Zu zaghaft gegen Salafisten: Islamkritiker wirft Merkel-Regierung Versagen vor

Er ist einer der schärfsten Kritiker des politischen Islams - nun geht der Deutsch-Ägypter Hamed Abdel-Samad die deutsche Politik wegen ihres Umgang mit dem radikalen Islam scharf an.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Vorwürfe in Richtung der deutschen Bundesregierung: Islamkritiker Hamed Abdel-Samad.

Vorwürfe in Richtung der deutschen Bundesregierung: Islamkritiker Hamed Abdel-Samad.

Inga Kjer / EPA/DPA

Der Schriftsteller und Politikwissenschafter Hamed Abdel-Samad wirft der Bundesregierung vor, diese würde den islamistischen Fundamentalismus unwillentlich jährlich mit Millionen von Euro unterstützen. Der 48-Jährige, der wegen kritischer Werke zum Islam seit 2014 unter Polizeischutz steht, hat diese Woche den Rücktritt von der Deutschen Islamkonferenz bekannt gegeben.

Diese wurde 2006 gegründet, um den Dialog zwischen dem deutschen Staat und den in Deutschland lebenden Muslimen zu verbessern. Abdel-Samad war seit 2010 Teilnehmer des Austausches zwischen Muslimen und der Bundesregierung.

Der bei Kairo geborene und 1995 nach Deutschland emigrierte Publizist kritisiert insbesondere den amtierenden Innenminister Horst Seehofer (CSU) scharf. Seehofers Innenministerium liesse sich von den rückwärts gewandten Muslim-Verbänden in Deutschland vorführen, der deutsche Staat unterstütze erzkonservative und fundamentalistische Muslim-Verbände, die sich nach aussen hin moderat gäben, jährlich mit Millionen von Euro.

Imam-Ausbildung hat das Fass zum Überlaufen gebracht

Das Fass zum Überlaufen gebracht hat die Debatte um die Imam-Ausbildung in Deutschland. Demnach setzten sich die Islam-Verbände durch, sodass Imame nicht - wie von der Bundesregierung ursprünglich angestrebt - an deutschen Universitäten ausgebildet werden, sondern in den Ausbildungszentren der grossen Muslim-Verbände, darunter ihrem grössten, der türkisch-islamischen Union Ditib.

Der deutsche Staat habe Millionen investiert in Lehrstühle für islamische Theologie an vielen Universitäten, moniert Abdel-Samad. Doch Verbände wie Ditib weigerten sich, an deutschen Universitäten ausgebildete Imame einzustellen, da diese angeblich die Ditib-Standards nicht erfüllten. Abdel-Samad: «Und was sind das für Standards? Sie müssen Erdogan huldigen und den Nationalismus mittragen.»

Verlängerte Arme ausländischer Regierungen wie der Türkei oder von Bewegungen wie den Muslimbrüdern

Die meisten der vom Staat unterstützten Verbände seien «verlängerte Arme ausländischer Regierungen wie der Türkei oder von Bewegungen wie den Muslimbrüdern oder den Salafisten in den Golfstaaten», kritisierte der Wissenschafter in einem Interview mit der «Welt». Der Staat finanziere eine «Einflussnahme dieser Gruppierungen auf die hier lebenden Muslime», die von den Verbänden gesteuerten Moscheen predigten «einen rückständigen Islam».

In denen würde nicht direkt zu Gewalt aufgerufen, aber durch die Vermittlung eines auf Angst basierten Weltbildes werde eine «gefährliche Stufe für Radikalisierung» geschaffen. «Irgendwann tauchen gefährliche Organisationen wie Al Quaida oder der IS auf und fischen sie aus diesem Pool», so der Schriftsteller gegenüber dem «Cicero».

Seit Jahren habe er vergebens dafür plädiert, auf wichtige Themen wie Radikalisierung, Antisemitismus und Gleichberechtigung von Mann und Frau zu setzen. Eine Debatte darüber sei aber nicht zustande gekommen, die Muslim-Verbände hätten die Themen mit dem Hinweis abgetan, dass diese keine spezifischen Probleme des Islam darstellten.

Abdel-Samad ist überzeugt: «Moscheen haben mit Steuergeldern eine Infrastruktur geschaffen - aber nicht für die Integration, sondern um Werbung für Erdogan zu machen. Oder um gegen Kurden zu hetzen. Oder um Propaganda für den Krieg in Syrien oder in Armenien zu machen.» Der von Abdel-Samad kritisierte Innenminister Horst Seehofer äusserte sich zu den Vorwürfen bislang nicht.