Interview

2020 soll das «Broadway Varieté» wieder auferstehen – dank einer Luzernerin

Zirkusse haben zurzeit einen schweren Stand. Auch das traditionsreiche «Broadway Varieté» auf dem Krienser Sonnenberg ist seit 2018 Geschichte. Doch nun will Claudia Kienzler (38) mit Zirkuszelt und Wanderbühne neu anfangen.

Stefan Welzel
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Claudia Kienzler ist die Initiantin des neuen Varietés Caleidoskop. Hier in ihrem Atelier in Emmenbrücke.

Claudia Kienzler ist die Initiantin des neuen Varietés Caleidoskop. Hier in ihrem Atelier in Emmenbrücke.

Bild Boris Bürgisser (Emmenbrücke, 17. Dezember 2019)

2018 gingen im legendären «Broadway Varieté» nach über 70 Jahren die Lichter aus. Damit hat auch der Krienser Sonnenberg, wo die älteste Schaubude der Schweiz jeweils Halt machte, seinen Zirkus verloren (wir berichteten). Doch nun hat die in Luzern lebende Zugerin Claudia Kienzler das alte Broadway-Zelt erworben und ist daran, ein neues Ensemble mit dem Namen «Varieté Caleidoskop» aufzubauen. Die 38-Jährige erklärt im Interview, was die Faszination einer Wanderbühne ausmacht und warum sie das Publikum auch ein bisschen provozieren möchte.

Wir leben in der Epoche von Social Media, Netflix und Youtube. Parallel häufen sich Meldungen, dass Zirkusse Pleite gehen. Nun wollen Sie eine neue Wanderschaubühne auf die Beine stellen. Sind Sie besonders mutig oder einfach nur sehr nostalgisch?

Claudia Kienzler: Natürlich ist es ziemlich nostalgisch, ein solches Projekt anzugehen. Ich sehe jedoch viel Potenzial in diesem Genre, welches sich dauernd weiterentwickeln muss, um seinen Platz in der Kultur- und Unterhaltungsindustrie zu behaupten.

Aber Mut braucht es trotzdem.

Ich bin ein wahnsinnig neugieriger und abenteuerlustiger Mensch. Und wahrscheinlich auch ziemlich mutig.

Woher nehmen Sie die Motivation für diese neue Aufgabe?

Mich fasziniert der Mikrokosmos in und rund um eine Wanderbühne. Man arbeitet und wohnt zusammen und erlebt so viel gemeinsam als Team. Und das über mehrere Monate hinweg auf kleinstem Raum. Die Grundkonstellation ist faszinierend, kann aber auch sehr anstrengend sein, denn man bleibt trotz allem eine Zweckgemeinschaft auf Zeit.

Bild von der letzten Ausgabe des «Broadway Variété» auf dem Krienser Sonnenberg.

Bild von der letzten Ausgabe des «Broadway Variété» auf dem Krienser Sonnenberg.

Eveline Beerkircher (Kriens, 28. Juni 2018)

Sie waren selber Ensemble-Mitglied des Broadway Varieté. Werden Sie sich künstlerisch an diesem orientieren oder wird das Varieté Caleidoskop eine neue Ausrichtung haben?

Das Grundkonzept bleibt dasselbe. Es wird weiterhin ein Spiel- und Verzehrtheater sein. Ich sehe uns als mobiles Mehrspartenhaus von interdisziplinärem Format in der Tradition des Varietés. Eine neue Idee ist, die Küche mehr in die Shows zu integrieren und mit Gerüchen und Düften zu arbeiten, die mit dem Spiel auf der Bühne verbunden sind.

Wie muss man sich das vorstellen?

Gerüche können das Gesamterlebnis Theater um eine spezielle Komponente erweitern und damit noch intensiver machen. Wenn zum Beispiel ein Kulminationspunkt bevorsteht und es brenzlig wird auf der Bühne, kann dies mit knisterndem Röstgeschmack angedeutet werden. Oder man kann in einer sanften Szene mit lieblichen Düften arbeiten. Auf jeden Fall wird die Kulinarik unverzichtbarer Teil der Bühnenhandlung sein und mit ihr korrespondieren.

Mehr zum Leben und Schaffen von Claudia Kienzler gibt es auch im Podcast zu hören:

Sie sind klassisch ausgebildete Musikerin. Im Broadway spielten Sie Violine und waren mit für die Musik zuständig. Wie viel Claudia Kienzler wird in den neuen Programmen drin stecken?

Wohl eine ganze Menge! Ich bin eine Wandlerin zwischen etablierter und alternativer Kultur mit Theater- sowie Varieté-Erfahrung. Die Musik wird sich eines breiten Spektrums bedienen und sämtliche Stilrichtungen einbinden. Da werden neben Rock, Pop, Klassik oder Jazz auch Zeitgenössisches und Eigenkompositionen Platz haben. Schlussendlich muss das musikalische Konzept mit den anderen Disziplinen wie Artistik, Komik, Theater und Tanz interagieren und funktionieren.

Das Broadway hatte eine treue Fangemeinde – werden Sie darauf aufbauen und in Bezug auf das Programm auf dieses Stammpublikum schielen?

