Interview

Zwei Jahre nach der Vertreibung: «Bangladesch wird die Rohingya nicht verhungern lassen» 

Die Rohingya weigern sich auch zwei Jahre nach ihrer Vertreibung aus Myanmar, in ihre Heimat zurückzukehren, wie ein vergangene Woche veröffentlichter Bericht zeigt. Das Militär geht noch immer brutal gegen die muslimische Minderheit vor. Die Situation im Rohingya-Auffanglager in Bangladesh, dem grössten Flüchtlingslager der Welt, spitzt sich derweil zu. Barbara Dietrich, Programmverantwortliche für Südasien bei der Helvetas, hat das Camp kürzlich besucht.

Samuel Schumacher
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Eine Rohingya-Familie im Flüchtlingslager in Bangladesch. (Bild: Patrick Rohr, Helvetas)

Eine Rohingya-Familie im Flüchtlingslager in Bangladesch. (Bild: Patrick Rohr, Helvetas)

Barbara Dietrich von Helvetas.

Barbara Dietrich von Helvetas.

Vor genau zwei Jahren startete die Armee im südasiatischen Land Myanmar ihre Offensive gegen die muslimische Minderheit der Rohingya. Tausende Dörfer wurden zerstört, rund 730‘000 Menschen flohen alleine in den vergangenen zwei Jahren ins benachbarte Bangladesch. Die Uno verurteilte die Offensive als „ethnische Säuberung“ und bezeichnet die Rohingya als die am stärksten verfolgte Minderheit der Welt. In Kutupalong, dem grössten Flüchtlingslager der Welt, leben bis heute rund eine Million Rohingyas unter prekären Bedingungen. Barbara Dietrich hat das Flüchtlingscamp als Programmleiterin Südasien der Entwicklungsorganisation Helvetas schon mehrmals besucht, zuletzt im vergangenen Mai. Die 49-jährige Zürcherin über den Alltag der Menschen im weltweit grössten Flüchtlingslager, mögliche Lösungen für den Konflikt und die Rolle, die die Schweiz spielen sollte.

Zwei Jahre nach ihrer Flucht aus Myanmar leben noch immer rund eine Million Rohingya im Flüchtlingslager Kutupalong in Bangladesch. Sie waren im Mai zuletzt da. Wie muss man sich den Alltag dieser Menschen vorstellen?

Barbara Dietrich: Im Lager ist es wahnsinnig eng, ein Verschlag steht neben dem anderen. Die gesamte Anlage ist etwa so gross wie die Stadt Aarau, also eine Art Millionenstadt auf kleinstem Raum. Die Familien wohnen in improvisierten Hütten aus Bambus, Schnüren und Blachen, ohne Betonfundament. Viele leiden unter dem Trauma der Vertreibung. Es gibt einmal wöchentlich eine Essensausgabe und passable WCs. Das Leben funktioniert, mehr nicht.

Und was machen die Menschen den ganzen Tag?

Die Frauen kochen einfache Reis-Mahlzeiten, beten, warten. Viele junge Männer haben schlicht nichts zu tun. Manchmal gibt’s kleinere Gelegenheitsarbeiten: Strassen ausbessern, zum Beispiel. Damit können sich die Flüchtlinge ein kleines Sackgeld verdienen. Die einzige Abwechslung bieten Besucher, beispielsweise von Hilfsorganisationen. Schulen gibt es nicht, nur Spielräume für kleine Kinder.

Bangladesch ist selber bitterarm. Wie verkraftet das Land die riesige Anzahl hilfsbedürftiger Menschen?

Die Situation ist sehr schwierig, die Armutsrate in der Gegend ist seit der Ankunft der Rohingya-Flüchtlinge rasant in die Höhe geschnellt. Die schiere Menge an verfügbaren Arbeitskräften in der Gegend hat zum Beispiel die Löhne für Feldarbeit massiv gedrückt. Die Rohingya arbeiten notgedrungen für jeden Rappen. Für die lokalen Arbeiter bleibt kaum noch etwas zu tun. Zudem ist der Reispreis zusammengebrochen. Die Rohingya erhalten kostenlos Reis, um nicht zu verhungern. Viele verkaufen einen Teil davon und stören so ungewollt den lokalen Markt. Dabei wollen sie sich mit dem Mini-Erlös aus dem verkauften Reis nur ein wenig Dörrfisch und Eier leisten, damit sie ihre Familien gesünder ernähren können.

Gibt es Konflikte zwischen den Rohingya-Flüchtlingen und der lokalen Bevölkerung?

Als die Rohingya vor zwei Jahren kamen, wurden sie mit offenen Armen empfangen. Noch ist die Stimmung nicht gekippt. Wenn ich mit den Einheimischen spreche, dann erzählen sie aber oft von der schwierigen Arbeitssuche und ihrer Angst, die Schulen könnten künftig wegen der vielen Rohingya-Kinder nicht mehr funktionieren. Man hört Geschichten über leergeräumte Kürbisfelder und gestohlenes Brennholz. Dennoch gibt es kaum direkte Feindseligkeit gegenüber den Rohingya. Aber die Gefahr besteht, dass sich die angestaute Aggression irgendwann entladen könnte. Entscheidend ist dabei das Geschick der Regierung in Bangladesch: Sie muss ihre Wähler beruhigen und sich gleichzeitig um das Überleben und den Schutz der Flüchtlinge kümmern.

Das Kinderhilfswerk Unicef sagt, dass 97 Prozent der Teenager im Flüchtlingslager keinen Zugang zu Bildung oder Arbeit hätten. Ist das in Ihren Augen das drängendste Problem?

