. Aber Bilder treffen einem direkter ins Herz als Texte, sie können aufrütteln und zum Denken anregen. Wenn ich zum Beispiel Karikaturen von Pro-Trump-Zeichnern anschaue, regt mich das zum Nachdenken an und ich habe dann vielleicht eine differenziertere Sicht und ich werde klüger.

Wie kam es zum Ende der Karikaturen in der «New York Times»?

Ende Mai 2019 habe ich erfahren, dass mein Vertrag ausläuft. Das war ein Monat nachdem die NYT eine Zeichnung publizierte, die nicht von mir war. Ein Redaktor druckte eine Karikatur einer portugiesischen Zeitung nach. Sie zeigte Netanjahu als Blindenhund von Donald Trump. Der «Dackel» Netanjahu trug einen Davidstern um den Hals. Ich hatte zu dieser Zeit Ferien und war ironischerweise in New York, wo ich einen Preis für meine Karikaturen abholte. Dann flog der NYT die Karikatur aus Portugal um die Ohren. Sie wurde als antisemitisch kritisiert. Foxnews und Breitbart brachten die Geschichte und die Söhne von Trump und Netanjahu retweeteten sie. Und als einmal die Maschine lief, reagierte die NYT defensiv. Sie hat sich entschuldigt und einen Monat später wurde mein Vertrag gekündigt. Diese Entscheidung markiert eine Etappe. Um keine Probleme mit künftigen Zeichnungen zu haben, bestellten sie einfach alle Zeichnungen ab. Sie entschieden sich also für präventive Selbstzensur. And this is new!

Das Buchcover von «The Last Cartoons from the New York Times»

Das Buchcover von «The Last Cartoons from the New York Times»  

Chappatte

Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich habe zunächst einmal fünf Tage nachgedacht. Dann habe ich eine Kritik geschrieben und sie auf meine Webseite gestellt. Der Text hatte ein enormes Echo. Ich habe ihn am Abend online gestellt und ging schlafen. Als ich aufwachte berichtete CNN darüber und die NYT hatte ein Communiqué publiziert. Ich wurde mit Anfragen überhäuft. Drei Wochen lang gab ich nur Interviews. Das ist die gute Nachricht: Die Entscheidung hat viele Menschen durchgeschüttelt. Die moralischen Kampagnen in den sozialen Medien werden hinterfragt. Und es wird kritisiert, dass die traditionellen Medien sich davon einschüchtern lassen. Die NYT hatte sogar Abo-Kündigungen.

Darf man über alles Witze reissen?

Nein, das finde ich nicht. Das Problem entsteht, weil wir in einer globalisierten Welt leben. Es gibt keine Grenzen mehr und so erreichen Zeichnungen, die für ein bestimmtes Publikum gedacht sind, Menschen, die sie nicht verstehen. Der Humor funktioniert nur in einem beschränkten Gebiet, wird aber global wahrgenommen. Am Anfang steht eine Karikatur eines Zeichners in Portugal für ein Publikum, das ihn kennt und weiss, dass er kein Antisemit ist. In der «New York Times» funktioniert die gleiche Zeichnung aber nicht. Man kann sie falsch verstehen.

Wie denken Sie über die Karikatur?

Ich finde die Zeichnung problematisch. Es liegt ihr kein antisemitisches Motiv zugrunde, es gibt aber unglückliche Elemente. Statt einer Israel-Flagge trägt der als Blindenhund dargestellte Netanjahu einen Davidstern und Trump eine Kippa. Beides hätte man vermeiden müssen. Es kann als antisemitisch gelesen werden, darum hätte sie nicht in die NYT gehört. Zudem hätte man danach eine Diskussion führen müssen: Warum wird die Zeichnung falsch verstanden? Stattdessen brach Panik aus. Dabei gedeiht der Antisemitismus am besten in der Dunkelheit, wenn es keine Diskussion gibt. Wenn man sich nur entschuldigt und Sanktionen verhängt, nährt das nur den Antisemitismus, statt ihn zu bekämpfen. Eine Diskussion ist das beste Mittel dagegen.

Welche Rolle spielte Social Media?