Die Frage stellt sich immer: Wie machen wir ein publikumsorientiertes Programm und folgen trotzdem den eigenen künstlerischen Ansprüchen? Ein Wechsel bedeutet immer auch Veränderung. Und hier besteht selbstverständlich die Gefahr, bestimmte Leute zu verlieren. Unser neues Varieté soll und wird seinen eigenen Charakter formen. Wir möchten nicht auf reine Unterhaltung und Musik setzen, sondern im Sinne eines gesellschaftlich relevanten Theaters auch mal anecken, herausfordern und provozieren.

Das «Broadway Varieté» mit dem Programm 2014, «Le Königreich».

Das «Broadway Varieté» mit dem Programm 2014, «Le Königreich».

Bild Manuela Jans

Finanziell war das Broadway Varieté stabil. Die ehemaligen Betreiber gaben als Rückzugsgrund an, dass der administrative Aufwand zu sehr an der Zeit für die Kreativität nagte. Was werden Sie anders machen, damit Ihnen nicht dasselbe passiert?

Das ist ein Deal, den ich mit mir selbst gemacht habe: Ich werde mir die Zeit nehmen, Musikerin und Schauspielende zu bleiben. Dies ist meine Kernkompetenz, die ich nicht verschenken darf. Das ist jedoch einfacher gesagt als getan. Damit mir das gelingt, brauche ich Unterstützung im technischen und administrativen Bereich. Und die suche ich mir gerade.

Wie weit sind Sie mit dem Zusammenstellen eines neuen Teams?

Im strategischen Bereich steht schon der neue, gleichnamige Verein als Trägerschaft mitsamt Vorstand, dem ich selbst vorsitze. Was das spielende Ensemble angeht, bin ich erst in der Aufbauphase. Weiter unterstützt mich der Gönnerverein des ehemaligen Broadway Varieté.

In Ihrem Betriebskonzept verweisen Sie auf einen neuen Ansatz, lokale Kulturschaffende in das Varieté miteinzubinden. Wie soll das genau aussehen?

Ich verstehe das Varieté Caleidoskop als kulturellen Werkplatz. Unsere Institution soll daher offen sein für Kooperationen. Je nachdem, wo wir auf der Tournee gerade unser Zelt aufgeschlagen, wird die Vernetzung mit lokalen Kulturschaffenden angestrebt. Ob in künstlerischer Zusammenarbeit mit uns oder auch einfach in Form von Veranstaltungen. So wird unser Zelt nicht nur für die Eigenproduktionen genutzt. Dieses Angebot soll finanziell niederschwellig sein, um ein breites und neues Publikum anzusprechen.

Zuschauen und essen: Auf Kulinarik soll das Varieté auch künftig setzen.

Zuschauen und essen: Auf Kulinarik soll das Varieté auch künftig setzen.

Dominik Wunderli (Kriens, 2. Juli 2015)

Wie sieht es bisher mit der Finanzierung des Projekts aus?

Die Finanzierung für das Zelt steht. Im kommenden März wird es auf dem Emmer Zwischennutzungs-Areal NF49 neben dem Seetalplatz aufgebaut. Auch das Geld, um mit den Umbauten wie zum Beispiel der Küche zu starten, ist vorhanden. Allerdings muss vieles an Infrastruktur wieder aufgebaut werden. Dazu gehören weitere Wagen, eine Werkstatt, Traktoren und sämtliche Wohnwagen. Diesbezüglich werde ich im kommenden Jahr noch weitere Energie ins Fundraising und Sponsoring stecken müssen. Um den regulären Betrieb sicherzustellen, brauche ich noch ungefähr die gleiche Summe, die ich bisher aufgetrieben habe.

Wo und wann geht es los?

Mit einer abendfüllenden Eigenproduktion starten wir ab Frühsommer 2021. Sicher möchten wir in Luzern, Zug, Basel und Bern spielen. Bereits ab März 2020 fangen in Emmenbrücke die Umbauten am Zelt an. Es liegt an der offiziellen Zeltabnahme, ab wann es bespielt werden darf, ich hoffe aber auf Mai oder Juni. Danach würden wir mit einem kleinen, aber fein kuratierten Programm an den Start gehen. So sollen unterschiedliche Anlässe möglich sein wie Konzerte, Theaterstücke und Kleinkunst-Performance, die eine Schnittmenge zu Zirkus und Varieté aufweisen. Im Herbst würde ich gerne mit ersten «Amuse-Bouche» von künftigen Showelementen beginnen. Am allerbesten schon mit einigen Spielerinnen und Spielern, die dann auch ab 2021 zum Team des neuen Ensembles gehören werden.

Zur Person: Claudia Kienzler (38) ist klassisch ausgebildete Berufsmusikerin. Unter anderem spielt sie Viola und Violine im «Ensemble Montaigne» und beim 21th Century Orchestra. Sie wirkt als Co-Präsidentin bei der Musik-Vernetzungsplattform «Other Music Luzern». An der Hochschule Luzern ist sie Dozentin für Fachdidaktik Violine/Viola. Kienzler stammt aus Hagendorn im Kanton Zug und lebt und arbeitet seit 2003 in Luzern.

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