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Zwischen Kriegsgeheul und Kulturkampf

Vor vier Jahren hat Russland die Halbinsel Krim besetzt und im Donbass gegen die Ukraine einen Krieg angezettelt. Auch Odessa in der Südukraine fürchtete damals einen Einmarsch von Putins Truppen. Die Gefahr scheint gebannt, wie ein Besuch vor Ort zeigt.
Stefan Boss, Odessa
«Sie starben für Odessa»: Gedenkstätte vor dem Gewerkschaftsgebäude auf dem Kulikow-Platz. (Getty (Odessa, 2. Mai 2018))

«Sie starben für Odessa»: Gedenkstätte vor dem Gewerkschaftsgebäude auf dem Kulikow-Platz. (Getty (Odessa, 2. Mai 2018))

Das monumentale Gewerkschaftsgebäude mit griechischen Säulen auf dem Kulikow-Platz in Odessa ist mit einem Blechzaun abgesperrt. Der Ort wirkt trostlos, es gibt aber ein paar Farbtupfer, die das Auge zunächst nicht zuordnen kann. Beim Näherkommen erweisen sie sich als Plastikblumen, die am Boden liegen oder am mannshohen Zaun hängen. Ab und zu kommt ein Passant, senkt den Kopf und hält kurz inne. So auch eine Frau aus Dnipro (dem früheren Dnepropetrowsk) mit einem Kind im Schlepptau, welche die Gedichte zum Gedenken an die Toten anschaut. «Sie starben für Odessa», hat jemand mit schwarzer Farbe auf den Zaun gepinselt.

Vor vier Jahren, am 2. Mai 2014, starben bei Ausschreitungen auf diesem Platz und in andern Vierteln der südukrainischen Stadt 48 Menschen. Kurz zuvor hatten in der Hauptstadt Kiew die Maidan-Demonstranten den russlandfreundlichen Präsidenten Viktor Janukowitsch zum Rücktritt gezwungen, (bald darauf sollte der europafreundliche Petro Poroschenko gewählt werden). Russland hatte eben die Halbinsel Krim besetzt, und in Odessa kam es zu Zusammen­stössen zwischen Befürwortern und Gegnern der Maidan-Revolution. Dabei wurde auch scharf geschossen, und es flogen Molotow-Cocktails. In der Folge fing das Gewerkschaftsgebäude Feuer, bei dem Brand verloren Dutzende von prorussischen Aktivisten das Leben.

Die Journalistin Evgenija Genova erinnert sich noch gut an jene Tage. Wir sitzen in einem Restaurant in der zentralen Deribasov-Strasse, in welcher sich hippe Cafés und schicke Läden aneinander­reihen und die sich fast nur durch das quälende Scheppern von Lautsprechern der Strassenmusiker von einer west­europäischen Fussgängerzone unterscheidet. «Es waren sehr tragische Ereig­nisse.» Aber nachher sei klar geworden, dass Odessa eine ukrainische Stadt bleibe. «Im Gewerkschaftshaus waren fast alles Leute, die wollten, dass Putin Panzer nach Odessa schickt», sagt Genova, die für die Zeitung «Izbirkom» arbeitet, und streicht ihre langen Haare glatt.

«Das politische Klima hat sich beruhigt. Es gibt nicht mehr diesen Aktivismus. Die Leute konzentrieren sich mehr auf Ausbildung, Karriere und ihr Privatleben.»

Die Stadt, in der eine Million Menschen leben, war geteilt in etwa gleich viele Befürworter und Gegner des Maidans. Man wusste damals nicht, ob Moskau für Odessa am Schwarzen Meer ein ähnliches Drehbuch vorsah wie im rund 600 Kilometer entfernten Donbass im Osten des Landes, wo Separatisten mit grosser russischer Schützenhilfe einen Krieg gegen die Ukraine begannen. Nach den Vorfällen im Gewerkschaftshaus sei klar geworden, dass ein solches Szenario in Odessa nicht funktioniere.

Stark mit der russischen Kultur verbunden

Szenenwechsel. Das grosse Opern­theater mit roten Plüschsesseln und goldverzierten Wänden ist ein Juwel. Es wurde in den 1880er-Jahren durch die gleichen Architekten gebaut, welche auch die Staatsoper in Wien errichteten. Die Odessiten sind mächtig stolz auf ihre Bühne. Gespielt wird an diesem Abend das Ballett Dornröschen mit der Musik von Tschaikowski. Das Drama um eine schlafende Schönheit, die nach 100 Jahren von einem Prinzen wachgeküsst wird, stösst auf grosses Publikumsinteresse. Es steht vielleicht auch ein wenig für die Ukraine, die hofft, nach einem langen Winterschlaf durch einen gut betuchten Bräutigam zu neuem Leben erweckt zu werden.

