50 Jahre Rock in der Schweiz: Eine Spurensuche in der ereignisreichen Zeit der Gründergeneration
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50 Jahre Rock in der Schweiz: Eine Spurensuche in der ereignisreichen Zeit der Gründergeneration

Im Jahr 1969 ist die Rockmusik in der Schweiz angekommen. Wer waren diese Langhaarigen mit dem lauten Sound?

Stefan Künzli
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«Satisfaction» war der Urknall der Rockmusik. Im Mai 1965 veröffentlicht, beinhaltete der Song der Rolling Stones alles, was Rock ausmacht. Rauer Sound, verzerrte, laute E-Gitarre, markantes und repetitives Motiv (Riff), harter Beat sowie aggressiver Gesang. Ein Meilenstein der Popkultur. Der Siegeszug um den Globus begann.

In der verschlafenen heilen Schweiz dauerte es länger, bis sich der rebellische Sound durchsetzte. Dabei waren Pioniere wie Hardy Hepp und Düde Dürst am Puls der Zeit und bestens über die neusten Trends im internationalen Popgeschäft informiert. Auch in Beatbands wie The Sevens oder Les Sauterelles waren verzerrte Gitarren zu hören. Mit ihrem Proto-Rock waren sie die Wegbereiter, doch blieben sie dem populären Beat-Sound treu. Rock konnte sich noch nicht durchsetzen. Poppionier Toni Vescoli sagt rückblickend: 

«Wir lebten wie in der Steinzeit.»

Die Schweiz hinkte den Trends stets hintennach. Als die Stones «Satisfaction» veröffentlichten, wurde die Schweiz erst vom Beat-Fieber erfasst. «Die Schweiz war kein Land für Rockmusik», betont Dürst.

Stachel im Fleisch einer Gesellschaft

Die Hauptgründe dürften soziostruktureller Art gewesen sein. Denn Rockmusik galt wie Rock ’n’ Roll der 50er-Jahre als Musik der Unterprivilegierten und der Arbeiterklasse. Der Mittelstand, der in der Schweiz besonders stark ausgeprägt war, konnte sich wenig mit dieser Musik identifizieren. Dazu definierte sich Rock mehr als alle Jugendbewegungen zuvor als Gegenkultur zum Kanon des Bürgerlichen. Rock war der Stachel im Fleisch einer Gesellschaft, die von Exponenten der Gegenkultur als verstaubt und verknöchert wahrgenommen wurde. Das passte nicht zusammen.

Die Nachkriegszeit war das «Goldene Zeitalter» des Jazz und der Tanzorchester, die in den übers Land verstreuten Dancings sowie in den Winter-Kurorten zum Après-Ski aufspielten. Diese Genres blühten in der Schweiz vergleichsweise lange, zum Teil bis in die 70er-Jahre, und verhinderten ein rasches Aufkommen der Rockkultur.

Umso heftiger war der Zusammenprall, als es am 14. April 1967 zur ersten grossen Begegnung in der Schweiz mit dem neuen Rockphänomen kam: Beim berühmten Skandalkonzert der Rolling Stones im Hallenstadion wurde die Bestuhlung von einem wütenden Publikum in ihre Einzelteile zerlegt.

