AB INS GRÜNE: Inspirierende Orte sind hier Programm

Drei Klassikfestivals starten diese Woche – in Boswil, Brunnen und Meggen. Und gehen in der Alten Kirche, im Bürgersalon oder in der Zementfabrik neue Wege.

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Aufstrebendes Gringolts Quartett. (Bild: PD)

Aufstrebendes Gringolts Quartett. (Bild: PD)

Kleinfestivals schliessen die Lücke zwischen Saisonschluss und Lucerne Festival im Sommer – mit Kammermusik an lauschigen Orten in der Region. Neben dem grössten, dem Boswiler Sommer, starten diese Woche zwei weitere Kammermusikfestivals: das letztes Jahr erstmals im Sommer durchgeführte Klang Meggen sowie zum ersten Mal das Musikfest Brunnen. Mit den SommerKlängen an historischen Orten im Kanton Zug (7. Juli bis 11. August) ergibt das ein lückenloses Angebot bis zum Sommer-Festival.

Was prädestiniert Kammermusik für die Flucht ins Grüne? Kann man durch historisches Cachet oder naturnahe Ambiance neues Publikum gewinnen? Oder bedient das Rundherum mitsamt den jeweiligen kulinarischen Angeboten dem angestammten Klassikpublikum, was es in grossen Konzerthäusern vermisst? Die drei jetzt startenden Festivals sind dabei so unterschiedlich wie die Lokalitäten, in denen sie stattfinden. Denn die Inspiration dazu liefern vor allem die Orte selbst.

Spielwiese rund um Alte Kirche

Am ehesten entspricht dem Klischee von der populären Öffnung an alternativen Spielorten der Boswiler Sommer. Gerade hier entsprang das bei der Gründung 2001 aber der Tradition des Künstlerhauses. Dieses widmete sich bis 2006, als es sich ganz auf Musik ausrichtete, verschiedenen Sparten, und diese Vielfalt spiegelt sich bis heute im Programm – vom Kinderkonzert über Pantomime mit Dimitri bis zu Repertoire-Klassik. «Das Festival ist eine Spielwiese», sagt der Leiter Andreas Fleck: «Ein buntes Fest auf verschiedenen Ebenen».

Das originelle Programmheft (mit Zeichnungen von Ted Scapa) und das diesjährige Thema «Faces» beweisen, wie dieses Zusammenspiel jung hält. «Seit 2001 haben sich unser Kontakt zu Menschen und die Kommunikation mit ihnen rasant verändert, vom E-Mail bis hin zu Facebook», begründet Fleck das aktuelle Thema. In Zeiten von Facebook macht das Festival auf seine Stärke aufmerksam: Dass man hier Gesichter («Faces») und physisch greifbare Menschen hautnah er­leben kann.

Hardcore-Klassik im Salon

Dies ist der zentrale Punkt, der alle genannten Festivals verbindet. Im Vergleich zu Boswil konzentriert sich Klang Meggen zwar weitgehend auf Hardcore-Klassik von Mozart über Brahms bis Britten. Aber auch da betont Veranstalter Roland Meier die Nähe, die der Salon, die Foyers oder die Gartenterrasse auf Schloss Meggenhorn ermöglichen: «Kammermusik-Freaks können die Begegnung mit Künstlern als persönliches Erlebnis mit nach Hause nehmen. Mit der einmaligen Ambiance des Schlosses am See kann man aber darüber hinaus ein Publikum ansprechen, das eine gewisse Distanz zu grossen Konzertsälen hat. Auch deshalb, weil man da von den hinteren Plätzen die Künstler auf der Bühne wie Ameisen sieht.»

Fabrik- und Seepromenade

Während Klang Meggen bei der bürgerlichen Salonkultur mitsamt ihren Opernparaphrasen anknüpft, geht das Musikfest Brunnen in der Wahl des Konzertortes in eine andere Richtung. Gespielt wird hier im Kulturraum «Nova Brunnen» auf dem Areal der Alten Zementfabrik. Der ungewohnte Rahmen steht auch für ein neues Konzertformat, sagt Mitinitiantin Lisa Schatzman: «Die Standard-Konzertdauer von zwei Stunden erschwert griffige Programme – das ist wie eine CD, die man füllen muss», sagt die Konzertmeisterin des Luzerner Sinfonie­orchesters: «Deshalb machen wir an einem Tag drei kürzere Konzerte, mit je eigenem Akzent zum Wagner-Jahr.»

