Zypern
Zypern bezahlt einen hohen Preis für Hochmut und Dummheit seiner Politiker

Die Zyprer sprechen in Sachen Schuldenkrise von einer «Verschwörung». Aber an der Misere schuld ist vorallem Ex-Präsident Christofias.

Michael Wrase, Limassol
Drucken
Teilen
Zyprioten informieren sich in der Presse über die Auswirkungen der grossen Krise von 2013.Keystone

Zyprioten informieren sich in der Presse über die Auswirkungen der grossen Krise von 2013.Keystone

«Die verantwortlichen Politiker in Zypern», betonte der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble dieser Tage in einem Interview, «sollten der Bevölkerung endlich die Wahrheit sagen». Das haben sie bis heute nicht getan. Seit dem 25. Juni 2012, als die Regierung in Nikosia um finanzielle Hilfe aus dem Euro-Rettungsschirm ersuchte, war bekannt, dass man die benötigten Rettungsmilliarden nicht zum Nulltarif bekommen würde.

Der Bevölkerung wurde «diese Wahrheit» verschwiegen oder zumindest verschleiert. In der schwersten Krise seit der türkischen Invasion von 1974, die zur Teilung der Insel führte, präsentieren sich die Politiker der Mittelmeerinsel als Opfer – und erinnern, wie unlängst der abgewählte kommunistische Präsident Dimitris Christofias, an die «von ausländischen Mächten verursachten Schmerzen und Entbehrungen».

Vergleiche mit Konflikt von 1974

Die historischen Parallelen sind gewollt, weil sie auf fruchtbaren Boden fallen. Damals war es die Junta in Ankara. Heute sind es Brüssel und Berlin, die Zypern ins Verderben stürzen. Dabei wusste der Gouverneur der zypriotischen Zentralbank schon vor Monaten, dass die am Wochenende in eine «good bank» (mit den Konten von 361 000 Kleinsparern) und eine «bad bank» (mit faulen Krediten und russischen Schwarzgeldern) aufgesplittete «Laiki-Bank» insolvent war.

Diese «Wahrheit» habe der Zentralbankgouverneur dem seit zwei Wochen im Amt befindlichen Präsidenten Nikos Anastasiadis erst am letzten Donnerstag übermittelt, behauptet der hervorragend vernetzte Chefkommentator der «Cyprus Mail» (er schreibt unter dem Pseudonym «Patroclos») gestern.

Helden des Widerstands

Zwei Tage zuvor hatte das Parlament den Plan der Euro-Finanzminister für die Rettung Zyperns vor der Pleite abgelehnt und die Abgeordneten liessen sich vom Volk als «Helden des Widerstandes» feiern. Eine Zwangsabgabe käme nicht infrage, weil sie «ungerecht» sei und gegen die Interessen Zyperns verstosse», kommentierte Anastasiadis den Beschluss der Volksvertreter. Inzwischen wurde er eines Besseren belehrt. Vermutlich noch in der Nacht auf heute wird das Parlament den für Zypern überlebenswichtigen «Haircut» absegnen und damit, so «Patroclos», «einen hohen Preis für Hochmut und Dummheit bezahlen».

Hätte man die «Wahrheit» früher akzeptiert, wäre ein weitaus besserer Deal drin gewesen, hat auch die Zeitung «Khatemerini» erkannt. Als Hauptschuldiger für die Krise wird Ex-Präsident Christofias genannt, der von der Lokalpresse inzwischen als «Dorfidiot» verunglimpft wird. Als bekennender Kommunist schimpfte er über die «zügellose Gier des europäischen Bankensystem». Gleichzeitig erlaubte er russischen und ukrainischen Oligarchen auf Zypern die Abwicklung ihrer dubiosen Finanzgeschäfte.

Dass der einfältige Ex-Präsident sein Land heruntergewirtschaftet hat, wird von vielen Zyprioten mittlerweile eingesehen. Die Erkenntnis, dass das gesamte Volk die Zeche für das verheerende Vermächtnis seiner Amtszeit zahlen muss, setzt sich noch nicht durch. Es wird einige Zeit dauern, bis man auf Zypern begreift, dass die hohen Beamtengehälter und üppigen Sozialleistungen der letzten Jahre mit Milliardenkrediten finanziert worden sind. Und dass ein Staat, in dem die Hälfte seiner Bürger fast keine Steuern zahlen, nicht funktionieren kann.

Mut zur Wahrheit fehlt

Dafür braucht es Politiker, die sich nicht länger hinter Unwahrheiten verstecken. Noch ist der schonungslose Mut zur Wahrheit nicht erkennbar. Nur wenige wollen dem Volk den Glauben an die «grosse Verschwörung aus Brüssel und Berlin» nehmen.