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ABSCHIED: «Grosse Chöre bleiben attraktiv»

Zäsur beim Konzertchor Luzern: Peter Sigrist (77) sagt vor seinem Abschiedskonzert, wie sich die Chorlandschaft verändert hat, wieso Grosschöre attraktiv bleiben und woran er merkt, dass er älter wird.
Urs Mattenberger
Neben der Musik bald mehr Zeit für Ferien, Kochen und ein Glas Wein: Peter Sigrist am Flügel in seinem Haus in Luzern. (Bild: Dominik Wunderli)

Neben der Musik bald mehr Zeit für Ferien, Kochen und ein Glas Wein: Peter Sigrist am Flügel in seinem Haus in Luzern. (Bild: Dominik Wunderli)

Interview: Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Peter Sigrist, wenn ein Dirigent nach 45 Jahren seinen Chor abgibt, ist wohl die Journalistenfrage erlaubt: Wie fühlt man sich vor so einem Abschied?

Es war ja ein Rückzug in Etappen. Vor zwei Jahren gab ich nach 30 Jahren den Jungen Konzertchor Zürich ab und kündigte meinen Rückzug beim Konzertchor Luzern an. Aber das Konzert vom Sonntag ist schon ein spezieller Moment und ein definitiver Abschied. Er fällt mir leichter, weil wir für den Chor eine gute Nachfolgelösung gefunden haben. Und die Angst, in ein Loch zu fallen, habe ich überhaupt nicht.

Was tritt denn jetzt an die Stelle der Chöre?

Ich habe mich schon mit 60 Jahren pensionieren lassen, um mehr Zeit für alle meine Interessen zu haben. Ich wollte mehr Zeit haben, um Partituren gründlich zu studieren. Dafür hat man im normalen Arbeitsalltag nicht genug Zeit, weil alles möglichst effizient erledigt werden muss. Aber es gibt so viele Sachen, die ich gerne mache, ohne dass ich bereits Pläne hätte. Sicher ist nur, dass meine Frau – die Sängerin Rosmarie Hoffmann – und ich zunächst viel Ferien machen. Ganz wichtig bleibt für mich das Kochen – und dazu ein gutes Glas aus meinem Weinkeller, in dem ich rund 2500 Flaschen lagere.

Der Rücktritt des Gründungsdirigenten stellt viele Ensembles vor Probleme, weil mit ihm auch Weggefährten weggehen. Wer ist der neue Dirigent des Konzertchors – und kann er massive Abgänge verhindern?

Ja, die Fluktuation bewegt sich im üblichen Rahmen. Das hängt sicher damit zusammen, dass wir einen Nachfolger gefunden haben, der den Chor auf Anhieb begeisterte. Er heisst Philipp Klahm und lebt in Konstanz, wo er bis hin zu Kinderchören den ganzen Aufgabenbereich eines Chordirigenten abdeckt.

Luzerner Chordirigenten hatten kein Interesse?

Wir hatten aus 30 Bewerbungen drei in die engere Evaluation einbezogen. Darunter waren auch Luzerner, und ich persönlich hätte natürlich nichts gegen eine Luzerner Lösung gehabt. Aber Klahms Wahl durch den Chor war eindeutig und ergibt ein gute Ausgangslage für die Zukunft.

In den letzten Jahren haben in Luzern Projekt- und kleinere Chöre die Chorarbeit professionalisiert. Können Sie das im Rückblick bestätigen?

Ja, in diesem Bereich hat eine enorme Entwicklung stattgefunden. Grossen Anteil daran hat die Entwicklung der Kinderchöre, die heute in der Kantorei zusammengeschlossen sind. Die besten Sänger daraus gingen weiter in die späteren Qualitätschöre. Parallel dazu wuchs auch der Akademiechor und bildete ein Reservoir von qualifizierten Sängern aus. All das ermöglichte das grosse Angebot, das wir heute haben.

Haben grosse Traditionschöre angesichts dieser Konkurrenz überhaupt eine Zukunft?

Auf jeden Fall! Grosse Chöre mit rund hundert Mitgliedern entsprechen beim Publikum wie bei den Sängern einem grossen Bedürfnis. Die Konzerte des Konzertchors Luzern etwa blieben über die Jahre hinweg praktisch ausverkauft, natürlich auch, weil grosse Chöre auf ein Stammpublikum von Freunden und Bekannten zählen können. Ich habe zudem den Eindruck, dass das Publikum im Verlauf der Jahre eher jünger geworden ist.

Und was macht Grosschöre für die Sänger attraktiv?

In grossen Chören kann man ohne professionelle Ausbildung bei künstlerisch hochstehenden Aufführungen mitwirken. Vielen Laien reicht es, wenn sie ein Konzert pro Jahr geben können, bei dem sie sich dafür sicher fühlen. Und sie sind bereit, dafür einmal pro Woche eine Probe zu besuchen. Ein Vorteil grosser Chöre ist zudem, dass sich die Sänger gegenseitig helfen können und sich weniger sichere bei stärkeren anhängen können.

Das reicht, um qualitativ mitzuhalten?

Es gab Proben, in denen ich den Chor einfach singen liess – das hält die Begeisterung wach. Daneben muss man bei einem grossen Chor hart arbeiten und auch mal nur schwierige Stellen durchnehmen. Bei Laienchören sinkt das Niveau bei jeder Wiederholung, weshalb man Problemstellen immer wieder von Grund auf erarbeiten muss. Bei Profichören, wo jeder seine Stimme schon in der ersten Probe kann, ist es umgekehrt.

In Ihrem Abschiedskonzert verzichten Sie auf «Greatest Hits» und dirigieren zwei Werke von Mendelssohn. Wieso diese Wahl?

Mir war es wichtig, dass sich der Chor und das Orchester allein präsentieren können. Mit dem Orchester Capriccio Basel bin ich persönlich verbunden über Dominik Kiefer, der in meiner Zeit als Lehrer am Lehrerseminar mein Schüler war. Zunächst singt der Chor a cappella eine Psalmvertonung von Felix Mendelssohn. In dessen Lobgesang-Sinfonie kommt der Chor erst im Finale hinzu, mit einem tollen Text, der ganz zu diesem Abschied passt.

Bernard Haitink sagte im Gespräch mit unserer Zeitung, er müsse häufiger nach einem Namen suchen, aber als Dirigent spüre er nichts von einer Altersvergesslichkeit. Welche Rolle spielte das Alter bei Ihrem Entscheid?

Ich kann das nur bestätigen: In der Musik spüre ich nicht, dass ich älter werde. Aber als es kürzlich in einer Fernsehsendung hiess, «mit 75 Jahren» sei man definitiv «alt», realisierte ich, dass das offenbar auch für mich selber gilt (lacht). Ich selber merke das vor allem daran, dass die Leute mich vermehrt fragen, wie ich mich fühle. Und wenn ich auf ihren Gesichtern die Frage sehe: Schafft er es noch? Das Abschiedskonzert wird daran keine Zweifel lassen! (lacht)

Hinweis

Konzertchor Luzern, Capriccio Basel, Solisten: Sonntag, 12. November, 11.00, KKL Luzern. VV: 041 2276 77 77 (Restkarten).

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