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ABSCHIED VON UDO JÜRGENS: «Ein Monument wie Frank Sinatra»

Der Schweizer Bandleader Pepe Lienhard (68) begleitete Udo Jürgens mehr als 30 Jahre mit seiner Big Band. Im Gespräch erinnert er sich an einen hochprofessionellen Sänger – und an einen guten Freund.
Weggefährten bis zum Schluss: Udo Jürgens und Pepe Lienhard bei einem der letzten gemeinsamen Konzerte (Tournee «Mitten im Leben», Salzburg, 2. Dezember 2014). (Bild: APA/Barbara Gindl)

Weggefährten bis zum Schluss: Udo Jürgens und Pepe Lienhard bei einem der letzten gemeinsamen Konzerte (Tournee «Mitten im Leben», Salzburg, 2. Dezember 2014). (Bild: APA/Barbara Gindl)

Pepe Lienhard, Sie waren einer der besten Freunde von Udo Jürgens. Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?

Pepe Lienhard: Am Abend vor seinem Tod. Wir gingen zusammen essen.

Hat er auf der Tour irgendwelche Anzeichen von Schwäche gezeigt?

Lienhard: Nein, nie. Für einen 80-jährigen Mann war er topfit, hatte aber Respekt vor den grossen Hallen. Je grösser die Halle, desto anstrengender ist es. Eine 12 000er-Halle saugt dich auf, braucht deine ganze Energie. Das ist etwas ganz anderes als eine 1000er-Halle. Aber es lief auf Tournee je länger je besser. Nach dem zehnten Konzert konnte er seine Auftritte immer mehr geniessen. Er konnte es selbst kaum glauben, dass auf Tour alles so problemlos ablief. Auch seine Stimme war bis zuletzt makellos. Kein Kratzer, nichts, und überhaupt nicht zittrig oder tattrig. Unglaublich, was dieser Mann geleistet hatte und zu leisten im Stande war.

Sein Tod kam für Sie überraschend?

Lienhard: Für alle völlig unerwartet. Wenn jemand krank ist oder im Alter merklich abbaut, dann kann man sich mit dem Gedanken befassen, dass diese Person mal nicht mehr da ist. Aber nicht bei Udo, er war noch voll da. «Mitten im Leben» hiess sein aktuelles Programm, und es war nicht übertrieben.

Wann war sein letztes Konzert?

Lienhard: Am 7. Dezember im Zürcher Hallenstadion. Das Verrückte ist: Es wurde alles aufgezeichnet für eine Fernsehsendung und ein Album. Es ist wahnsinnig – wenn wir das gewusst hätten: Udos letzte Töne, sein absoluter letzter Ton ist aufgenommen worden.

Wann wird dieses Konzert am Fernsehen ausgestrahlt?

Lienhard: Geplant war es für die Zeit nach dem zweiten Teil der Tournee, die im Februar 2015 hätte starten sollen. Jetzt wird die Sendung möglicherweise vorgezogen.

Udo Jürgens war auf einem Spaziergang in Gottlieben (TG). War er allein?

Lienhard: Nein, sein Fahrer und Freund Billy Kudjoe Todzo (63) war dabei. Er ist der Perkussionist, der bei mir seit Jahren in der Band spielt. Udos Lebenspartnerin Corinna war auch in der Nähe. Die beiden lebten dort am Bodensee während des Umbaus seines Hauses in Meilen. Udo erlitt plötzlich und völlig unvorbereitet einen Schwächeanfall, musste sich bei seinem Auto aufstützen, Billy konnte ihn gerade noch auffangen und die Ambulanz rufen. Sie kam sofort und versuchte ihn wiederzubeleben.

Wie geht es jetzt weiter?

Lienhard: Der zweite Teil der Jubiläumstour, rund zwanzig Konzerte, war auch schon ausverkauft. Wir gehen natürlich alle unseren anderen Beschäftigungen nach. Was das für die Band heisst, kann ich nicht sagen, das ist noch viel zu früh.

Was war noch geplant?

Lienhard: Er wollte sein grosses Werk «Die Krone der Schöpfung» wieder aufführen. Diese sinfonische Trilogie, die er 1999 mit den Berliner Philharmonikern aufnahm. Eine neue Tour war noch nicht geplant, aber die laufende Tour war alles andere als eine Abschiedstour. Wir wollten einfach weiter machen.

Hätte sich Udo Jürgens mehr schonen müssen?

Lienhard: Die Tour war seinem Alter angepasst. Es sah vielleicht heavy aus, aber wir haben nie mehr als zwei Konzerte nacheinander gegeben. Wir hatten zwischen den Konzerten so viele freie Tage wie noch nie. Die Regel war: ein Konzert, ein Tag frei. Zwei Konzerte, zwei Tage frei. Er konnte heimgehen, relaxen, sich ausruhen und neue Kraft tanken. Früher hatten wir neun Konzerte hintereinander und dann erst einen Tag frei. Das hätten wir mit einem 80-Jährigen nicht mehr machen können. Es war auch sein ausdrücklicher Wunsch, dass er genügend Luft kriegt und Zeit für die Regeneration. Diesem Wunsch haben wir natürlich Rechnung getragen. Es ist also nicht so, dass er vom Management um die Welt gehetzt wurde. Da war gar kein Druck. Ein allfälliger Vorwurf «böses Management, armer Udo» würde in keiner Weise zutreffen.

Aber es gibt Leute, die permanente Anspannung und Stress brauchen und gar nicht bremsen können.

Lienhard: So war Udo nicht. Er hat für seine Musik gelebt, sie war sein Leben. Das schon. Aber er hat keinen Raubbau an sich selber betrieben und hat sich nicht für seine Musik geopfert. Früher hatte er in den Pausen noch VIP empfangen oder auch Interviews gegeben. Das gab es aber schon lange nicht mehr. Alles, was neben den Konzerten Energie brauchte, wurde gestrichen. Udo war völlig abgeschottet.