Auch hier ist aber die Nähe zur Musik und zu den Künstlern entscheidend. Die ungezwungene Atmosphäre beim Apéro soll weiterwirken im Konzert «Klassik & Lounge» in der Zementfabrik, der Abschluss im Seehotel Waldstätterhof rückt nahe an die Seeromantik, die Wagner und andere Musiker in die Schweiz lockte: «Mit den Pausen dazwischen ist das Musikfest eine Art Promenade», sagt Schatzman, «wo man verschiedenste Ein­drücke sammeln kann». Urs Mattenberger

Klang Meggen: Schöne Aussichten rund um Mozart und Co.

Trotz dem märchenhaften Ausblick auf den See und dem Abendessen, das nach den Konzerten angeboten wird, steht bei Klang Meggen auf Schloss Meggenhorn eindeutig die Musik im Zentrum. Das unterstreichen gleichermassen die Programme und hochkarätigen Musiker.

Exemplarisch gilt beides für das Eröffnungskonzert mit dem jungen Gringolts Quartett, das seinen Spitzenrang eben erst mit einer sensationellen Schumann-CD bestätigt hat. In Meggen spielt das Ensemble schwergewichtige Quartette von Haydn, Brahms (Nr. 2) und Bartók (Nr. 3, Freitag, 28. Juni, 18.45).

Einen absoluten Repertoire-Klassiker, Mozarts Klarinettenquintett, verbindet das Ensemble Fiacorda mit einer Rarität aus dem Fin de siècle: John Irelands Sextett verspricht in der Besetzung für Klarinette (Urs Brügger), Horn und Streichquartett den orchestralen Akzent im etwa hundert Zuhörer fassenden Konzert-Salon (Samstag, 29. Juni, 17.45).

Eher leichten Divertimento-Charakter hat das erste der beiden Konzerte, in denen der künstlerische Leiter von Klang Meggen, der Klarinettist Fabio di Casola, mitwirkt: Mit dem Ensemble Viva Voce spielt er Opern-Paraphrasen von Mozart, Beethoven und Rossini (Sonntag, 30. Juni, 11.00). Ganz Klassik-Hardcore dagegen bietet wiederum das Schlusskonzert: Das Signum Quartett spielt Quartette von Mozart und Britten (Nr. 2) und begleitet Casola in Webers Klarinettenquintett (Sonntag, 30. Juni, 17.45).mat

Freitag, 28. Juni, bis Sonntag, 30. Juni

Schloss Meggenhorn, Meggen, Info/VV:

Musikfest Brunnen: Fabrikatmosphäre und Seeromantik

Als Richard Wagner erstmals 1851 nach Brunnen kam und von der Landschaft beeindruckt war, spielte er mit dem Gedanken, hier eine Festspielbühne zu errichten, wie er sie später in Bayreuth realisierte. Anlässlich von Wagners 200. Geburtsjahrüberträgt das «Musikfest Brunnen» diese Vision erstmals in die heutige Zeit. So finden zwei der drei Konzerte in der Zementfabrik statt, die sich im Rahmen der Zwischennutzung von «Nova Brunnen» zum Kulturplatz wandelt.

Vorgängig gibt es hier eine Einführung (16.00), in der Pause spielt zum Apéro die Musikgesellschaft Brunnen (17.45). Auch das hat einen Bezug zu Wagner, der dieses Jahr das Thema abgibt, denn Wagner hatte für die Blasmusik in Brunnen Werke arrangiert. Das dritte Konzert findet im Hotel Waldstätterhof statt – am See, der Wagner inspirierte.

Solche Kontraste bestimmen auch die Konzertprogramme selbst. Im ersten erklingt Kammermusik des Wagner-Zeitgenossen Mendelssohn und Wagner-«Nachfolgers» Richard Strauss (17.00). In orchestraler Besetzung stellt das zweite Konzert Werke von Wagner, Rossini und Mozart einander gegenüber (18.30).

Im Hotel Waldstätterhof schliesslich spielt unter anderem die Lucerne Chamber Brass Raritäten aus dem Umfeld Wagners (21.00, «Music & Drinks»). Für hohe künstlerische Qualität stehen namhafte Musiker aus der Schweiz und der Region, das Populäre unterstreichen die Eintrittspreise ab 10 Franken. «U 18» zahlen keinen Eintritt.mat

Samstag, 29. Juni, 17.00/18.30/21.00

Zementfabrik, Hotel Waldstätterhof, Brunnen, Info: