250 Jahre Hegel: Eine Vernunft, die keine Ruhe gibt

Am 27. August 1770 wurde Georg Friedrich Hegel in Stuttgart geboren. Pfarrer sollte er werden, wollte er aber nicht. Lieber Philosoph, aber die Karriere musste erdauert werden. Hauslehrer, Zeitungsredaktor, Gymnasialrektor, erst 1816 klappte es mit der ersten richtigen Stelle in Heidelberg. 1818 wurde Hegel Professor in Berlin und dort schnell ein Star. Als gefeierter «preussischer Staatsphilosoph» starb er dort 1831.

Christoph Bopp
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Hegel 1828 in Berlin bei einer Vorlesung.

Hegel 1828 in Berlin bei einer Vorlesung.

Franz Kugler

Wenn man an Hegel erinnert, kommt man nicht um den Skandal herum, der heute mit den Wörtern «Vernunft» und «vernünftig» zusammenhängt. «Jetzt sei doch vernünftig!» oder noch schlimmer: «Nimm endlich Vernunft an!» Das war gerade nicht, was Hegel darunter verstand: Vernunft verlangt gerade nicht, sich zu ducken und sich mit den geltenden Gegebenheiten abzufinden. Vernunft ist ein aktives Prinzip. Sie treibt uns an. Hegels Philosophie war eine Philosophie der Bewegung.

Der späte Hegel der Berliner Jahre war zwar nicht gerade bekannt für überschäumende Gefühlsausbrüche, seine – gut besuchten – Vorlesungen müssen für die Hörer quälend gewesen sein. Hegel war ein miserabler Vortragender, sein gemurmeltes Schwäbisch war kaum verständlich. Und für die Romantiker, die sich stets an der Schwelle einer neuen wunderbaren Zeit wähnten, hatte er gar nichts übrig.

Eugene Delacroix: Die Freiheit führt das Volk (bezieht sich zwar auch 1830, aber Revolution ist Revolution).

Eugene Delacroix: Die Freiheit führt das Volk (bezieht sich zwar auch 1830, aber Revolution ist Revolution).

Was sich Hegel aber auch als Berliner Professor nicht nehmen liess, war die Feier der Französischen Revolution. An jedem 14.  Juli hob er das Glas. Ein «herrlicher Sonnenaufgang» sei die Revolution gewesen; der Moment, in dem der Mensch es gewagt habe, sich auf seine geistigen Fähigkeiten zu verlassen und die Realität an den Prinzipien der Vernunft zu messen, ja ihr zu unterwerfen.


Das Denken soll die Wirklichkeit regieren

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1931). Im Tübinger Stift auf der gleichen Stube wie ...

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1931). Im Tübinger Stift auf der gleichen Stube wie ...

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854). Hochbegabt und frühreif und ...

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854). Hochbegabt und frühreif und ...

Johann Christian Friedrich Hölderlin (1770-1843).

Johann Christian Friedrich Hölderlin (1770-1843).

Die Gesetzmässigkeit und Ordnung der Aussenwelt sei nur eine Scheinerfahrung oder bequeme geistige Gewohnheit, argumentierten vor allem die englischen Empiristen. Kant hatte dann vorgeschlagen, die Daten der Aussenwelt würden erst in und von unserem Kopf in eine Ordnung gebracht. Die Realität draussen nannte er «das Ding an sich», von dem wir nichts wissen können. Für die deutschen Philosophen nach Kant war klar, dass der Mensch (als Subjekt des Erkenntnisprozesses) die Form(en) vorgebe. Deshalb hiess die Epoche der Deutsche Idealismus. Sie gaben sich aber mit Kant nicht zufrieden. Auch die berühmte WG auf dem Tübinger Stift nicht: Hölderlin, Hegel und Schelling. Für Hegel nahm Schelling eine Abkürzung: Geist ist bewusst gewordene Natur. Dort herrschen die gleichen Gesetze, wie sie im Geist wirken. Für Hegel kam diese Identität etwas plötzlich. Das muss sich erst herausbilden.

Nach der Revolution, so Hegel, sei klar, dass man in Sachen Staat, Gesellschaft und Politik nichts anderes gelten lassen dürfe, als was die Vernunft vorgebe. Der Mensch hat sich vorgenommen, die Realität nach seinen Vorgaben zu gestalten. Hier liegt der Kern von Hegels berühmtem Diktum «Das Wirkliche ist vernünftig und nur das Vernünftige ist wirklich.»

Hegel und den Kollegen in Deutschland war natürlich nicht entgangen, dass in Frankreich nach der Erstürmung der Bastille zwar die «Herrschaft der Vernunft» ausgerufen worden war, aber was da abging, keineswegs vernünftig war. Hegel empfahl, das Geschehen nicht vom Resultat her zu beurteilen, sondern als Prozess. Die vorrevolutionären Zustände hätten die Differenz klar gezeigt zwischen dem, was die Vernunft vom Menschen weiss, und den aktuellen despotischen Zuständen. Der Mensch ist ein denkendes Wesen; fähig, nach rationalen Massstäben zu handeln, und deshalb frei.

Warum keine ideale Gesellschaft nach der Revolution?

Wenn die Menschen sich jetzt auf die Vernunft verlassen, bedeutet das, dass sie die Wirklichkeit vernünftig machen müssten. 1789 bedeutete das: Weg mit dem Despotismus! Das treibende Prinzip hinter der Geschichte sah Hegel «im fortschreitenden Bewusstsein der Freiheit». Es sei aber verfrüht, schloss er, gleich die vollendete vernünftige Gesellschaft zu erwarten. Der unkontrollierte Freiheitsdrang aller muss – ohne Ordnungsprinzip – in Anarchie und Chaos münden.

Aber das grosse Ganze stimme schon. Hegels Philosophie birgt den entscheidenden Gedanken, dass sich die Vernunft auch in den Menschen als Entwicklungsmotor erweist. Die «vernünftiger» gewordene Realität wirkt auf die realen Ausprägungen der Vernunft ein. Es muss sich alles beruhigen. Und so stellt sich nach der Französischen Revolution der bürgerliche Staat ein mit den Prinzipien Privateigentum und allseitiger Konkurrenz. Dort sind die Menschen erst mal freier, wenn auch – das räumte sogar der alte Hegel ein, – noch keineswegs alles so realisiert ist, wie es vernünftig wäre.

Die Geschichte geht weiter. Sie ist erst dann zu Ende, wenn der Mensch sich selbst verwirklicht hat, wenn er alle Möglichkeiten, die in ihm liegen, auch realisiert hat. Solange das nicht der Fall ist, regt sich immer wieder irgendwo Widerspruch. Und der muss aufgelöst werden. Ein langer, zeitweilen mühsamer Prozess. Das nennt Hegel dann «absolutes Wissen» oder «das Absolute». Und es dürfte nicht etwas Glänzendes, Strahlendes sein, wie man bei Schelling vermutet. Sondern zerbeult und zerkratzt von der langen Reise.