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1968: Wende zur heutigen Gesellschaft

Nächstes Jahr ist es ein halbes Jahrhundert her, seit eine gesellschaftliche Aufbruchstimmung kulminierte. Was damals in der Schweiz geschah, dokumentiert eine grosse Ausstellung in Bern.
Urs Bader
Neue Protestform: Sit-in gegen den Vietnam-Krieg in Bern im Juni 1968. (Bild: Joe Widmer/Photopress-Archiv)

Neue Protestform: Sit-in gegen den Vietnam-Krieg in Bern im Juni 1968. (Bild: Joe Widmer/Photopress-Archiv)

Urs Bader

Wer auf dem Land aufwuchs, an dem ist das «Revoluzzer-Jahr», wie es dort hiess, mehr oder ­weniger vorbeigegangen, auch wenn er schon in der dritten Sekundarklasse war. Da gab es ab und zu Bilder im Fernsehen von randalierenden Jugendlichen, die der Vater wie viele andere auch nach Moskau verwünschte, wie alles, was nicht in die (klein-)bürgerliche Wohlanständigkeit passte: Langhaarige, die Popmusik, linke Chaoten, öffentlich knutschende Paare oder Emanzen.

Eine einzige Demonstration gab es 1968 aber auch in unserem Dorf – jene gegen die Niederschlagung des «Prager Frühlings» durch die Sowjetunion und Verbündete des kommunistischen Ostblocks im August. Auf einem Mäuerchen stehend, hielt der freisinnige Gemeindeammann eine Rede, in der er die Niederwalzung der moderaten Demokratiebewegung in der Tschechoslowakei brandmarkte. Das war politisch unverfänglich, darüber herrschte ein breiter gesellschaftlicher Konsens. Das war es dann mit 1968. Zwei, drei Jahre später, in der Kantonsschule, empfand man einen gewissen Nachholbedarf und muckte bei Gelegenheit auf und wollte auch Vordenker der Studentenbewegung wie Herbert Marcuse lesen.

Kreativer Aufbruch oder der Anfang allen Übels?

Nein, auf dem Land bekam man direkt nicht viel mit von den Unruhen in den Städten. Dafür kannte man die ganze Biederkeit, den Mief, die Enge umso besser, die auch ein Grund waren für die Proteste gegen alles mögliche.

Nun steht – 50 Jahre nach 1968 – ein Erinnerungsjahr bevor; ein Jubiläumsjahr dürften es nur jene nennen, die ein ungebrochenes Verhältnis zu den Vorgängen jener Jahre haben. Tatsächlich ist 1968 eine Chiffre für einen Umbruch oder auch nur Wandel, der sich an unterschiedlichen Themen entzündete, sich an verschiedenen Orten in westlichen Ländern manifestierte und sich über mehrere Jahre hinzog. Und die Deutungshoheit über Ereignisse und Folgen ist bis heute umstritten. Der Kampf um diese Hoheit spiegelt durchaus die damaligen Auseinandersetzungen.

Die Sprachwissenschafterin Angelika Linke und der Historiker Jakob Tanner schreiben dazu im Buch «Der Zürcher Sommer 1968»: «Während die einen im kulturrevolutionären Aufbruch, für den diese Jahreszahl steht, eine innovative Kraft sehen, ­welche die restaurative Phase der Nachkriegskonsumgesellschaft beendete und kreative Potenziale freisetzte, die sich bis heute noch nicht erschöpft haben, sind andere der Meinung, Übelstände der heutigen Gesellschaft hätten in der permissiven, respektlosen, individualistisch-selbstbezogenen Haltung der damaligen Protagonisten ihren ­Ursprung.» Geschrieben wurde diese Sätze vor zehn Jahren, zum damaligen Erinnerungsjahr, sie sind wohl aber noch heute gültig. Und beiden Positionen dürfte ein Kern Wahrheit eigen sein. Dies macht auch die aktuelle, gross­angelegte Ausstellung «1968 Schweiz» im Bernischen Historischen Museum klar, in der ehemalige Aktivistinnen und Aktivisten sowie Experten zu Wort kommen.

