700 JAHRE MORGARTEN: Morgarten-Spektakel ganz ohne Schlachtgetümmel und Hellebarden

Das Freilichtspiel «Morgarten - Der Streit geht weiter» zeigt den Mythos Morgarten ganz ohne Hellebarden und herabrollende Baumstämme. Stattdessen bekämpfen sich zwei Frauenchöre bei der Vorbereitung für die 700-Jahr-Feier. Am Freitag hat das Stück in Morgarten Premiere gefeiert.

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Die Schauspieler des Freilichttheaters «Morgarten - Der Streit geht weiter» sind während ihres Auftrittes ganz bei der Sache. Das Bild stammt von der Generalprobe. (Bild: Keystone / Alexandra Wey)

Die Schauspieler des Freilichttheaters «Morgarten - Der Streit geht weiter» sind während ihres Auftrittes ganz bei der Sache. Das Bild stammt von der Generalprobe. (Bild: Keystone / Alexandra Wey)

Dass hier kein Mythos gepflegt werden soll, wird dem Publikum auf den ersten Blick klar: Das Morgarten-Denkmal ist für dieses Freilichttheater nicht etwa schön ausgeleuchtet, sondern in weisse Tücher gehüllt. So steht die Gedenkstätte an diesem symbolträchtigen Hang zwar immer noch zuoberst, hält sich aber im Hintergrund.

Laienschauspielerin Judith Spörri (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
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Clau Item (links) und Nikolai Richter (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
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Die Laienschauspielerinnen Denise Bodenmann (links) und Svenja Müller. (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
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Freilichttheater Morgarten (Bild: PD)
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Freilichttheater Morgarten (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
Freilichttheater Morgarten (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
Freilichttheater Morgarten (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
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Freilichttheater Morgarten (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
Freilichttheater Morgarten (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
Freilichttheater Morgarten (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
Freilichttheater Morgarten (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
Freilichttheater Morgarten (Bild: Keystone / Alexandra Wey)
Freilichttheater Morgarten (Bild: Keystone / Alexandra Wey)

Laienschauspielerin Judith Spörri (Bild: Keystone / Alexandra Wey)

Für die Verantwortlichen war von Anfang an klar, dass sie keinesfalls den in der Schweiz allseits bekannten Schulstoff nachspielen wollten. Sie setzten sich vielmehr zum Ziel, die Ereignisse von 1315 mit der heutigen Zeit zu verbinden.

Auch die historischen Unklarheiten sollten in diesem Stück vorkommen, denn bis heute streiten sich Historiker darüber, ob es die Schlacht in der überlieferten Form überhaupt gegeben hatte.

Anfangs habe relativ grosse Skepsis geherrscht, sagte Regisseurin Annette Windlin vor der Premiere. Die Vorbehalte gegenüber den «komischen Künstlern» hätten zuerst ausgeräumt werden müssen. Nur schon die Tatsache, dass die Verantwortlichen «mit Humor» an den Mythos herangehen wollten, dürfte wohl manchen konservativen Politiker in Alarmbereitschaft versetzt haben.

Mit dem Ergebnis können wohl aber alle leben: Das Freilichtspiel ist zwar humorvoll, macht sich aber nicht lustig. Es thematisiert die Zweifel, tut die Schlacht aber auch nicht als Erfindung zur Förderung der Schweizer Identität ab. Das Premieren-Publikum, darunter SVP-Bundesrat Ueli Maurer, spendete begeisterten Applaus.

Der Morgarten-Hang als Bühne

88 Schauspielerinnen und Schauspieler aus der Region sind an der Produktion beteiligt. Sie schlüpfen in insgesamt 350 Rollen und nutzen für das Stück den gesamten Hang, auf dem das Denkmal thront. Während fast zwei Stunden geht es hier hoch und runter, es wird gerannt, getanzt und marschiert - in der gegenwärtigen Hitze nur schon körperlich eine Leistung.

Erzählt werden zwei Geschichten: Einerseits der Konflikt zwischen den Habsburgern und den Schwyzern, andererseits die 700 Jahre später stattfindenden Vorbereitungsarbeiten für das Jubiläumsjahr 2015.

Zwei Frauenchöre aus den Kantonen Zug und Schwyz werden beauftragt, für die Feierlichkeiten ein modernes Morgarten-Lied einzustudieren. Doch schon bald menschelt es und aus dem künstlerischen Wettstreit wird ein hasserfüllter Kampf der Chöre.


Streit beim Denkmal-Bau

Dieser Kampf erinnert nicht nur an die Auseinandersetzung zwischen den Habsburgern - zu denen die Zuger anno 1315 gehörten - und den Schwyzern, sondern auch an die Streitigkeiten beim Bau des Morgarten-Denkmals.

Als es zu Beginn des 20. Jahrhunderts darum ging, eine Erinnerungsstätte für Morgarten zu bauen, lieferten sich die Kantone Zug und Schwyz während Jahren einen Zwist um Gestaltung, Finanzierung und Standort.

Dass das Gebäude schliesslich auf Zuger Boden zu stehen kam, also bei den «Habsburgern», brachte die Schwyzer derart in Rage, dass sie der Einweihung im Jahr 1908 demonstrativ fernblieben.

Narr mit Erinnerungslücken

Durch die Erzählstränge führt eine Gruppe von Narren, die zu Zeiten der Schlacht von Morgarten nicht nur Unterhalter waren, sondern oft auch als einzige die Wahrheit auszusprechen wagten.

Hofnarr Kuony von Stocken ist dabei für die historischen Unklarheiten zuständig: Er stand zwar 1315 im Dienste des habsburgischen Herzogs Leopold, kann sich aber beim besten Willen nicht an eine Schlacht erinnern.

Er ist es denn auch, der in diesem Stück die provokativen Fragen stellt. Wäre es denn so schlimm, wenn es die Schlacht von Morgarten gar nie gegeben hätte? Wären die Schweizer dann weniger Schweizer? Kuony von Stocken darf das, denn auf den Narr ist keiner böse.

sda