Galerie: Die 50 wichtigsten Schweizer Alben aus der Pionierzeit

The Shiver: Walpurgis (St. Gallen, 1969)
50 Bilder
Krokodil: Krokodil (Zürich, 1969)
Krokodil: Swamp (Zürich, 1970)
Brainticket: Cottonwoodhill (Basel, 1971)
Toad: Toad (Basel, 1971)
Krokodil: An Invisible World Revealed (Zürich, 1971)
Deaf: Alpha (St. Gallen, 1970-72)
Tommy Fortmann Demon Thor: Anno 1972 (Bern, 1972)
Krokodil: Getting up for the Morning (Zürich, 1972)
Toad: Tomorrow Blue (Basel, 1972)
Ertlif: Ertlif (Basel, 1972)
Pacific Sound: Forget Your Dream! (Neuchatel,1972)
Krokodil: Sweat and Swim (Zürich, 1973)
Hardy Hepp: Hardly Healed (Zürich, 1973)
Tea: Tea (Zürich, 1974)
Lise Schlatt: Lise Schlatt (Zürich, 1974)
Freeway 75: Boozed (Wettingen, 1974)
Rumpelstilz: Vogelfuetter (Bern, 1975)
Tea: The Ship (Zürich, 1975)
Island: Pictures (Basel, 1976)
Rumpelstilz: Füüf Narre im Charre (Bern, 1976)
Welcome: Welcome (Basel, 1976)
Marco Zappa: Change (Locarno, 1976)
Circus: Circus (Basel, 1976)
Krokus: Krokus (Solothurn, 1976)
Rumpelstilz: La Dolce Vita (Bern, 1977)
Circus: Movin On (Basel, 1977)
Nasal Boys: Lost And Found (Zürich, 1976 – 78)
Krokus: To You All (Solothurn, 1977)
Monroe: Monroe (Basel, 1978)
Nautilus: 20 000 Miles Under The Sea (Aarau, 1978)
Kleenex/Liliput: First Songs (Zürich, ab 1978)
TNT: Züri Brännt – The Singles (Zürich, 1978 – 82)
Kaktus: Singles 1976-78 (Solothurn, 1978)
Flame Dream: Elements (Luzern, 1979)
Methusalem: For Our Friends (Teufenthal, 1979)
Infra Steff's Red Devil Band: Gas Station (St. Gallen, 1979)
Swiss Wave - The Album, Grauzone, Mother’s Ruin, Rudolph Dietrich etc. (Zürich, 1980)
Krokus: Metal Rendez-Vous (Solothurn, 1980)
Trampolin: In The Dead Of Night (Zürich, 1980)
Steve Whitney Band: Hot Line (Würenlos, 1980)
Irrwisch: In Search Of (Solothurn, 1981)
Lazy Poker Blues Band: Soul Food (Basel, 1981)
Bucks: Brave And Stupid (Zürich, 1981)
Span: Tschou zäme (Bern, 1981)
Vera Kaa: Das macht dich frisch (Luzern, 1981)
Hellhammer: Triumph of Death (Zürich, 1983)
Celtic Frost: To Mega Therion (Zürich, 1985)
Celtic Frost: Into the Pandemonium (Zürich, 1987)
The Young Gods: The Young Gods (Genf, 1987)

The Shiver: Walpurgis (St. Gallen, 1969)

zvg

Klicken Sie auf die unterstrichenen Titel, wenn Sie ein Album hören wollen

Internationalen Idole und Vorbilder wurden kopiert

Rock musste in der Schweiz zweimal anklopfen. Erst der «Summer of Love» 1967, die Hippie-Zeit sowie die 68er-Unruhen, die sich in der Schweiz in den Globus-Krawallen entzündeten, lösten vieles aus. Die Musik wurde lauter, härter und aggressiver. Musiker aus der Beat-Szene wurden vom Rockvirus erfasst. Alles war im Fluss. Rockmusik lieferte den Soundtrack zu den bewegten Zeiten. Pionier Heinz Gräni sagt: 

«Wir haben einfach alles aufgesogen. Spielten Musik ohne Druck und ohne an Kategorien zu denken.»

In einer ersten Phase wurden die internationalen Idole und Vorbilder kopiert. Viele Schweizer Bands waren auf der Suche nach dem eigenen musikalischen Ausdruck. Es wurde kopiert und probiert und schon bald auch ohne Rücksicht auf Verluste experimentiert. Es gab kein Geschäftsmodell, keinen Businessplan, keine kommerziellen Vorgaben, Einschränkungen und Zwänge. Was zählte, war die Musik und nur die Musik. Entsprechend verspielt klang sie. Es war die wilde, verrückte und abenteuerliche Zeit der Schweizer Rockpioniere. Doch wer waren diese Rockpioniere? Wer war der erste Rockmusiker der Schweiz? Welches die erste Schweizer Rockband?

Walty Anselmo, der erste Schweizer Rockmusiker

Walty Anselmo (links) bei einem Auftritt vor mehr als 50 Jahren.

Walty Anselmo (links) bei einem Auftritt vor mehr als 50 Jahren.

Bild: Keystone

Mitte der 60er-Jahre spielte der Zürcher Gitarrist Walty Anselmo im Quartett «The Hellfire» Instrumentals der Shadows und Songs der Beatles. Als er Anfang 1967 zum ersten Mal Jimi Hendrix ab Platte hörte, war er «schockiert und fasziniert». Die Sounds, die Hendrix da kreierte, liessen ihn nicht mehr los. Er begann mit Rückkoppelungen zu experimentieren, traktierte sein Instrument mit Händen und Füssen und liess es schon bald aufheulen wie sein amerikanisches Vorbild.

