ZYPERN: 2016 endlich Geschichte schreiben

Schon bald könnten die Verhandlungen über eine Wiedervereinigung von Zypern abgeschlossen sein. Kommt ein Abkommen zu Stande, werden die Zyprioten in einem Referendum abstimmen. Das Ziel ist hoch gesteckt.

Michael Wrase, Nikosia
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Eine Karte von Zypern. (Bild: mlu, lsi)

Eine Karte von Zypern. (Bild: mlu, lsi)

Michalis Michalopoulos ist stolz darauf, zur «Minderheitsfraktion der Ja-Sager» zu gehören. «Ich habe damals mit Nai (Ja) gestimmt und damit das Ochi (Nein) unseres Präsidenten ignoriert», betont der in Nikosia lebende Wirtschaftsprüfer stolz und lehnt sich ein wenig traurig lächelnd zurück. Damals, im Frühjahr des Jahres 2004, waren griechische und türkische Zyprer aufgerufen, über den von UNO-Generalsekretär Kofi Annan vorgelegten Plan zur Überwindung der Teilung der Mittelmeerinsel abzustimmen.

Dieser bot den türkischen Zyprern einen anerkannten Bundesstaat im Rahmen einer Föderation und damit die Mitgliedschaft in der EU. Den Insel-Griechen garantierten Annans Vorschläge die Rückgabe von Territorium, auf das mehr als die Hälfte der Flüchtlinge von 1974 hätte zurückkehren können – sowie die Möglichkeit, verlorenen Besitz zu einem Drittel zurückzubekommen. «Es war ein guter Kompromiss», glaubt Michalopoulos, «der von unserem Präsidenten torpediert wurde.»

«Ich bitte euch, euer Recht, eure Würde und eure Geschichte zu verteidigen», hatte Tassos Papadopoulos 2005 vor laufenden Fernsehkameras «mein griechisch-zyprisches Volk» angefleht und sich danach theatralisch einige Tränen aus den Augen gewischt. Nur ein «donnerndes Ochi» könne Zypern noch vor der Auflösung bewahren.

Die Tränen des Präsidenten

«Die zynischen Tränen des Präsidenten waren entscheidend», empörte sich die «Cyprus Mail» nach dem Referendum, das von 76 Prozent der griechischen Zyprer abgelehnt wurde. 65 Prozent der Insel-Türken sagten «Evet», das türkische Wort für Ja. Wiedervereinigungsbefürworter wie Michalis Michalopoulos, die damals einen «Nai»- oder «Evet»-Sticker auf ihr Auto geklebt hatten, mussten damit rechnen, dass «mir die Windschutzscheibe eingeschlagen wurde».

11 Jahre später hat sich die Stimmung gewandelt. Der vor der Abstimmung über den Annan-Plan von der Regierung im griechischen Teil Nikosias geschürte Hass auf die türkischen Zyprer und ihre Schutzmacht auf dem türkischen Festland beginnt langsam zu schwinden. Spürbar ist die Entspannung vor allem in der Ledra-Street von Nikosia, der geschmackvoll restaurierten Flaniermeile der «einzigen geteilten Hauptstadt», wie ein Blechschild am griechischen Checkpoint an der Demarkationslinie vorwurfsvoll verkündet.

Verzicht auf «Einreisekarte»

Die an die Türkei gerichtete politische Botschaft wird kaum beachtet. Touristen und Zyprer beider Volksgruppen warten geduldig, bis der griechisch-zyprische Polizist den Pass einscannt und freundlich lächelnd zum Weitergehen auffordert. Bis zum Kontrollpunkt der Insel-Türken sind es gerade einmal 40 Meter. Das einstige Niemandsland mit Sandsäcken und Stacheldrahtverhauen ist weitgehend verschwunden. Auch der türkisch-zyprische Polizist scannt den Pass der Besucher. Auf das von den Griechen als anmassend und entwürdigend empfundene Ausfüllen einer «Einreisekarte für die türkische Republik Nord-Zypern» wird seit vier Monaten verzichtet. Mit zwei «Mausklicken» ist man ausserhalb der Rushhour in zwei Minuten vom griechischen im türkischen Teil Zypern, von Starbucks, McDonalds und Armani in kleinen Teestuben und Geschäften mit gefälschten Markenklamotten.

