Todesstrafe
Zu viel Arbeit für den Henker: Saudi-Arabien sucht acht Scharfrichter

Es ist eine morbide Job-Anzeige: Saudi Arabien sucht acht Männer, die «als Beauftragte im Namen der Religion» enthaupten, Gliedmassen abhacken und dergleichen. Besondere Qualifikationen bräuchten die Bewerber nicht.

Martin Gehlen
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Abdallah Al-Bishi ist Scharfrichter in Saudi Arabien. Den Beruf erbte er von seinem Vater.

Abdallah Al-Bishi ist Scharfrichter in Saudi Arabien. Den Beruf erbte er von seinem Vater.

Screenshot Youtube

Der Krummsäbel blitzt in seiner Hand, während die schlanke Gestalt im weissen Gewand zur Mitte des Al-Safah-Platz in Riyadh schreitet, im Volksmund Kopf-ab-Platz genannt.

Flach auf dem Boden kniet der Todeskandidat, die Hände auf den Rücken gefesselt, Augen und Gesicht mit einem grauen Tuch verdeckt. Dann saust das Schwert herab – der Kopf fällt, der Torso macht einen Satz nach vorne. Über Lautsprecher werden blechern Name und Taten des Hingerichteten heruntergeleiert, während Scharfrichter Abdallah Al-Bishi seine blutige Klinge abwischt.

Abdallah Al-Bishi ist einer der sechs Scharfrichter, die im ganzen Land herumreisen. Den speziell gehärteten Jowhar-Säbel hat er von seinem Vater geerbt, wie er dem libanesischen TV-Sender LBC erzählt.

Seit Jahresbeginn ist die Zahl der Enthauptungen sprunghaft angestiegen, so dass im erzkonservativen Königreich die Henker knapp werden. Und so sucht die Regierung in ihrem Online-Jobportal jetzt acht Männer, die als «Beauftragte im Namen der Religion» die rasch wachsende Zahl der Verurteilten enthaupten, ihnen die Hände abschlagen oder Arm und Bein über Kreuz abhacken sollen – wie es in der Scharia steht. Besondere Qualifikationen brauchen die Bewerber nicht. Ihr Gehalt liegt im unteren Drittel des öffentlichen Dienstes.

85 Menschen sind in Saudi-Arabien von Januar bis Mai bereits öffentlich enthauptet worden, darunter mehrere Frauen. Das sind fast genauso viele wie im gesamten Jahr 2014. Etwa die Hälfte sind Ausländer, die andere Hälfte Saudis. Die Mehrzahl war nach «Human Rights Watch» wegen Mordes verurteilt, gut 40 Prozent wegen Drogendelikten.

Saudi-Arabien ist nach China und dem anderen Gottesstaat Iran das Land mit den meisten Exekutionen der Welt, gefolgt von Irak und den Vereinigten Staaten.

Ein kodifiziertes Strafrecht gibt es nicht. Die Angeklagten sind der Willkür der streng konservativen Scharia-Richter ausgeliefert. Oft wird ihnen der Zugang zu einem Rechtsanwalt verwehrt.

Andere, die kein Arabisch sprechen, wissen nicht genau, was die Justiz ihnen vorwirft. Viele Geständnisse, die zu Todesurteilen führen, werden nach Informationen von Menschenrechtlern durch Folter, Prügel oder Schlafentzug erpresst. Und erst im Februar 2015 dekretierte das Oberste Gericht des Landes, eine Todesstrafe könne auch dann angeordnet werden, «wenn sich nicht zweifelsfrei beweisen lässt, dass der Angeklagte das Verbrechen begangen hat».