Im Herbst 1967, an den Vor-Ausscheidungen zum 1. Rhythm and Blues Festival, stellte Anselmo zum ersten Mal seinen neuen, expressiven Stil vor. Die Jury war verstört und stritt sich darüber, ob das noch Musik sei oder doch schon Lärm. Trotzdem qualifizierte sich seine Band Anselmo Trend für das Finale des von Jürg Marquard und seines Magazins «Pop» organisierten Wettbewerbs im Zürcher Hazyland. Dort wurde Anselmo zusammen mit dem St. Galler Dany Rühle ex aequo zum besten Gitarristen gewählt.

Auch der damals 18-jährige Dany Rühle beherrschte seinen Hendrix. Doch wie die Aufnahmen auf der LP zum «1. Schweiz. Rhythm and Blues Festival» belegen, waren er und seine Ostschweizer Band The Shiver stärker im Blues verwurzelt als die rockigere Variante Anselmo Trend. «Ich habe mich immer mehr als Bluesmusiker gesehen. Mein Vorbild war mehr Eric Clapton als Jimi Hendrix», sagt der heute 71-jährige Rühle.

Im Band-Wettbewerb wurde The Shiver zur besten Band gewählt. Doch Anselmo wurde der «Schweizer Hendrix», und seine Band kann als erste Schweizer Rockband bezeichnet werden. «Anselmo Trend war die erste Band, die den Namen als echte Rockband verdient», sagt Beat Hirt, der als erster Schweizer Popjournalist damals beim Magazin «Pop» arbeitete.

Krokodil, die erste professionelle Schweizer Rockband

Konzert von Krokodil mit Hardy Hepp und Walty Anselmo 1969 in Genf.

Konzert von Krokodil mit Hardy Hepp und Walty Anselmo 1969 in Genf.  

Bild: RDB/Getty Images

Für das berühmte Monsterkonzert Ende Mai 1968 mit Jimi Hendrix im Hallenstadion wurde Anselmos Band als einziger Schweizer Act gebucht. Anselmo-Trend bestand aber nicht lange. Denn Anselmo schloss sich einem Bandprojekt des Schlagzeugers Düde Dürst an.

Dürst initiierte nach seinem Abgang bei Les Sauterelles mit Sänger Hardy Hepp, Mojo Weideli (Blues Harp, Flöte) und Terry Stevens (Bass) die Band Krokodil. Ein progressives, psychedelisches und unkommerzielles Rockungetüm, bei dem man «alles, wirklich alles spielen konnte». Krokodil war die erste professionelle Rockband und erste Schweizer Supergroup mit internationaler Ausstrahlung.

Doch welches war die erste Studioaufnahme einer Schweizer Rockband? Krokodil ging Ende 68, Anfang 69 für erste Sessions in das SM Studio in Dietikon. Fast zur gleichen Zeit, im Januar 69, trafen sich die Musiker der neu formierten The Shiver im Soundcraft-Studio Biel von Stefan Sulke (dem Liedermacher).

Zuvor war Organist Jelly Pastorini von Anselmo Trend zur St. Galler Band gestossen und bewirkte mit Rühle einen Stilwechsel vom Rhythm and Blues zum progressiven Rock. In dieser Formation gewann die Band am 10./11. November auch das «2. Schweizer Pop- und R&B-Festival» im Zürcher Hazyland und damit einen Plattenvertrag des «Blicks».

«Walpurgis» von The Shiver, erstes Schweizer Rockalbum

The Shiver 1969 mit Jelly Pastorini, Roger Maurer, Mario Conza und Dany Rühle.

The Shiver 1969 mit Jelly Pastorini, Roger Maurer, Mario Conza und Dany Rühle. 

Bild: zvg

The Shiver war schneller als Krokodil. Im Frühjahr 1969 wurde die erste Schweizer Rocksingle «Hey Mr. Holy Man» herausgegeben, die sogar mit den Top Ten der Schweizer Hitparade flirtete. Wenig später erschien das Album «Walpurgis» beim deutschen Label Maris: Das erste Schweizer Rockalbum. Rühle erinnert sich: 

«Wir haben die LPs schon bald nach den Aufnahmen in einer kleinen Auflage erhalten und gleich veröffentlicht.»

Kein Geringerer als H. R. Giger entwarf das Cover für Single und Album.

«Walpurgis» ist ein historisches Schmuckstück mit reizvollen Ausflügen in die Welt des progressiven Rock. Ein wunderbares Dokument aus einer Zeit im Aufbruch. Doch auch ein heterogenes, nicht ganz ausgegorenes Werk zwischen Rockfantasien und Rhythm and Blues. The Shiver hatte ihre Identität noch nicht gefunden. Dazu leiden die Aufnahmen unter der mangelhaften Abmischung.

