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Zwei Attentate, viele Fragen, keine Lösung: Morde in El Paso und Dayton stürzen USA in die nächste Krise

Zwei Angreifer töteten am Wochenende in den USA mindestens 29 Menschen. Viel Hoffnung auf Besserung der Lage gibt es nicht.

Samuel Schumacher
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Mexikanische Bürger halten an der US-amerikanischen Grenze zum Gedenken an die Opfer von El Paso ihre leuchtenden Handys in die Luft.

Mexikanische Bürger halten an der US-amerikanischen Grenze zum Gedenken an die Opfer von El Paso ihre leuchtenden Handys in die Luft.

Rey Jauregui/Keystone

Mindestens 29 Tote und mindestens 53 teils Schwerverletzte: Das ist die brutale Bilanz des bislang blutigsten Wochenendes in Amerika in diesem Jahr. Bei einem Angriff auf einen Supermarkt in der texanischen Stadt El Paso nahe der mexikanischen Grenze hat ein Einzeltäter mit einer Schnellschusswaffe am Samstag 20 Menschen getötet und 26 verletzt. Wenige Stunden später hat ein anderer Einzeltäter in der Stadt Dayton im Bundesstaat Ohio neun Menschen erschossen und 27 verletzt.

So wahnsinnig solche Taten sind: Die USA haben sich über die vergangenen Jahrzehnte allmählich an sie gewöhnt. Alleine in diesem Jahr gab es laut der Organisation «Gun Violence Archive» in den USA bereits 252 Schusswaffen-Attentate, bei denen mindestens vier Personen verletzt oder getötet worden sind.

Pamphlet taucht 19 Minuten vor Attentat auf

Die Reaktionen auf die Attentate vom Wochenende waren dieselben wie jene auf alle Attentate in den vergangenen Jahren: Politische Exponenten beschuldigten die Gegenseite, nichts gegen den Waffenwahn im Land zu unternehmen. Kommentatoren schickten ihre «thoughts and prayers» («Gedanken und Gebete») an die Familien der Verstorbenen. Und die sozialen Medien flimmerten vor Fragezeichen: Wann hört das endlich auf? Was muss denn noch geschehen? Wieso tut keiner was?

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US-Präsident Donald Trump gesellte sich via Twitter zu den Kondolierenden und nannte die Taten einen «Akt der Feigheit». Mehrere von Trumps potenziellen Herausforderern bei den 2020 anstehenden Wahlen machten den Präsidenten mitverantwortlich für die Tat in El Paso.

Beto O’Rourke, zum Beispiel. Der Demokrat, der selber in El Paso lebt, sagte dem Fernsehsender CNN sichtlich bewegt: «Trump hat versucht, uns vor den Mexikanern Angst zu machen – mit ernsten Konsequenzen. Er ist ein Rassist und er schürt Rassismus in diesem Land. Das führt zu Gewalt.» O’Rourke verwies auf ein vierseitiges Pamphlet, das 19 Minuten vor dem Attentat in El Paso im Internet auftauchte, mutmasslich verfasst vom später verhafteten Attentäter.

Darin drückte der Verfasser seine Bewunderung für jenen Terroristen aus, der im März dieses Jahres im neuseeländischen Christchurch in zwei Moscheen 51 Menschen ermordet hatte und erklärte seine Tat mit seiner Wut auf die «hispanische Invasion in Texas». Ob der 21-jährige El Paso-Attentäter tatsächlich der Verfasser des Pamphlets ist, blieb am Sonntag noch offen.

In Dayton im US-Bundesstaat Ohio hat ein Schütze neun Menschen getötet und mindestens 16 weitere verletzt. Der Schütze selbst sei zudem auch tot, hiess es weiter.
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Die Bundespolizei FBI ermittle ebenfalls vor Ort.
Medienberichten zufolge fielen die Schüsse nahe einer Bar im Oregon District im Zentrum der Stadt.
Über den Zustand der Verletzten könne man derzeit nichts sagen, sagte die Sprecherin eines Spitals.
Die Polizei rief mögliche Augenzeugen auf, sich zu melden und so die Ermittlungen zu unterstützen.
Zu den möglichen Motiven des Täters und zu dessen Identität wurde zunächst nichts bekannt.
Es handelt sich um den zweiten Vorfall dieser Art in den USA innert nur 24 Stunden.
Am Samstag hatte ein Schütze in einem Einkaufszentrum in der Grenzstadt El Paso im Bundesstaat Texas das Feuer eröffnet und mindestens 20 Menschen getötet.

In Dayton im US-Bundesstaat Ohio hat ein Schütze neun Menschen getötet und mindestens 16 weitere verletzt. Der Schütze selbst sei zudem auch tot, hiess es weiter.

John Minchillo

Australien könnte ein Vorbild sein

O’Rourkes demokratische Mitbewerber um das höchste politische Amt im Land blieben bei ihren Analysen zurückhaltender und forderten primär strengere Kontrollen und Hintergrund-Checks für Waffenkäufer.

Die Forderung kursiert seit längerem, wird von den republikanischen Kräften im amerikanischen Parlament aber blockiert. Jegliche Verschärfungen des Waffenrechts sehen viele Republikaner (und einige Demokraten) als Angriff auf die verfassungsrechtlichen Freiheiten der Amerikaner.

«Finger weg von unseren Schusseisen» lautet das Motto. Daran konnten bislang auch die blutigen Attentate nichts ändern, die das Land in regelmässigen Abständen erschüttern.

Während sich der Rest der Welt an den Kopf greift und sich fragt, wieso Amerika sich das antut, wird die Debatte über die Einschränkung stärkerer Waffenkontrollen in den USA selber weiter vor sich hindümpeln. Dabei zeigt das Beispiel Australien, wie wirkungsvoll eine solche Gesetzesverschärfung sein könnte. Das Land hatte bis 1996 ein ähnliches Waffengesetz wie die USA. Nach einem Attentat mit 35 Toten verschärfte die Regierung das Gesetz und begann, Gewehre von den Bürgern zurückzukaufen. Die Zahl der Gewaltverbrechen mit Schusswaffen ist seither massiv gesunken, die australischen «Finger weg von unseren Schusseisen»-Rufe sind verhallt.