Das grösste Problem ist die mangelnde Zukunftsperspektive, besonders natürlich für junge Leute. Alle fragen sich: Wo führt das alles hin? Was soll ich mit meinem Leben überhaupt machen? Die Ungewissheit ist für die Menschen kaum auszuhalten. Die fehlende Bildung erschwert ihnen die Zukunftsplanung massiv. Die Situation ist extrem belastend.

Die Uno rechnet vor, dass es alleine für das Jahr 2019 rund 900 Millionen Franken braucht, um die Rohingya und die betroffene regionale Bevölkerung zu versorgen. Woher soll dieses Geld kommen?

Bangladesch ist eines der ärmsten Länder der Welt. Es kann diese humanitäre Katastrophe nicht im Alleingang bewältigen. Die internationale Gemeinschaft ist gefragt – zum Beispiel nationale Hilfsprogramme wie jene der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) in der Schweiz. Europa trägt – historisch betrachtet – eine Mitverantwortung für die Menschen, die vor diesen brutalen Regimes fliehen müssen. Aber auch die Solidarität der einzelnen Menschen ist zentral. Mit Spenden können Hilfswerke wie die Helvetas Bildungsprogramme im Flüchtlingscamp durchführen.

Die Situation in Myanmar und Bangladesch ist bei weitem nicht die einzige Notsituation der Welt. So viele Flüchtlinge wie nie zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg brauchen Unterstützung. Was passiert, wenn das nötige Geld für die Rohingyas nicht zusammenkommt?

Die Regierung in Bangladesch wird all diese Menschen nicht verhungern lassen können. Und die werden all diese Menschen nicht verhungern lassen können. Man wird die Prioritäten neu setzen müssen: auf die Ernährung und auf sauberes Wasser, damit keine Seuchen auftreten. Alles andere – etwa Bildungs- und Beschäftigungsprogramme – müssten eingestellt werden. Man müsste sehr viel kurzfristiger denken, was enorme Risiken birgt. Wenn beispielsweise all die jungen Männer noch weniger zu tun haben als heute schon, dann steigt das Risiko für einen Konflikt.

Aktuell ist in Bangladesch Monsunzeit. Wie stark bedroht das Wetter die Menschen im Flüchtlingslager?

Wenn es mehrere Tage hintereinander regnet, müssen tausende Menschen umgesiedelt werden. Das funktioniert allerdings recht gut. Es gibt eine Art Lager-internen Zivilschutz, der den Betroffenen in diesen Fällen schnell hilft. Ein grosses Risiko sind die Zyklone, die jederzeit kommen und Tausende gefährden können.

Trotz der schwierigen Lage: In ihrer Heimat in Myanmar müssen die Rohingya noch heute mit Verfolgung und Gewalt rechnen. Wäre es für sie nicht besser, wenn sie dauerhaft in Bangladesch bleiben könnten?

Wenn man die Rohingya fragt, sagen sie, sie wollen zurück. Viele hatten ein Haus, vielleicht eine Kuh, ein paar Hühner, ein Feld: Sie wohnten seit Generationen in Myanmar und wünschen sich, dahin zurückkehren zu können. Sie möchten nicht für den Rest ihres Lebens in einem Lager ohne Perspektiven leben. Gleichzeitig sind sie natürlich extrem froh, in Sicherheit zu sein. Solange ihnen ihre Sicherheit in Myanmar nicht garantiert werden kann, trauen sie sich nicht zurück. Es soll derzeit rund 3500 Rohingya geben, deren Rückführung bereits geplant ist. Allerdings ist das bis heute extrem problematisch. Uns erreichen immer wieder neue Berichte über Rohingya-Dörfer, die vom Militär in Myanmar angegriffen und niedergebrannt werden.

Aus Sicht der Regierung in Myanmar wäre es am einfachsten, wenn die Rohingya da blieben, wo sie jetzt sind.

Gut möglich. Es darf aber nicht sein, dass ein Staat unliebsame Bevölkerungsgruppen vertreibt und sie dann nicht mehr zurücknehmen muss. Damit würde man die ethnische Säuberung von Myanmar indirekt akzeptieren.

Aung San Suu Kyi , die Regierungschefin in Myanmar, versprach bereits 2017, die Situation in Myanmar zu verbessern und den staatenlosen Rohingya Identitätskarten auszustellen. Hat sie ihr Versprechen gehalten?

Nein. Das sind leere Versprechen. Die Rohingya wollen ebenbürtige Staatsbürger sein, sie wollen nicht in einem Apartheid-Regime leben. Bis heute kann ihnen Myanmar weder diese Rechte noch eine sichere Rückkehr in ihre Heimat garantieren.

Bangladesch hatte angekündigt, dass sich rund 100'000 Rohingya noch dieses Jahr auf der Insel Bhasan Char niederlassen dürfen. Löst das die Probleme der Flüchtlinge?

Die Unterkünfte auf dieser Insel sind bereit. Die Insel ist allerdings total exponiert, die Leute wären kaum sicher vor Naturkatastrophen. Kommt hinzu, dass die Rohingya auf dieser Insel faktisch gefangen wären und nicht weg könnten. Persönlich finde ich diese Umsiedlung daher keine gute Idee, obwohl ich verstehe, dass Bangladesch nur begrenzte Land-Reserven hat, um die Rohingya unterzubringen.

Helvetas fordert, dass die Weltgemeinschaft Myanmar unter Druck setzen müsse, wenn die Regierung ihre Haltung gegenüber den Rohingya nicht ändert. Was kann die Schweiz zur Lösung der Situation beitragen?

Die Uno hate eine Liste erstellt mit allen Firmen, die in Myanmar mit dem Militär zusammenarbeiten oder gar vom Militär kontrolliert werden. Die Schweiz darf auf keinen Fall mit jenen Firmen zusammenarbeiten oder handeln. Das ist absolut zentral.