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Ein Spotlight auf das KKL als Filmmusik-Hotspot: Das 21st Century Orchestra im Vergleich mit dem City Light Concerts

In Luzern herrscht bezüglich Filmmusikkonzerte eine Konkurrenzsituation. Das 21st Century Orchestra startet Anfang Oktober mit «Harry Potter» in die neue Saison, City Light Concerts Anfang November mit «Ratatouille». Wir haben die Programme auf ihren filmischen Gehalt hin überprüft und mit Verantwortlichen aus beiden Lagern über Filme gesprochen, die wir gerne zu Livemusik sähen. Oft ist das schwieriger, als man denkt.
Regina Grüter

21st Century Orchestra

«Es sind überhaupt nicht viele Filme für das Genre geeignet», sagt Ludwig Wicki. Filmmusikkonzerte als eigenes Genre, so hat man das noch nie betrachtet. Überhaupt sieht man als Filmredaktorin nach dem Gespräch mit dem Luzerner Dirigenten einiges anders und vor allem klarer.

Man schlägt etwa David Leans episches Meisterwerk «Lawrence Of Arabia» aus dem Jahr 1962 mit der Musik von Maurice Jarre als neues Projekt vor. Das sei ein toller Film, meint Wicki. «Nur dauert es im zweiten Akt zwanzig Minuten, bis die Musik erstmals einsetzt. Was macht das Orchester in dieser Zeit?», fragt er. Ein Orchester, das zwanzig Minuten untätig auf der Bühne sitzt, eine lustige Vorstellung, aber für die Musiker gar nicht witzig. Wicki bringt noch ein gutes Beispiel: Francis Ford Coppolas «The Godfather». «Bei knapp drei Stunden Film nur vierzig Minuten Filmmusik, aber es wurde schon gemacht!» Das zeugt für Ludwig Wicki von einer falschen Benutzung des Genres: «Partituren müssen genügend musikalischen Inhalt haben.»

Wicki ist in erster Linie Musiker und begeistert sich für die orchestralen Scores eines Howard Shore, John Williams, Hans Zimmer, Michael Giacchino, Danny Elfman, Georg Fenton, David Arnold oder Patrick Doyles. So hat das 21st Century Orchestra mit ihm als Dirigenten mit dem Programm für die Saison 2019/2020 das Rad nicht neu erfunden: Es beginnt mit «Harry Potter»,

«Harry Potter And The Philosopher’s Stone» (Daniel Radcliffe). (Bild: Warner Bros.)

«Harry Potter And The Philosopher’s Stone» (Daniel Radcliffe). (Bild: Warner Bros.)

geht weiter mit «Star Wars». Auch der Weihnachtsklassiker «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» fehlt nicht, und es gibt ein Disney-, ein Zimmer/Williams- sowie ein «James Bond»-Medley.

Fehlende Kinokultur

Für Filmfreaks ist das etwas enttäuschend, zumal das Tonhalle-Orchester Zürich Ende August Stanley Kubricks «2001: A Space Odyssey» als Filmkonzert aufführte. Wieso nicht mal so was? Zu den Filmfans zählt sich auch Ludwig Wicki, nur stellt er den Deutschschweizern diesbezüglich ein schlechtes Zeugnis aus: «Wir haben hier keine Kinokultur.» «Alien» und «The English Patient» hat er beide in der Royal Albert Hall in London aufgeführt – vor vollen Publikumsrängen. Er zweifelt, dass man damit in Luzern den Konzertsaal füllen könnte. Zudem sei das Tonhalle-Orchester ein subventioniertes Orchester, sagt Wicki. «Sie können Kunst machen.» In dieser Frage blieben sich der Musiker und die Filmredaktorin uneinig. Man könnte es doch einfach mal ausprobieren! Dass der Hitchcock-Klassiker «Vertigo» zum Beispiel nicht so gut lief, gibt ihm recht.

«Wer kennt heute noch James Stewart oder Kim Novak?»

, fragt Wicki und stellt ernüchtert fest: «Man muss vom Geschmack des breiten Publikums ausgehen.»