Auch die ersten Aufnahmen von Krokodil konnten höheren Ansprüchen nicht genügen. Sie gelangten zum einflussreichen deutschen Musikmanager und Produzenten Sigi Loch (heute Chef des Jazzlabels «act»). Dürst erzählt: 

«Er fand Band und Musik super, aber die Aufnahmen zu wenig professionell.»

Die historisch wichtigen Aufnahmen von Dietikon wurden erst 2014 unter dem Titel «The First Recordings» veröffentlicht. Loch offerierte der Band stattdessen neue Studioaufnahmen im Mai 1969, die sogleich unter dem Titel «Krokodil» veröffentlicht wurden. Dazu bot er der Band einen weltweiten Deal mit dem bedeutenden amerikanischen Label Liberty an, bei dem Stars wie Ike & Tina Turner, Canned Heat und Cher unter Vertrag waren.

Im Wettstreit um die erste Schweizer Rockaufnahme hatte The Shiver zwar knapp die Nase vorn. Doch die Bedeutung von Krokodil, auch über die Landesgrenzen hinaus, war ungleich grösser. Dürst sagt: 

«Wir waren die erste Schweizer Band, die einen Deal mit einem Weltlabel abschliessen konnte. Wir waren in ganz Europa unterwegs, spielten auf den grössten Festivals, mit all den berühmten Bands.»

The Shiver löste sich dagegen noch im selben Jahr auf. Gemäss Rühle war einem Teil der Band die Rockbranche zu unsicher. Sie entschieden sich für «einen bürgerlichen Beruf». Rühle und Pastorini aber machten weiter und gründeten die Prog-Rockband Deaf mit, die bis 1972 bestand. Interessant: In der Endphase der Band sang ein gewisser Marc Storace, der spätere Sänger von Krokus. «Deaf war für mich so etwas wie das Sprungbrett in der Schweiz», sagt er rückblickend.

In allen Schweizer Regionen bildeten sich kleine Rockzellen. In Solothurn etwa gründete der vor einem Jahr verstorbene Rockpionier Duco Aeschbach die Band Kaktus. Terrible Noise hiess die Band von Jürg Nägeli und Tommy Kiefer (später Krokus).

In Bern gab es Delation um den späteren Grünspan- und Span-Musiker Matti Kohli. The Morlocks, The Black Lions, The Lives und The Livings mit Dänu Stöckli hiessen andere Berner Bands, die Ende der 60er-Jahre erste Rockelemente aufnahmen. Polo Hofer mit The Jetmen und «Polo’s Pop Tales» war eher mit Rhythm and Blues und Soul verbunden. Dokumentiert ist alles auf dem Sampler «50 Jahre Berner Rock» (Zytglogge).

«Child Of My Kingdom», der erste Schweizer Rockhit

Ernesto «Fögi» Vögeli, Sänger der Rockgruppe Tusk.

Ernesto «Fögi» Vögeli, Sänger der Rockgruppe Tusk. 

Bild: Urs Blumer/Chronos

Ebenfalls 1969 formierte sich in Zürich die Rockband Tusk um den extrovertierten, charismatischen Sänger Ernst «Fögi» Vögeli. Die Single «Child Of My Kingdom» stiess im Juni 1970 bis auf Platz 7 der Schweizer Hitparade vor. Langsam wurde Rock auch in der Schweiz populär. Es war der erste CH-Rocksong, der zum Hit wurde. Zu Albumaufnahmen kam es trotz Angeboten aber nie. Der damalige Bassist Heinz Gräni sagt: 

«Plötzlich kamen wir in diese Maschinerie und sind am Druck, liefern zu müssen, gescheitert.»

Kurz darauf löste sich die Band auf. Sänger Ernesto «Fögi» Vögeli war so etwas wie der erste Schweizer Rockstar. Mit seiner extrovertierten Bühnenshow und seinem offenen Bekenntnis zu seiner Homosexualität sorgte der Fan von Mick Jagger für grosses Aufsehen. Romanautor Martin Frank, der sich vom Leben des Sängers zum Schwulen-Liebesroman «ter fögi isch e souhung» (1979) inspirieren liess, sagte: 

«Fögi war ein Held, ein Pionier, ein Revolutionär.»

Das Buch diente Regisseur Marcel Gisler wiederum als Vorlage für den Film «F. est un salaud» (1998).