Umstrittene Checkpoints

Die Checkpoints sind 24 Stunden geöffnet. Abends gehen griechische Spieler in die Kasinos des Nordens, den türkisch-zypriotische Jugendliche dann zum Discobesuch im griechischen Nikosia verlassen. «Noch 2008 waren die Gassen in der Altstadt von Nikosia mit martialischen Betonwänden abgesperrt», erzählt Aygun Hassan, der vor der Lala-Mustafa-Moschee Souvenirs verkauft. Im nächsten Jahr würden auch die Checkpoints verschwinden – was nach Jahren des politischen Stillstandes tatsächlich möglich erscheint.

Chancen stehen gut

Denn mit Nicos Anastasiades hat die geteilte Mittelmeerinsel einen Präsidenten, der 41 Jahre nach der türkischen Invasion die Lösung des Dauerkonfliktes wirklich will. Die Chancen, dass der Grieche es schafft, stehen vor allem deshalb gut, weil er endlich den richtigen Partner hat: Auch Mustafa Akinci, der Führer der türkischen Zyprer, will die Spaltung überwinden sowie seinen international geächteten Teilstaat aus der Isolation führen. Die beiden Pragmatiker hatten einst in Limassol die gleiche Schule besucht. Gemeinsam könnten sie nun 2016 Geschichte schreiben. Dies brachten Akinci und Anastasiades auch in einer gemeinsamen Fernsehansprache zum Weihnachtsfest zum Ausdruck.

Ruhe, Frieden und Wohlstand

Er hoffe, dass «alle Zyprer 2016 friedlich in einer wiedervereinigten Heimat leben werden können», sagte der Präsident der geteilten Mittelmeerinsel. Akinci, der türkische Zyprer, wünschte auf Griechisch «Frohe Weihnachten» sowie «Ruhe, Frieden und Wohlstand für alle Zyprer».

Angst vor «ewig Gestrigen»

«Natürlich sind wir Griechen weiterhin skeptisch», sagt Michalis Michalopoulos. Der Wirtschaftsprüfer will «bei meinem Nai» (Ja) bleiben. Einige seiner Freunde würden dagegen bis heute ihr «stures Ochi» (Nein) verteidigen. Auch Panos Gregoriades, der an der Universität von Nikosia Physik studiert, fürchtet sich «vor den ewig Gestrigen». Damit meint er Landsleute, die erst dann mit «Nai» stimmen würden, wenn man zum Status quo ante, also zu den Verhältnissen vor dem türkischen Einmarsch von 1974, zurückgekehrt ist.

Das Trauma sitzt tief

«Wir sind ein Volk von Dickschädeln, die alles oder nichts wollen», erklärt Panos Gregoriades. Das Trauma von Besatzung und Vertreibung sitze tief, politische Vernunft sei für viele noch immer ein Fremdwort. Dennoch setze sich langsam die Erkenntnis durch, dass «die fortgesetzte Teilung der Insel am Ende auch Isolation bedeuten kann». Bei einem weiteren Ochi (Nein) der griechischen Seite könnte die internationale Staatengemeinschaft die «türkische Republik Nord-Zypern» diplomatisch anerkennen. Die Spaltung wäre dann zementiert. Eine Wiedervereinigung brächte dagegen für beide Seiten politische und wirtschaftliche Vorteile, hofft der Physikstudent, der, wie die meisten seiner Landsleute, über den Stand der Verhandlungen nur wenig weiss.

Und das ist auch so gewollt. Zyperns Präsident Nicos Anastasiades und der türkisch-zyprische Volksgruppenführer Mustafa Akinci haben vereinbart, bis zum Mai dieses Jahres, wenn die Verhandlungen abgeschlossen sein könnten, keine Einzelheiten über die erreichten Vereinbarungen oder Kompromisse zu verlautbaren. Die Gefahr, dass mögliche Vorschläge von den Wiedervereinigungsgegnern zerredet oder angefeindet werden, ist gross.

Michael Wrase, Nikosia

In der geteilten Stadt Nikosia: Eine Zypriotin hält die Flaggen von Zypern und Griechenland in den Händen. (Bild: AFP/ Behrouz Mehr)

In der geteilten Stadt Nikosia: Eine Zypriotin hält die Flaggen von Zypern und Griechenland in den Händen. (Bild: AFP/ Behrouz Mehr)