Manche Ukrainer weisen gerne auf ukrainische Wurzeln Tschaikowskis hin: Dessen Grossvater habe seinen dama­ligen Namen Tschaika ins russische Tschaikowski umgemodelt. In der Pause lassen sich Besucherinnen in langen Abendkleidern auf den eleganten Treppen mit goldverzierten Geländern fotografieren. Nach der Vorstellung wartet draussen eine Pferdekutsche, welche Gäste gegen Entgelt durch die nächtliche Stadt zieht.

Das im Jahr 1794 von der russischen Zarin Katharina die Grosse gegründete Odessa sollte das St. Petersburg des ­Südens werden. Der Landstrich war zuvor den Türken abgerungen worden. Heute zeugen noch viele Paläste, zum Teil aufwendig renoviert, von dieser glorreichen Epoche.

Auch beherbergt Odessa die vielleicht berühmteste Treppe der Film­geschichte. Der sowjetische Regisseur Sergej Eisenstein hat das 140 Meter ­lange Bauwerk, das zum Hafen hinunterführt, in seinem Film Panzerkreuzer Potjomkin 1925 durch einen hinunterrollenden Kinderwagen unsterblich gemacht. «Odessa war im russischen Zarenreich zeitweise die drittgrösste Stadt», sagt Hanna Schelest, Strategieexpertin und Chefredaktorin der «Ukraina Analytica», einer englischsprachigen Politik-Zeitschrift. Es war im 19. Jahrhundert eine Art Freihandelszone, die viele Kaufleute anzog, auch ausländische. Die Stadt sei aber immer sehr stark mit der rus­sischen Kultur verbunden gewesen, so weilten etwa der grosse Dichter Alexander Puschkin und der Schriftsteller Iwan Bunin hier.

Für Schelest ist diese kulturelle Verbundenheit ein Grund, weshalb die Stadt während des Maidans in 50 Prozent prorussische Kräfte und 50 Prozent pro­ukrainische Kräfte gespalten war. «Viele Prorussen waren nicht pro Russland oder gar für den Kreml. Sie fürchteten, dass sie nicht mehr Russisch reden oder Puschkin lesen können», sagt sie auf der Terrasse einer italienischen Pizzeria, während ­immer wieder ihr Handy fiept.

Russisch hört man in Odessa tatsächlich überall. Die Amtssprache ist jedoch im ganzen Land Ukrainisch, auch in den Schulen wird Ukrainisch unterrichtet. Beide Idiome gehörten zur ostslawischen Familie, sind also eng verwandt, etwa wie Katalanisch mit Spanisch. «Wie heisst diese Strasse?», wollen wir auf der Suche nach dem Bahnhof von einer Frau wissen. «Leninstrasse», sagt sie mit leicht barschem Unterton. «Eines Morgens nannte man sie Richelieustrasse». Nun heisst sie also nach dem französischen Adligen Duc de Richelieu, der Odessa und sein Umland zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Auftrag des russischen Zaren regierte. In den letzten vier Jahren wurden neben Strassen auch zahlreiche Städte und Gemeinden umbenannt – nicht immer zur Freude der Bewohner.

Zahl der Touristen ist um 60 Prozent gesunken

Für Wladimir Chaplin, Historiker im jüdischen Museum, sind die Brüche in der Gesellschaft deutlich spürbar. Das politische Klima habe sich nach den ­blutigen Zusammenstössen vom 2. Mai 2014 allerdings etwas beruhigt. «Es gibt nicht mehr diesen politischen Aktivismus. Die Leute konzentrieren sich mehr auf Ausbildung, Karriere und ihr Privatleben», sagt Chaplin, während er im Innenhof vor dem Museum an einer Zigarette zieht. Wirtschaftlich leidet die Bevölkerung in Odessa wie in der ganzen Ukraine sehr unter dem Konflikt mit Russland. Seit dem Beginn des Kriegs kämen praktisch keine russischen Touristen mehr in sein Museum. «Vorher machten sie 60 Prozent aller Besucher aus.» Auch der einst wichtige Hafen der Stadt hat an Bedeutung verloren. Es gibt kaum mehr Kreuzfahrtschiffe, welche in der ukrainischen Hafenstadt anlegen. Und der Handelsverkehr mit Russland ist praktisch zum Erliegen gekommen.

Ein Stück Offenheit und Toleranz hat Odessa aber behalten. So sind nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 viele Juden emigriert. Aber es leben schätzungs­weise noch 25 000 bis 30 000 Juden in der Stadt. Laut Chaplin müssten jüdische Einrichtungen in Odessa im Gegensatz zu Frankreich oder Belgien nicht polizeilich bewacht werden.

Neben Juden und Christen, ukrainisch- und russisch-stämmigen Leuten, wohnen auch viele aus den Schwarzmeer-An­rai­nerstaaten Türkei und Georgien sowie aus Armenien hier – und bieten ihre Speisen in entsprechenden Restaurants feil. Einen Teil seines multikulturellen Charmes konnte Odessa trotz Kriegsgeheul und Kulturkampf also bewahren.

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