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Sie schneidert die Kostüme für die «Zwingli»-Zeit

«Zwingli» besticht durch seine authentischen Kostüme. Ein Gespräch mit der gebürtigen Luzerner Kostümbildnerin Monika Schmid über die Dimensionen eines solchen Grossprojekts, ihre Sorgen und Freuden.
Regina Grüter

Sandy Powell hat schon drei zu Hause, Alexandra Byrne einen: einen Oscar für das beste Kostümdesign. Heuer sind sie wieder beide nominiert. Byrne für «Mary Queen Of Scots» und Powell gleich doppelt, für «The Favou­rite» und «Mary Poppins Returns». Das Pendant zum Oscar heisst in der Schweiz Quartz und wird am 22. März verliehen. Das opulente an den Kinokassen höchst erfolgreiche Schweizer Kostümdrama «Zwingli» ist nur gerade in den Hauptdarsteller-Kategorien nominiert. Der Preis für das beste Kostümdesign ginge mit Sicherheit an die gebürtige Luzernerin Monika Schmid – wenn es ihn denn gäbe. Es existiert bis heute keine entsprechende Kategorie. Eigentlich eine Unterlassungssünde.

Der Begriff Kostümdrama kommt nicht von ungefähr. Es sind die Ausstattung und die Kostüme, die uns in eine vergangene Epoche entführen, und erst mit den Kleidern am Leib, werden die Schauspieler zu ihrer Figur. Das sage ihr jeder Schauspieler, erzählt die Kostümbildnerin Monika Schmid im Gespräch mit dieser Zeitung. «Das Kostüm gibt dem Schauspieler die Möglichkeit, sich mit der Figur zu verbinden.» Aber es galt nicht nur Zwingli (Maximilian Simonischek), Anna Reinhart (Sarah Sophia Meyer) und die übrigen Schauspieler einzukleiden, sondern auch an die 250 Statisten.

Dreharbeiten in der ­ grossen «Filmfamilie»

«Für ‹Zwingli› wäre in der Schweiz fast niemand anderes in Frage gekommen», ist Monika Schmid überzeugt. Die fundierte Ausbildung in Kostümbild an der Scuola nationale di cinema und die Anstellung bei den Costumi d’Arte in Rom, eine Kostümwerkstatt für historische Filme aus Europa und den USA, hat sie dafür prädestiniert. Konkurrenz gab es aus Deutschland und aus Österreich von Leuten, die Erfahrung haben mit historischen Produktionen dieser Grössenordnung. Kirchenmänner, Politiker, Soldaten, das einfache Volk in den Gassen, Wirtshaus- und Marktszenen; Hüte, Hauben, Helme – die Herausforderungen waren gross. Doch Monika Schmid mag es gerne gross: «Ich liebe diese Massen an Kostümen. Das ist etwas Wunderschönes.» Aber natürlich sei ein Film mit 1000 einzelnen Kostümen und so vielen Leuten auch eine Belastung, sagt Schmid.

Regisseur Stefan Haupt legte Wert auf authentische Schauspieler, die mit den Kostümen verschmelzen: «Sie sollten nicht an ihnen dranhängen wie an einem Kleiderbügel», erklärt Schmid. «Dann hatte ich ziemlich freie Hand, fing an zu entwerfen, Farbpaletten zu erstellen, Stoffe auszusuchen.» Sie hat im Landesmuseum und in Bibliotheken Text- und Bildmaterial recherchiert. «Irgendwann bin ich so ins Mittelalter abgetaucht, dass ich sogar davon geträumt habe. Ich habe eine Zeitreise gemacht – in die Zwingli-Zeit.»

Das Team schliesslich bestand aus zwei Assistentinnen, ­einigen Garderobieren, Schneidern, die die Kostüme für den Hauptcast genäht haben. Die Stoffe dafür hat Monika Schmid alle selber eingefärbt. Dann wieder entfärbt, damit es alt wirkt. Die gesmokten, in Falten gelegten, Huben wurden alle selber genäht, von pensionierten Schneiderinnen des Opern- und Schauspielhauses Zürich. Sie waren auch um die plissierten Blusen, die Halskrausen, die Stickereien oder den Kopfputz der Äbtissin (Rachel Braunschweig) besorgt. Sonst waren sie viel in Fundhäusern unterwegs. Ein Grossteil der Kleider für die Statisten stammt aus einem Kostümfundus in Madrid, der spezialisiert ist auf diese Zeit.

