ABSCHIED: Todd Boyce: «Ich werde immer Luzern-Weh haben»

Im Musical-Thriller «Sweeney Todd» hat er eine Traumrolle: Todd Boyce zieht Bilanz zu fünf Jahren am Luzerner Theater, das er mit dem Intendantenwechsel verlässt.

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Roter Teppich für Todd Boyce: Der Bariton wechselt vom Theater in Luzern an jenes in Bern. (Bild: Philipp Schmidli)

Roter Teppich für Todd Boyce: Der Bariton wechselt vom Theater in Luzern an jenes in Bern. (Bild: Philipp Schmidli)

Interview Urs Mattenberger

Der 1983 in Wisconsin geborene Amerikaner Todd Boyce gehört seit vier Jahren zu den profiliertesten Sängern im Ensemble des Luzerner Theaters. Bevor auch er das Haus Ende dieser Spielzeit mit dem Intendantenwechsel verlässt, steht er in vier letzten Produktionen auf der Bühne – nach Brittens «Albert Herring» (noch am 13. und 29. November) jetzt im Musical-Thriller «Sweeney Todd» von Stephen Sondheim. Darin spielt Boyce die Hauptrolle des Barbiers, der unschuldig verurteilt wurde und mit seinem Rasiermesser einen blutigen Rachefeldzug unternimmt.

Todd Boyce, mit dem Intendantenwechsel verlassen Sie Luzern nach fünf Spielzeiten. Gehört ein solcher Wechsel bei Sängern einfach zum Job, oder spielt auch etwas Wehmut mit?

Todd Boyce: Es ist klar, dass ein neuer Intendant einem Haus ein eigenes Gesicht geben will. Dazu gehören natürlich die Hauptdarsteller, weil sie quasi die Augen oder der Mund in diesem Gesicht sind. Insofern empfinde ich diesen Wechsel als ganz normal. Trotzdem spielen Emotionen mit – wegen des Theaters, aber auch wegen Luzern. (Er zeigt zum Fenster des Theaterfoyers hinaus auf die Jesuiten­kirche und die Reuss.) Man kann schauen, gehen oder joggen, wohin man will – überall ist diese Stadt schön! Ich denke, ich werde immer ein bisschen Luzern-Weh haben.

Das Theater hier gilt als Sprungbrettbühne für junge Sänger. Wie geht es bei Ihnen weiter?

Boyce: Ich bin glücklich, dass ich ab der nächsten Spielzeit ins Ensemble des Theaters in Bern wechseln kann. Das ist ein Schritt nach vorne, nicht nur weil das Haus grösser ist und zum Ensemble mehr Gäste hinzuengagiert. Wichtig ist, dass es einen grösseren Orchestergraben hat, der ein breiteres Repertoire ermöglicht als hier in Luzern.

Im Hinblick auf das geplante neue Theater in Luzern wird auch der Stellenwert von Ensembles diskutiert. Sie wechseln jetzt vom einen in ein anderes. Was ist der Vorteil gegenüber einer freiberuflichen Tätigkeit?

Boyce: Für junge Sänger hat das Ensemble den grossen Vorteil, dass man mit wichtigen Partien sein Repertoire aufbauen und die Stimme entwickeln kann. Entscheidend ist, dass die Auswahl diese Entwicklung berücksichtigt, worauf Dominique Mentha hier in Luzern sehr geachtet hat. Zudem kann man in einem Ensemble ein Stück in 30 Vorstellungen singen und deshalb in späteren Vorstellungen auch mal Dinge ausprobieren, indem man etwa eine Figur in eine etwas andere Richtung entwickelt.

Brilliert haben Sie auch in komischen Rollen – vom Belcanto bis jetzt zum Musical-Thriller «Sweeney Todd». Entspricht das einem Faible für amerikanisches Showbiz, wie das ein Kritiker nannte?

Boyce: Nein, da möchte ich mich noch gar nicht festlegen und auch nicht in eine Ecke drängen lassen. In welche Richtung ich mich entwickeln werde, mehr Charakter-, komische oder ernste Rollen, kann ich tatsächlich selber noch nicht sagen. Die männliche Stimme entwickelt sich weiter und wird grösser bis etwa 40. Bis dahin stehen verschiedene Türen offen. Und die möchte ich mir jetzt, wo ich Anfang 30 bin, auch noch offen halten.

Nur Wagner werden Sie kaum singen. Im Fragebogen für einen Gesangswettbewerb witzelten Sie, da müssten Sie aufpassen, dass Sie nicht einschlafen.

