San Remo: 70 Jahre und kein bisschen leise

Das Festival von San Remo blühte dieses Jahr üppiger denn je. Es gewann der 38-jährige Apulier Diodato mit dem Lied «Fai rumore».

Gottlieb F. Höpli
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Der Apulier Diodato gewann mit dem Lied «Fai rumore».

Der Apulier Diodato gewann mit dem Lied «Fai rumore».

Bild: EPA

Wer wissen will, welche Canzoni im nächsten Sommer an den Stränden, in den Bars und Discos von Jesolo bis Porto Cervo ertönen werden, der hat zwei Möglichkeiten: Er setzt sich an fünf Abenden während 25 Stunden vor den Fernseher, wo das Festival della Canzone Italiana in quälender Überlänge übertragen wird. Oder er kauft sich an der erstbesten Autobahnraststätte die CD mit den San-Remo-Hits. Da wir uns in einem Anfall von Sehnsucht nach dem Belpaese der anstrengenden Variante unterzogen haben, hier das Wichtigste in Kürze.

Am Sonntagmorgen gegen halb drei Uhr wurde die Pop-Ballade des 38-jährigen Apuliers Diodato «Fai rumore» zum Siegertitel erkoren. Der besinnliche Beitrag des introvertierten Sängers wird am Eurovision Song Contest ertönen. Publikumsliebling war aber der Song «Vice versa» von Francesco Gabbiani – dem Sänger mit dem unwiderstehlichen Lausbubenlächeln, der schon 2017 in San Remo gewonnen hatte. Strand-, Bar- und Disco-tauglich ist auch «Ringo Starr» der schrägen Rock-Band «Pinguini tattici nucleari» aus Bergamo auf Platz drei.

Der TV-Moderator Amadeus führte dieses Jahr den megalomanen Anlass, der den Italienern in seiner Geschichte unzählige Hits bescherte zu neuen Rekorden: Einschaltquoten bis zu 60 Prozent, jeden Abend zwischen 10 und 14 Millionen Zuschauer – in TV-Nächten, die regelmässig bis weit nach Mitternacht dauerten. Denn die Canzoni des hörenswerten Nachwuchses waren eingebettet in ein Panoptikum, wie es wohl nur die Italiener zu Stande bringen: Wer könnte sich etwa einen vierzigminütigen Monolog wie jenen Roberto Benignis in einer TV-Show diesseits der Alpen vorstellen? Der Oscar-Preisträger kündigte an, das «Lied der Lieder» vortragen zu wollen – und rezitierte sodann das Hohelied Salomos aus der Bibel.

Die Italiener lieben San Remo auch, weil es eine Wundertüte ist, weil es mit den Gästen und überflüssigen Albernheiten ein Spiegelbild des Landes ist. Wo schrille und leise Töne, Ernst und Nonsens, Skurriles und Herzerwärmendes abrupt aufeinandertreffen: Auf den Auftritt eines an unheilbarem Muskelschwund erkrankten jungen Mannes folgt Novak Djokovic, der auf der Bühne in nie gesehener Lockerheit in Eros Ramazottis «Terra promessa» einstimmt. Begegnungen mit der grossen Vergangenheit der Canzoni zuhauf: Zum ersten Mal seit 40 Jahren waren «Ricchi e Poveri» wieder in Originalbesetzung zu hören, mit erstaunlicher Power. Zucchero war da, Rita Pavone sogar im Wettbewerb – die Italiener vergessen die Helden ihrer lau(t)en Sommernächte nicht. San Remo bleibt ein Fest für alle Sinne.

Weshalb man sich wohl als blasses Nordlicht so viele, von unendlich viel Werbung unterbrochene Stunden vor dem Fernseher antut: Es gibt eben ganze Völker, die vor der Kamera aufblühen – und solche, die wie wir Schweizer vor der Kamera erstarren. Deshalb, liebe SRG; ARD, RTL etc.: Versucht bitte gar nicht erst, San Remo in ein nördliches Format zu übertragen.