In diesem Kontext ist auch darauf hinzuweisen, dass sich in jenen Jahren auch eine neue Rechte zu formieren begann. An der Universität Zürich war Christoph Blocher im Wintersemester 1968/69 Mitbegründer des konservativen Studentenrings als Reaktion auf die linke Bewegung.

Das politische Klima in der Schweiz der Nachkriegsjahre wurde immer noch bestimmt von der Geistigen Landesverteidigung – und vom Antikommunismus. Dies auch als eine Reaktion auf den Krieg zwischen West und Ost, der in Vietnam zu einem heissen Krieg wurde. Dass der Staat in diesem Zusammenhang Zehntausende eigene Bürger bespitzelte, wurde erst später bekannt – als Fichenskandal.

Gleichzeitig erlebte das Land in den 50er- und 60er-Jahren ­einen beispiellosen Wirtschaftsaufschwung; immer mehr Leute konnten sich einstige Luxusgüter leisten – ein Fernsehgerät oder Auto. Die Konsumgesellschaft formiert sich. Dieser Boom kontrastierte mit der geistigen Erstarrung und gesellschaftlichen Verkrustung. Traditionelle Werte durchdrangen die Gesellschaft bis in die Familie und das Zusammenleben hinein. Diese wieder kontrastierten mit der Aufbruchstimmung unter Jungen, die ebenfalls an der Konsumgesellschaft teilhatten, sich Popschallplatten und Jeans und Miniröcke kauften – sogar auf dem Land.

Viele der 68er-Themen sind bis heute aktuell geblieben

Vor diesem Hintergrund fand «1968» in der Schweiz statt; ein heterogenes Phänomen, beeinflusst auch vom Ausland. «1968 ist: das grosse Sit-in für eine Unterrichtsreform am Lehrerseminar Locarno, die Anti-Franco-Kundgebungen in Genf oder die Strassenschlachten rund um das Zürcher Globusprovisorium. Aber auch: die durch Christo und Jeanne-Claude verpackte Kunsthalle in Bern, die Rolling Stones und Jimi Hendrix im Zürcher Hallenstadion oder die Gründung von Aussteiger-Kommunen in der ländlichen Schweiz», heisst es in der Berner Ausstellung, in der diese ganze Breite des Aufbruchs dokumentiert ist. Er betraf alle Gesellschaftsbereiche vom Alltag bis in die Hochkultur, die Politik ebenso wie die Bildungsinstitutionen. Und er betraf die viele Themen: politische Partizipation, Umweltschutz, Sexualität, Drogen, unser Verhältnis zur Dritten Welt und zu den vielen Ausländern, die der Aufschwung in die Schweiz lockte. Mit der Frauenbefreiungsbewegung kam die Debatte um Gleichstellung und Stimmrecht erst richtig in Fahrt.

Dass vieles die Schweiz noch heute beschäftigt, lohnt die Auseinandersetzung mit «1968». Und auch die Feststellung der Berner Ausstellungsmacher, dass sich die gesellschaftliche Wirklichkeit teils ins Gegenteil der Ziele der 68er-Bewegung entwickelt habe: «So werden die Kommerzialisierung der Kultur oder der Erfolg neoliberaler politischer Programme mit ihrer Betonung des Individualismus nicht zuletzt auf Impulse der 68er-Bewegung zurückgeführt.»

Die Ausstellung «1968 Schweiz. Die Schweiz im Aufbruch» im Bernischen Historischen Museum dauert bis 17. Juni.

Gewaltausbruch: Nach dem Rolling-Stones-Konzert vom 14. April 1967 verwüsten Besucher das Mobiliar des Zürcher Hallenstadions. (Bild: Keystone)

Gewaltausbruch: Nach dem Rolling-Stones-Konzert vom 14. April 1967 verwüsten Besucher das Mobiliar des Zürcher Hallenstadions. (Bild: Keystone)

Protestveranstaltung der Frauenbefreiungsbewegung: Die Künstlerin Verena Voiret und Künstler Dieter Meier versteigern am 5. Juli 1969 in Zürich einen Minirock. (Bild: Keystone)

Protestveranstaltung der Frauenbefreiungsbewegung: Die Künstlerin Verena Voiret und Künstler Dieter Meier versteigern am 5. Juli 1969 in Zürich einen Minirock. (Bild: Keystone)

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