Boko-Haram-Terror
Zur Präsidentenwahl muss sich Nigeria auf das Schlimmste gefasst machen

Terror und Souveränitätsverlust: Noch ist das afrikanische Land kein gescheiterter Staat, aber Experten sind beunruhigt. Zu den Präsidentschaftswahlen nächstes Jahr dürften sich die Anschläge nochmals intensivieren.

Markus Schönherr, Kapstadt
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Von Terroristen entführt und festgehalten: Die nigerianische Armee ist unfähig, die 200 Mädchen zu befreien. keystone

Von Terroristen entführt und festgehalten: Die nigerianische Armee ist unfähig, die 200 Mädchen zu befreien. keystone

Zunehmende Anarchie, mordende Rebellen, ein machtloses Militär und der Einzug internationaler Truppen: Viele erinnern die aktuellen Bilder aus Nigeria bereits an andere Langzeit-Krisenherde wie Afghanistan oder den Irak.

Im Norden des Landes übernehmen immer öfter Nachbarschaftswachen die Aufgabe der Armee. Dass der Staat kaum noch in der Lage ist, seine Bürger zu beschützen, wurde soeben wieder einmal sichtbar: Nach der Entführung von 200 Schulmädchen im April verschleppte die radikalislamistische Boko Haram nun 60 weitere Frauen und Mädchen. Ist Nigeria dabei, als Staat zu scheitern?

«Wir können zu Recht beunruhigt sein», meint William Assanvo, Forscher am «Institute for Security Studies» (ISS). Die Denkfabrik mit Büros in vier afrikanischen Ländern analysiert Konflikte auf dem ganzen Kontinent. Nigeria müsse sich auf das Schlimmste gefasst machen, warnt Assanvo, zumal für 2015 die Präsidentschaftswahlen anstehen.

«Wir befürchten, dass der Konflikt in den kommenden Monaten eskaliert mit vermehrten Attacken und Bombenattentaten. Städte und Dörfer im Norden werden am schlimmsten betroffen sein. Aber vermutlich gehen die Anschläge auch über das traditionelle Rückzugsgebiet hinaus.»

Boko Haram wurde unterschätzt

Die kippende Sicherheit, kombiniert mit der schwachen Reaktion der Regierung, werde für Nigeria zur Zerreissprobe. Laut Assanvo hätten die Machthaber jahrelang das wahre Ausmass der Boko Haram ignoriert und «nicht angemessen» auf die Gefahr reagiert. Allein seit Beginn des Jahres töteten die selbst ernannten Gotteskrieger mehr als 1500 Menschen.

Neben der Regierung glänzte zuletzt auch das nigerianische Militär durch seine Ratlosigkeit gegenüber den Boko Haram: Zwei Monate nach der Entführung aus der nördlichen Stadt Chibok fehlt jede Spur von mehr als 200 Schülerinnen. «Die Mädchen zu befreien, würde selbst die Armee eines westlichen Landes vor eine enorme Herausforderung stellen», gesteht Assanvo. Dennoch seien die Chancen der nigerianischen Armee besonders gering, die Mädchen lebend zu befreien «Korruption, fehlende Ausrüstung, eine schlechte Moral und Furcht vor den Boko-Haram-Kämpfern – all das untergräbt das Können und die Expertise der Streitkräfte.»

Skepsis gegenüber Intervention

Präsident Goodluck Jonathan hatte sich lange gegen internationale Hilfe gesträubt, ehe er dem Druck nachgab und Militärberater aus China, den USA, Grossbritannien und Frankreich einfliegen liess. Viele bezweifeln allerdings, dass ausländische Truppen eine Lösung für den Terror bedeuten.

«Tatsächlich geht im muslimisch geprägten Norden die Sorge um, dass die Landung von US-Anti-Terror-Einheiten erst der Anfang ist und es zu einer ‹Afghanisierung› oder einer ‹Pakistanisierung› Nigerias kommt», berichtet das Magazin «The Africa Report». Dabei entstehe ein «endloser Krieg» zwischen Terroristen und Militärs, der schliesslich die Stabilität und das Ansehen des Boomlandes gefährdet.

«Die Nigerianer sollten das Problem selbst anpacken», sagt auch Assanvo, «denn eine Intervention von aussen würde die Situation nur noch komplexer machen.» Von einem fragilen Staat wie Afghanistan oder Irak sei Nigeria allerdings noch entfernt.

Ist Jonathan am Ende?

Die Wahlen im kommenden Jahr versprechen, spannend zu werden. «Jonathans Führungsstil und seine Fähigkeit, die Anarchie zu beseitigen, werden ernsthaft infrage gestellt», so Assanvo. In den letzten Wochen geriet der Präsident zunehmend unter Druck und einige Analysten glauben, die Entführung der Schülerinnen könnte das Ende seiner Karriere einläuten.