Langfristige Planung wird noch wichtiger

Dass die Programmation so risikofrei erfolgte, muss aber auch noch andere Gründe haben. Behindert die Konkurrenzsituation mit dem anderen Luzerner Filmkonzertveranstalter City Light Concerts hier die Kreativität? Auch steht heute mit der deutschen Konzertagentur Alegria ein neues Unternehmen als Produzent hinter dem 21st Century Orchestra und Ludwig Wicki als dessen künstlerischer Leiter. Sie hätten nur eine beschränkte Anzahl Daten im KKL zur Verfügung gehabt, erklärt Wicki. Der ehemalige Partner und neue Konkurrent Pirmin Zängerle habe schon Jahre im Voraus gebucht. «Das bestimmt das Programm.

Ludwig Wicki, 21 Century Orchestra. (Bild: PD)

Ludwig Wicki, 21 Century Orchestra. (Bild: PD)

Was die Saison 2020/2021 betrifft, können wir kreativer sein, weil wir früher dran sind», sagt Wicki. Auch dass Alegria die Konzerttournee dann in Deutschland fortführen wolle, mache eine langfristige Planung noch wichtiger. «Es ist ein knallhartes Business», bilanziert Wicki, «und ich will als künstlerischer Leiter natürlich, dass der Produzent Alegria überlebt und die Musikerinnen und Musiker eine richtige Gage erhalten.» Am Anfang aber steht die Kunst, die Partitur. Der Luzerner arbeitet mit einer Londoner Produktionsgesellschaft zusammen, die ihm regelmässig Vorschläge unterbreitet, und kennt viele Komponisten. Howard Shore war es auch, der vor 20 Jahren die Idee zu den Filmmusikkonzerten gebar und Ludwig Wicki zur Zusammenarbeit animierte. «The Lord Of The Rings» haben Ludwig Wicki und sein Orchester bis heute oft gespielt, und er selbst hat es weltweit schon über zweihundert Mal dirigiert. Für den Dirigenten ist die Filmreihe ein Gesamtkunstwerk. Da kann man nur beipflichten. Jetzt schon freut er sich auf die Weltpremiere von «The Da Vinci Code» (28. bis 30. April 2020) – Musik: Hans Zimmer.

«The Da Vinci Code» (Tom Hanks, Audrey Tautou). (Bild: Columbia Pictures)

«The Da Vinci Code» (Tom Hanks, Audrey Tautou). (Bild: Columbia Pictures)

Für die Filmredaktorin gut gemachte Hollywoodunterhaltung, nicht mehr und nicht weniger. «Okay», nickt Wicki, «aber die Partitur ist brillant!»

Hinweis: 21st Century Orchestra: Saisonauftakt im KKL Luzern mit «Harry Potter And The Philosopher’s Stone», 3.–6. Okt.; www.21co.ch, VV: www.kkl-luzern.ch.

City Light Concerts

«Zwei Takte, und man weiss, wo man zu Hause ist», schwärmt Pirmin Zängerle, Geschäftsführer von City Light Concerts. Die Weltpremiere von «Superman» aus dem Jahr 1978 mit Christopher Reeve in der Hauptrolle ist nicht nur für ihn das Highlight der Saison.

«Superman» (Christopher Reeve). (Bild: Warner Bros.)

«Superman» (Christopher Reeve). (Bild: Warner Bros.)

«Das ist Musikhandwerk pur»,

fährt Zängerle fort. «John Williams arbeitet praktisch immer mit demselben Orchesterinstrumentarium.» Und aus filmischer Sicht ist es eine Wohltat, in Zeiten von Superhelden-Sequels, -Prequels und -Spin-offs den ersten Superhelden der Geschichte wieder einmal auf der grossen Leinwand sehen zu dürfen.

Pirmin Zängerle, City Light Concerts. (Bild: PD)

Pirmin Zängerle, City Light Concerts. (Bild: PD)

Dass das City Light Symphony Orchestra zwei Filme aus der «Pirates Of The Caribbean»- Reihe aufführen darf – ein Projekt, für das vor Jahren mit dem 21st Orchestra zusammengearbeitet wurde –, liegt daran, dass sie von Disney eine Lizenz auch für Aufführungen in anderen Schweizer Städten wie Zürich oder Basel haben. «Der Veranstalter Alegria aus München hat mit ‹Harry Potter› und ‹Star Wars› offensichtlich andere Schwerpunkte gesetzt», erklärt Zängerle. «Mit dem City Light Symphony Orchestra beabsichtigen wir, auch in Zukunft in einer gewissen Regelmässigkeit die beliebten Filme aus der ‹Pirates›-Reihe aufzuführen.»