Boyce: Das war ein Spass mit Blick auf meinen Bruder, der ebenfalls Sänger ist und mit seiner schwereren Stimme für Wagner prädestiniert ist. Und Wagner-Opern sind ja tatsächlich sehr lang und so komponiert, dass man ins Schwimmen kommt, wenn sich einem die vielen Bezüge nicht erschliessen. Für einen Wotan etwa ist meine Stimme ohnehin nicht geeignet, aber den Wolfram aus «Tannhäuser» habe ich eben im Unterricht einstudiert und fand das schon sehr faszinierend.

Auf dem Blog auf Ihrer Homepage lobten Sie die äusserst konventionelle Inszenierung von Puccinis «La Boheme» am Luzerner Theater. Ist man heute als Sänger froh, wenn man wieder einmal vor allem singen darf und nicht turnen muss auf der Bühne?

Boyce: Nein, das hat damit überhaupt nichts zu tun. Wir haben auch mit diesem Regisseur wochenlang geprobt, bis jede Geste und jedes Detail gestimmt hat. Natürlich war das keine neue Vision des Stücks, aber das ist auch nicht immer nötig. Für mich sind Inszenierungen immer dann stark, wenn alles aus einem Grundgedanken entwickelt ist. Das kann, wie in diesem Fall, einfach das Werk selber sein, aber auch, wie bei der Luzerner «Traviata», ein neues Interpretationskonzept. Ich mag nur nicht, wenn Effekte aufgesetzt werden, die weder in das eine noch in das andere hineinpassen.

In «Sweeney Todd» nimmt Regisseur Johannes Pölzgutter das Schock-Element zurück und verlegt es – laut Medienmitteilung – in die Fantasie der Zuschauer. In welche der beschriebenen Kategorien gehört das?

Boyce: Zunächst muss ich dazu sagen, dass es unheimlich viel Spass macht, mit Pölzgutter zusammenzuarbeiten. Er hat so viel Fantasie und so viele Ideen, dass die gar nicht alle in einem Stück untergebracht werden können. Was die blutrünstigen Schock-Elemente anbelangt: Die gibt es bei uns durchaus. Aber sie werden nicht prominent herausgestellt, sondern mit Humor und eben mit viel Fantasie gestaltet als Nebensache zu den Charakteren, die hier das Zentrale sind.

Sie gehören zu einer Generation, die selbstverständlich mit elektronischen Games aufgewachsen ist ...

Boyce: Sie meinen (er bewegt die Finger auf einem imaginären Controller)?

Ja, welches war Ihr Lieblingsgame?

Boyce: Natürlich «Super Mario». (lacht)

Heutige Games sind doch viel spektakulärer. Muss das Theater nicht umgekehrt die Schockdosis erhöhen, damit es da mithalten kann?

Boyce: Nein, das finde ich nicht. Theater funktioniert anders und steht nicht in direkter Konkurrenz zum Film oder zu neuen Medien. Im Theater ist das sinnliche Erlebnis entscheidend und die ­Interaktivität, die in der Begegnung zwischen der Bühne und dem Publikum stattfindet. Das macht es so einzigartig. Das Publikum und die Art, wie es reagiert, lacht, buht oder vielleicht auch mal schläft, gehören mit zur Energie jeder Aufführung.

Gab es da ein Schlüsselerlebnis in den bald fünf Jahren in Luzern?

Boyce: Meine grösste Herausforderung diesbezüglich war wohl das Musical «Kiss me, Kate». Da trat ich erstmals in gesprochenen Dialogen auf, und ich hatte keine Ahnung, ob und an welcher Stelle das Publikum lachen würde. Es ist eben tatsächlich auch das Publikum, das jeden Abend anders und aufregend macht.

In Luzern habe ich bloss einmal einen Buhsturm erlebt, als sich Orfeus (in Glucks Oper) an der toten Euridike verging. Reagiert das Publikum in Luzern reservierter als anderswo?

Boyce: In meiner Zeit im Opernstudio in München waren die Reaktionen schon etwas heftiger, weil das Publikum einem nichts durchgehen liess. Aber als reserviert empfinde ich die Luzerner nicht. Im Gegenteil. In Gesprächen mit Zuschauern rund um die Aufführungen oder auf der Strasse, wo ich auch spontan angesprochen werde, staune ich, wie vielfältig und offen dieses Publikum ist. Auch das macht den Abschied nicht leicht.

Hinweis

Premiere: Sonntag, 25. Oktober, 19.00, Luzerner Theater. VV: Tel. 041 228 14 14.

Wir verlosen 3-mal 2 Tickets für die Vorstellung vom Freitag, 6. November, 19.30 Uhr, im Luzerner Theater. Wählen Sie heute die Telefon­nummer 0901 83 30 23 (Fr. 1.50/Anruf), oder nehmen Sie unter www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil.