75. GEBURTSTAG: Plàcido Domingo – «Eine Stimme mit Macho-Klang»

Plácido Domingo ist ein Phänomen. Noch immer jettet der Mann, der heute 75 wird, um den Erdball, seine Stimme ist tiefer geworden, hat aber ihre Strahlkraft bewahrt.

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Heute wird Plácido Domingo (hier bei einem Auftritt 2013) 75 Jahre alt. Er ist ein «Mann der Superlative in jeder Hinsicht». (Bild: Keystone)

Heute wird Plácido Domingo (hier bei einem Auftritt 2013) 75 Jahre alt. Er ist ein «Mann der Superlative in jeder Hinsicht». (Bild: Keystone)

Rolf App

Man findet lustige Dinge über den unermüdlichen Sänger Plácido Domingo im Internet. Einen Weihnachtssong mit Helene Fischer zum Beispiel; muntere Gespräche wie jenes mit David Letterman im amerikanischen Fernsehen; Auftritte mit den «drei Tenören», bei denen er Frank Sinatras «My Way» singt (und Sinatra selbst dabei Tränen in den Augen hat). Oder auch jenen kurzen Film, der Plácido Domingo zu Hause zeigt.

Domingo zu Hause

Den Bau dieses Hauses in Acapulco hat die Familie ohne das Zutun des Vielbeschäftigten beschlossen, der seit mehr als fünf Jahrzehnten von Opernhaus zu Opernhaus jettet – mit Zwischenhalten in allerlei Aufnahmestudios. Hat er ein paar Tage frei, dann sitzt er am Swimmingpool und studiert die nächste Rolle. Oder er spielt Tennis mit den drei Söhnen, die alle auch gut singen können – wenn auch nicht so gut wie der Vater. Plácido Domingo, der Familienmensch: Hier ist er in seinem Element.

Wie macht er das? Heute, an seinem 75. Geburtstag, wird er möglicherweise eine Pause zum Feiern einlegen. Aber der Blick auf seine Pläne für dieses Jahr lässt zweifeln, ob er viel Zeit haben wird für Acapulco, die Sonne und das Meer. Im Februar/März steht an der Mailänder Scala Giuseppe Verdis «I due Foscari» an, im April an der New Yorker Metropolitan Opera dessen «Simon Boccanegra», den er dann auch in Barcelona singen wird. Im Mai gehts nach Wien zu «La traviata», im Juni ans Londoner Royal Opera House zu «Nabucco»: Es wird ein Jahr voller Verdi sein. «Verdi ist für mich – und sicherlich nicht nur für mich! – der Gott der italienischen Oper», hat er in einem Interview gesagt.

Der Fachmann Thomas Seedorf zählt Plácido Domingo denn auch zu den grossen Verdi-Sängern des 20. Jahrhunderts. Jürgen Kesting, mit seinem mehrbändigen Werk über grosse Sängerinnen und Sänger wohl der beste Kenner dieses Gewerbes, lobt ihn dafür, dass er «seit Jahrzehnten zu den Megastars gehört und ‹trotzdem› ein bedeutender Künstler geblieben ist». Ein «Mann der Superlative in jeder Hinsicht», wobei wir hier den Dirigenten, den Opernmanager und den Nachwuchsförderer Domingo noch gar nicht erwähnt haben. Und den Besitzer eines Restaurants in New York.

Ein Gebet zu den Heiligen

Bleiben wir beim Sänger. Vor jedem Auftritt betet er: zu Cäcilia, der Schutzpatronin der Musik, und zu Blasius, dem Schutzheiligen des Halses. Er bittet sie «um Kraft, die mich trägt». Um jene Inbrunst, die seine Aufnahmen dokumentieren. Er weiss es: Die Stimme ist ein fragiles Instrument.

Diese Stimme hat sich verändert. Plácido Domingo ist nie sehr hoch hinauf gekommen, hat als Bariton begonnen, ist dann zum Tenor geworden – und jetzt wieder ins Baritonfach zurückgekehrt. Kesting beschreibt diese Stimme als «unverkennbar timbriert, weich, voll und sinnlich einschmeichelnd», nicht so hell und schlank wie die italienischen Stimmen, kurz: «Eine Stimme mit einem unverhohlenen Machoklang».

Die Lust am Singen scheint ungebrochen zu sein, auch wenn die prägenden Aufnahmen und Auftritte früheren Jahrzehnten angehören. Da ist zum Beispiel die ganz wundervolle CD «The unknown Puccini» von 1990, in der sich seine Stimme, begleitet nur von Klavier oder Orgel, ganz wundervoll entfaltet. Ein mit Pablo Heras-Casado und dem Orquestra de la Comunitat Valenciana vor drei Jahren eingespieltes Album mit Baritonarien aus Verdi-Opern zeigt ihn schon ein wenig matter – aber immer noch beeindruckend in seiner Aura.

Das Unverwechselbare zählt

Björn Woll hat in seinem kürzlich erschienenen Buch zu Alltag und Magie des Sängerberufs auch Bernd Loebe befragt, den Intendanten der Frankfurter Oper. Loebe bemängelt, dass die Spitze der Sängerpyramide früher ausgeprägter gewesen sei als heute, und er spricht von einer «Dominanz eher instrumentaler Stimmen, die geformt werden können». Manchmal sehne er sich nach Stimmen, bei denen man nach fünf Sekunden den Sänger erkenne: «Domingo und Pavarotti erkennen Sie sofort, auch Jonas Kaufmann. Vielleicht macht die Unverwechselbarkeit doch einen Teil der Qualität eines Sängers aus.»