Während das 21st Century Orchestra insbesondere mit Disney die Nostalgieschiene fährt und auf einen echten Klassiker verzichtet, hat City Light Concerts heuer einen wunderschönen modernen Filmklassiker im Programm: Giuseppe Tornatores «Cinema Paradiso» mit der kongenialen Musik von Ennio Morricone. Pirmin Zängerle erwartet, damit den KKL-Konzertsaal einmal zu füllen – das sind rund 1500 Plätze.

«Ratatouille». (Bild: Pixar)

«Ratatouille». (Bild: Pixar)

So breit und vielfältig wie möglich

Wegen der Konkurrenzsituation im KKL Luzern führt City Light Concerts den ersten «Pirates»-Film, «Home Alone» und «Beauty And The Beast» auch in der Samsung Hall bei Zürich auf. «Das gezielte Ausweichen auf andere Schweizer Städte ist eine Auswirkung davon», bestätigt der Geschäftsführer. «Und Blockbuster helfen, ein oder zwei andere Projekte querzusubventionieren, wie jetzt etwa ‹Cinema Paradiso›.» Sein Motto: Ein so breites und vielfältiges Programm wie möglich zusammenstellen, was Genre und Entstehungszeit der Filme anbelangt.

Musik drückt auch Serien den Stempel auf

Und mit «Downton Abbey» gibt es noch ein Projekt, das die Autorin zuerst aufhorchen liess, bei genauerem Hinschauen aber Skepsis weckt. Präsentiert würden die schönsten Melodien, gespielt zu Ausschnitten aus der TV-Serie, steht im Programm. Das wird den Erzählmöglichkeiten des Serienformats nun überhaupt nicht gerecht, denkt man. Mit dem Film zur Serie, am 19. September in unseren Kinos angelaufen, hätte sich ein Ausweg angeboten, aber das war zu kurzfristig. «Die Musik drückt der Serie den Stempel auf, wie zum Beispiel bei ‹Game Of Thrones›», meint Zängerle. Ein innovativer Ausweg wurde im Schauspieler Jim Carter gefunden, der in seiner Rolle als Butler Carson auf die Bühne tritt und durch den Abend führt – und durch die Geschicke der Familie Crawley und ihrer Dienerschaft. Komponist John Lunn spielt am Klavier mit. Gut so, überzeugt der Film im Gegensatz zur Serie nicht gänzlich.

Offen für neue Ansätze

Es ist eine exemplarische Weiterentwicklung des Filmmusikformats, das durch gute Kontakte und einen langen Atem möglich wird. Der Produzent und Mitinitiant Zängerle ist hartnäckig: «Ich war seit etwa drei Jahren bei den Produzenten von ‹Downton Abbey› am Pickeln.» Vor gut drei Monaten wurde die Produktion vor dem «Downton Abbey»-Originalschloss in Hampshire uraufgeführt – Ende Jahr dann exklusiv im KKL. Überhaupt ist Zängerle offen für neue Ansätze. Im März brachten sie den Kultfilm «The Terminator» von James Cameron ins KKL. «Damit haben wir das Orchesterformat verlassen», sagt Zängerle. Es standen nur acht Musiker auf der Bühne. Auch mit dem Musicalfilm «La La Land» sind sie aus den Orchesterkonventionen ausgebrochen. «Wieso mit solchen Produktionen nicht auch in kleinere Säle oder in andere Städte?», fragt Zängerle. Sein Credo lautet: «Ein Film mit weniger als 50 Prozent Musikanteil eignet sich nicht fürs Liveformat.» Steven Spielbergs «Jaws», Musik John Williams, geht also nicht: 50 Minuten Musik auf zwei Stunden Film. «Zehn, fünfzehn Minuten ohne Musik funktioniert gut», sagt Zängerle. «‹West Side Story› ist so ein Beispiel. Danach muss es aber ‹tschäddere›.»

Hinweis: City Light Concerts: Saisonauftakt im KKL Luzern mit «Ratatouille», 1./2. November. Infos und VV: www.citylightconcerts.ch

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