Die sozialen Medien haben den Druck verstärkt. Im Grunde geht es aber um etwas anderes. Es kamen verschiedene Dinge zusammen, die sich in ihrer Kombination fatal auswirkten. Auf der einen Seite haben wir den Druck von rechts auf die NYT. Für die Rechten ist die Zeichnung nur eine Ausrede, um gegen die verhasste Zeitung vorzugehen. Hinzu kam der Druck von links: die politische Korrektheit. Wenn sich der politische Druck von rechts und der Kampf für Political Correctness vereinen, haben die Satire und der Humor keine Chance. Das ist die neue Bedrohung für die Meinungsfreiheit.

Die politische Korrektheit hat Ihnen also den Job gekostet.

Auf eine gewisse Weise schon. Denn dem politischen Druck von rechts hat die «Times» immer widerstanden. Nun kommt die politische Korrektheit dazu und vor dieser Kombination ist sie eingeknickt. Das Problem ist die Intoleranz. Es ist wichtig, dass die Rechte von Minderheiten geschützt sind. Aber es darf nicht sein, dass aus falscher Rücksichtnahme Stimmen zum Schweigen gebracht werden, nur weil die Befürchtung besteht, dass sich jemand verletzt fühlen könnte.

Politische Korrektheit ist nicht neu.

Das stimmt. Aber was neu dazukommt, ist die Intoleranz. Früher reichte es, jemanden zu kritisieren. Heute fordert man, dass er seinen Job verliert. Der Humor gehört zur öffentlichen Debatte. Er zeigt Probleme auf und das schmerzt. Und Meinungsfreiheit und die Satirefreiheit vertragen sich nicht mit der Intoleranz. Und es scheint mir, dass es heute mehr Intoleranz gibt als früher. Das sieht man aber auch auf der Rechten. Ein Karikaturist hat seinen Job verloren, weil er zu kritisch war mit Trump.

Aber es gibt doch viel mehr Karikaturisten gegen als für Trump.

Das mag sein. Aber die Antwort auf diese Kritik darf nicht lauten weniger Karikaturisten, sondern im Gegenteil: Es braucht mehr davon. Es gibt in dieser Hinsicht auch positive Entwicklungen. Etwa der neu gegründete Newsletter Counterpoint, wo ich auch mitmache. Dort wechseln sich linke und rechte Karikaturisten ab. In wenigen Monaten kamen sie auf 130000 Abonnenten. Eine schöne Antwort auf die Situation.

Sie haben die NYT überredet Karikaturen zu bringen. Wenn Sie sich wieder umentscheiden, ist das doch keine epochale Wende.

Die NYT sendet mit dem Entscheid diesen Freiraum zu schliessen ein fatales Signal aus. Ich habe einen Freund, Pedro Molina, er musste dieses Jahr fliehen aus Nicaragua. Er sagte mir: «I am so pissed.» Der Grund ist, dass die NYT in Südamerika als Vorbild gilt. Und das Signal, das sie aussendet, ist fatal. Natürlich kann man sagen, es steht ihnen frei, Karikaturen abzuschaffen, aber sie ist nicht irgendein Unternehmen. Sie ist DIE ZEITUNG.

Hat Trump eigentlich einmal auf eine Zeichnung von Ihnen reagiert?

Nicht das ich wüsste. Was ich aber einmal indirekt aus dem Weissen Haus gehört habe, ist, dass er sich darüber gefreut hat, dass er immer mit relativ vollem Haar gezeichnet wurde. Nachdem ich davon gehört hatte, zeichnete ich weniger Haare. Eine andere Sache ist, dass sich «Fox News»-Journalist Tucker Carlson über eine Zeichnung derart aufgeregt hat, dass er sie während dreier Minuten gezeigt hatte. Das hat mich sehr geehrt. Und Trump schaut die Sendung ja sehr gerne.

Hat Sie der Verlust des Auftrags eigentlich finanziell getroffen?

Glücklicherweise nicht. Seit zwei Jahren zeichne ich etwa für den «Spiegel» und ich habe im Januar auch einen Auftrag von «Le canard enchaîné» angenommen. Und wie erwähnt arbeite ich auch für Counterpoint. Ich spürte zudem nach der Entlassung eine riesige Unterstützung. Zeichnungen haben eine grosse Zukunft. Comicjournalismus zum Beispiel wird in Zukunft wichtiger werden. Wir leben in einem visuellen Zeitalter.