Neben Zürich war Basel das Zentrum der Rockpioniere. Ende der 60er-, Anfang der 1970er-Jahre scharten sie sich um Keyboarder Joël Vandroogenbroeck. Der belgische Pianist ist 1962 nach einem Konzert im «Atlantis» am Rheinknie hängen geblieben und wechselte im Lauf der 60er-Jahre ins experimentelle Rockgenre. Er gründete das Trio Third Eclipse, danach mit Cosimo Lampis (Drums) und Werner Fröhlich (Bass) die psychedelische Elektro-Prog-Rockband Brainticket. Vandroogenbroeck schreibt im Buch «Pop Basel» (2009): 

«Das Konzertpublikum verstand unsere Musik nicht.»

Doch das Marketing des Labels Phonag, die das Début «Cottonwoodhill» (1971) als erste LSD-Platte anpries, war ein Erfolg. Die abenteuerliche Mischung aus wabernden Keyboards, elektronischen Effekten und Grooves ist in Sammlerkreisen Kult und soll sich gemäss Vandroogenbroeck bis heute gegen eine Million Mal verkauft haben. Vom Geld sah der belgische Pionier, der Ende 2019 verstarb, aber nie etwas.

«Toad» von Toad, das erste Schweizer Hardrock-Album

Toad 1971: Werni Fröhlich, Cosimo Lampis  und Vic Vergeat.

Toad 1971: Werni Fröhlich, Cosimo Lampis und Vic Vergeat.  

Bild: zvg

Vandroogenbroeck zog weiter, und die Basler Musiker Lampis und Fröhlich gründeten 1970 mit dem Gitarristen und Sänger Vic Vergeat die Hardrock-Formation Toad, die sich stark an der Musik von Cream und Hendrix orientierte. Die Band landete 1971 mit dem Song «Stay» einen Top-Ten-Hit und nahm im selben Jahr ihr Débutalbum «Toad» auf. Es war das erste Schweizer Hardrock-Album und erstaunlich erfolgreich. Es erreichte in der Blick-Hitparade Spitzenränge (eine offizielle Schweizer Album-Hitparade gab es noch nicht).

Die meisten Bands in jener Pionierzeit hatten eine relativ kurze Lebensdauer. Krokodil bestand immerhin fünf intensive Jahre. 1971 trat Hardy Hepp aus, und nach fünf Alben in fünf Jahren war 1974 definitiv Schluss. «Wir waren ausgelaugt und ausgebrannt», erinnert sich Dürst. Der Drogenkonsum habe das seinige dazu beigetragen. Dazu seien Diskotheken aufgekommen. Dürst sagt: 

«Die Veranstalter wollten den Bands nichts mehr bezahlen.»

Ein wichtiges Kapitel Schweizer Rockgeschichte ging zu Ende.

Krokodil, das Revival 50 Jahre danach

Das Cover des neuen Albums macht mit psychedelischen Farben auf sich aufmerksam.  Ernst Strebel, Walty Anselmo, Düde Dürst, Terry Evans und Adrian Weyermann.

Das Cover des neuen Albums macht mit psychedelischen Farben auf sich aufmerksam.  Ernst Strebel, Walty Anselmo, Düde Dürst, Terry Evans und Adrian Weyermann.

Jetzt, über 50 Jahre nach der Gründung, wird das Krokodil wiederbelebt. Die Originale Dürst (74), Anselmo (74) und Stevens (75) sind dabei. Mojo Weideli, der vor 14 Jahren gestorben ist, und Hardy Hepp fehlen. Hepp hat sich vom Musikgeschäft zurückgezogen. Neu dabei sind dafür der 46-jährige Sänger und Gitarrist Adrian Weyermann sowie Keyboarder Ernst Strebel.

Initialzündung für das Revival war die enorme Nachfrage nach dem Album «An Invisible World Revealed». 1971 aufgenommen, hat Rechteinhaber Dürst das Album verschiedentlich nachgepresst. Trotzdem hat die Nachfrage weltweit bis heute nicht nachgelassen. Bis maximal 2400 Euro kostet ein Album auf der amerikanischen Online-Datenbank Discogs.

Statt das Album einfach noch einmal zu pressen, haben die neuformierten Krokodile die Songs neu arrangiert, interpretiert und aufgenommen. Dazu kommen neue Songs von Walty Anselmo. Die alten und neuen Aufnahmen werden zusammen mit einem 20-seitigen, reich bebilderten Buch im Spätsommer veröffentlicht und am 18. September feierlich getauft.

Weitere Konzerte sollen gemäss Dürst folgen. «Vor allem in Deutschland kennt man uns noch», sagt er, «wir wollen weitermachen.» Der Kreis hat sich geschlossen. Das Krokodil lebt.

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