Begeistert erzählt Monika Schmid von den Dreharbeiten mit ihrer «Filmfamilie» – auch wenn das Siebentagewochen sind mit langen Arbeitstagen: «Morgens um halb fünf kamen die Statisten angetrabt, noch ganz verschlafen.» Dann galt es sie einzukleiden und zu betreuen, sprich sie mit Tee warm zu halten. Es sei sehr kalt und nass gewesen während des Drehs. Am Abend, wenn fertig gedreht war, musste dann wieder alles aufgehängt und ausgetrocknet und der nächste Tag vorbereitet werden. An der familiären Atmosphäre hätte aber auch Stefan Haupt wesentlich Anteil gehabt: «Der Regisseur hat alles zusammengehalten.» Bei Xavier Kollers «Schellen-Ursli», ein Herzensprojekt von Monika Schmid, sei die Stimmung ähnlich persönlich gewesen.

Sechseinhalb Monate insgesamt hat die Kostümbildnerin an «Zwingli» gearbeitet: vier Monate Vorbereitung, über acht Wochen Dreh, und dann müssen all die Sachen wieder an ihren Ursprungsort zurück – unbeschadet. Um die 80 Kleiderkisten seien es gewesen, die per Lastwagen retourniert werden mussten, sagt Schmid. Ihre grösste Sorge galt Kleiderschäden. «Das kann schnell einmal 10 000 Franken kosten. Wir haben ungeheuer Sorge getragen und hatten nicht einen Franken Schadenmeldung», sagt sie stolz.

Sie hielt an ihrem ­Mädchentraum fest

Monika Schmid wollte schon als kleines Mädchen zum Film. Nach dem Abschluss der Kunstgewerbeschule Luzern (heute Hochschule Luzern – Design & Kunst) war für Monika Schmid klar: «Ich will Kostümbild machen.» Sie habe Stoffe geliebt und immer gern gezeichnet. Und obwohl die Tessinerin Sylvia de Stautz, damals eine von wenigen Kostümbildnerinnen in der Schweiz, ihr abgeraten habe mit der Begründung, es sei fast unmöglich, da reinzukommen, hielt Schmid an ihrem Traum fest. «Wenn sie das kann, kann ich das auch», sagte sie sich.

Heute hat die gebürtige Luzernerin ihren Heimatdialekt beinahe komplett verloren. Sie lacht. «Ich lebe halt schon so viele Jahre in Zürich.» Seit 1985 arbeitet sie für Film und Fernsehen und hat nach «Schellen-Ursli» mit «Zwingli» einen zweiten Höhepunkt erreicht. Und doch könnte man meinen, es fängt erst richtig an. Nachdem «Manager» (kommt im Herbst ins Kino) von Sabine Boss abgedreht ist, steht Monika Schmid bereits der nächste Auftrag ins Haus: «Schon wieder etwas Historisches, etwas ganz Grosses.» Die Jahreszahl 1940 nennt sie noch, mehr darf sie nicht verraten.

Jetzt fehlt nur noch eine Würdigung von Seiten der Schweizer Filmakademie. «Schellen-Ursli», «Zwingli» oder auch «Heidi» haben gezeigt, es ist an der Zeit, die Kategorien auszubauen. «Heidi», eine Co-Produktion der Luzer- ner Firma Zodiac Pictures mit Deutschland, war beim deutschen Filmpreis für das beste Kostümbild nominiert. Ist das nicht absurd? Und auch Monika Schmid meint: «So eine Anerkennung würde einen schon sehr freuen.»

Monika Schmid ist die Schwester der Luzerner Filmemacherin Alice Schmid («Die Kinder vom Napf»). Sie bittet uns, an dieser Stelle auf weitere persönliche Angaben wie Alter oder Familienstand zu verzichten. Wir respektieren diesen Wunsch.

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