China

Zwischen Glauben und Staat: Wie der Papst seine chinesischen Anhänger vor den Kopf stösst

Lange waren die Katholiken im Land gespalten zwischen Treue zum Vatikan oder zur Staatsführung. Nun hat sich der Papst Peking angenähert. Seine Anhänger fühlen sich verraten.

Felix Lee, Peking
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Annäherung: Papst Franziskus empfängt im April gläubige Chinesen in Rom. Key

Annäherung: Papst Franziskus empfängt im April gläubige Chinesen in Rom. Key

KEYSTONE

«Ich glaube an Gott», betet Huang Diaoyu, «den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.» Die 71-jährige Rentnerin hat sich von der Sitzbank vorgebeugt und kniet nieder. Das Rauschen der Autos auf Pekings zweiter Ringstrasse ist im Hintergrund der Südkathedrale zu hören. Wie für einen katholischen Gottesdienst üblich, legt sie gemeinsam mit rund 50 Anwesenden das Glaubensbekenntnis ab.

Doch als sie an die Stelle kommen, an der sie normalerweise den Glauben «an die heilige katholische Kirche» bekunden, ersetzen sie diese Stelle mit «Katholische Patriotische Vereinigung», Chinas Staatskirche. Das müssen sie, denn sonst dürften sie den Gottesdienst gar nicht abhalten. «Das mit der Staatskirche ist doch nur pro forma», sagt Huang hinterher. Zuversichtlich sei sie nach den jüngsten Entwicklungen. Schon bald könne sie sich auch offiziell zum Papst bekennen.

Jesuitische Missionare hatten den katholischen Glauben zwar schon im 16. Jahrhundert nach China gebracht. Doch 1951, zwei Jahre nach der Gründung der Volksrepublik, kam es zum Bruch zwischen der kommunistischen Führung und dem Vatikan. Sechs Jahre später gründete die KP die «Katholische Patriotische Vereinigung». Allen Katholiken in China wird seitdem vorgeschrie- ben, sich bei ihr zu registrieren. Andern- falls übten sie ihren Glauben illegal aus.

Gläubige im Untergrund

Der Vatikan dagegen beharrte all die Jahre darauf, dass Glaubensfragen des Katholizismus unter seiner Hoheit stehen. Von Peking ernannte Bischöfe erkannte der Papst nicht an. Peking wiederum liess alle Priester und Ordensschwestern festnehmen, die allein dem Papst die Treue schworen und nicht der Partei. Zehntausende chinesische Katholiken flüchteten in den Untergrund.

5,3 Millionen Katholiken zählt Chinas Führung heute in der Staatskirche mit 65 Bischöfen und etwa 6000 Kirchengemeinden. In den Untergrundgemeinden, die allein dem Papst treu sind, soll es mehr als doppelt so viele Gläubige geben. Mehr als 30 vom Vatikan ernannte Bischöfe haben keine staatliche Anerkennung, einige von ihnen sitzen in Haft. Umgekehrt hat der Heilige Stuhl sieben Bischöfe nicht anerkannt, die Peking ernannt hat. Drei von ihnen hatte der Papst sogar aus der katholischen Kirche ausgeschlossen.

Nun stehen beide Seiten vor einer Einigung. Vergangene Woche hat Papst Franziskus zugesagt, alle sieben chinesischen Bischöfe anzuerkennen. Franziskus betonte, bei der Ernennung von Bischöfen habe weiterhin auch er «das letzte Wort». Allerdings werde es künftig einen «Dialog über mögliche Kandidaten» geben. Er forderte alle katholischen Chinesen auf, zu Urhebern der Versöhnung zu werden.»

Und: Die chinesischen Katholiken sollten gute Bürger sein, die ihre Heimat lieben und ihrem Land dienen. Zugleich räumte der Papst ein, dass einige Katholiken, die unter der KP-Führung gelitten haben, nicht glücklich über das Abkommen sein könnten. Doch bei einem Abkommen gebe es «immer Leiden».

Ausgerechnet in einer Phase verschärf- ter politischer und religiöser Unterdrückung in China mache der Papst gemeinsame Sache mit der kommunistischen Führung, klagte anonym ein Priester der katholischen Untergrundkirche im Internet. Der Eintrag fiel nach nur wenigen Stunden der Zensur zum Opfer.

Nationalhymne im Gottesdienst

Ortswechsel: Ein Dorf in der Nähe der Stadt Wenzhou im Südosten Chinas. 1500 Kilometer von der Hauptstadt Peking entfernt, rund 8000 Kilometer vom Vatikan. Wenzhou wird wegen des grossen christlichen Bevölkerungsanteils oft als «Chinas Jerusalem» bezeichnet.

Chen Xu lebt in dem nahe gelegenen Dorf. Die 68-Jährige zeigt auf ein halb verfallenes Haus. Sie erinnert sich, wie vor drei Jahren Hunderte Sicherheitsbeamte plötzlich auftauchten und das Kreuz vom Dach ihrer Kirchengemeinde rissen. Laut krachte es zu Boden. «Schämt euch», hatte sie den Beamten zugerufen. Sie nahmen sie und weitere Gemeindemitglieder fest.

Chen verweist auf die Nachbarprovinz Henan. Der dortige Parteichef hat im Frühjahr angeordnet, dass in jedem Gottesdienst die Nationalhymne zu singen und die Flagge zu hissen sei. Allein im März wurden in der Stadt Nanyang rund 100 Kirchen geschlossen, weil diese sich den Anordnungen verweigerten.

Und dann erinnert sie an Bischof Thaddeus Ma, der lange Zeit als Peking-treu galt – bis zum 7. Juli 2012 als er zum Weihbischof von Schanghai ordiniert werden sollte. Ma erklärte dabei seinen Austritt aus der «Katholischen Patriotischen Vereinigung» und bekannte sich zum Papst. Seitdem ist der Bischof verschwunden. «Unser Papst», sagt Chen verbittert. «Nun verbündet er sich mit unseren Unterdrückern.»