Hatten Sie mit Freddy Burger, Udos Manager und Freund, Kontakt?

Lienhard: Ja, wir sind am Sonntag sofort zu Udo ins Spital nach Münsterlingen gerast. Für mich und meine Frau Christine war es von Frauenfeld aus sehr nahe. Freddy hat seine Ferien abgebrochen. Wir konnten zunächst nicht zu ihm, denn zu dritt hatten die Ärzte noch versucht, Udo wiederzubeleben. Wir hofften, wussten aber, dass es schlecht aussah. Nach zwei Stunden gaben die Ärzte auf und mussten einsehen, dass es einfach vorbei ist. Wir konnten dann zu ihm ans Bett und sind noch ein paar Stunden an seiner Seite geblieben. Es war emotional sehr bewegend.

Udo Jürgens wurde am 21. Dezember um 16.25 Uhr für tot erklärt. Um 18.01 Uhr meldete die Schweizerische Depeschenagentur seinen Tod. Das ist sehr schnell.

Lienhard: Ja, in Gottlieben sahen Passanten ihn umfallen. Sie beobachteten, wie die Ambulanz kam. Deshalb wollte man Spekulationen vorbeugen und schnell und professionell kommunizieren. Zuerst wurden die Familie und nahe Freunde informiert. Viele kamen sofort, um Udo die letzte Ehre zu erweisen. Die Familie muss jetzt entscheiden, in welchem Rahmen endgültig von Udo Abschied genommen wird.

Welche Bedeutung hatte Udo Jürgens künstlerisch?

Lienhard: Udo Jürgens hat sich vom deutschen Schlagersänger zu einem ganz grossen deutschen Chansonier entwickelt. Das Niveau seiner Lieder ist im Laufe der Jahre immer besser geworden. Er hat immer vorausgeschaut und war nicht einer, der sein bekanntes, immer gleiches Programm abgespult hat, sondern er hat bis zuletzt an sich und seiner Musik gearbeitet. Seine wachsende Weisheit hat er im Alter in die Musik integriert und ist dabei auch inhaltlich topaktuell geblieben, wie zum Beispiel sein Lied «Der gläserne Mensch» beweist. Udo war auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Es war die bestverkaufte, erfolgreichste Tour in seiner ganzen Karriere.

Wie war er auf der Bühne?

Lienhard: Er war ein Bühnentier, das um jeden Zuschauer kämpfte. Auch wenn es zuerst nicht so lief, am Schluss schaffte er es immer, dass die Leute auf den Stühlen standen. Ich habe es nie anders erlebt. Dabei kennzeichnete ihn eine eiserne Disziplin. In all den Jahren, 37 Jahre lang, haben wir die Konzerte stets auf die Minute genau begonnen. Er hat das Publikum ernst genommen, war ein sehr gut erzogener Mensch und hat das auch auf der Bühne so gelebt. Ein richtiger Gentleman und Perfektionist. Auch nach 150 Konzerten suchte er beim Soundcheck immer den optimalsten Klang.

Was ist der Unterschied zu einer Sängerin wie Helene Fischer?

Lienhard: Helene Fischer ist eine fantastische Sängerin, eine gute Tänzerin, Performerin und sieht erst noch toll aus. Vorbildlich und professionell. Ihr Erfolg kommt nicht von ungefähr. Aber Udo singt seine eigenen Lieder, er ist mehr als ein Interpret. Ein Künstler mit einer aufsteigenden Kurve bis zu seinem Tod. Das ist absolut einmalig. Ein Monument wie Frank Sinatra. Im deutschsprachigen Raum hatte Udo für sich eine eigene Liga geschaffen.

Interview Stefan Künzli

Udo Jürgens und Pepe Lienhard beim gemeinsamen Auftritt Anfang Dezember in Zürich. (Bild: Keystone / Steffen Schmidt)
Udo Jürgens und Pepe Lienhard im Oktober 2003 im Zürcher Hallenstation. (Bild: Keystone / Eddy Risch)
Udo Jürgens und Pepe Leinhard im Februar 1997 bei einem Konzert in Zürich. (Bild: Keystone)
Udo Jürgens hält sich die Ohren zu, während Pepe Lienhard den Startschuss zur «Geradeaus-Tournee 1992» gibt. (Bild: Keystone / Walter Bieri)
Udo Jürgens und Pepe Lienhard bei einem Konzert in Salzburg auf der «Mitten im Leben-Tournee». (Bild: Keystone / Barbara Gindl)
Udo Jürgens während eines Konzertes im Hallenstadion in Zürich. (Bild: Keystone)
Udo Jürgens 1987 im Zürcher Hallenstadion. (Bild: Keystone)
'Merci, Cherie' gesungen am Grand Prix de la Chanson für Luxembourg, am 5. März 1966. (Bild: Keystone)
Der Sänger, Pianist und Komponist Udo Juergens tritt im Jahre 1970 in Genf auf. (Bild: Keystone)
Am 2. August 1994 auf der Limmat. (Bild: STR)
Bei einem Konzert in Zürich. (Bild: Keystone)
Am 15. November 2013 bekommt Udo Jürgens einen Bambi überreicht - einen von vielen Preisen. (Bild: Gero Breloer)
Udo Juergens died (Bild: Keystone)
Udo Jürgens 2001 in der Stadthalle in Sursee. (Bild: Archiv Neue LZ / Nique Nager)
Udo Jürgens 2001 in der Stadthalle in Sursee. (Bild: Archiv Neue LZ / Nique Nager)
Udo Jürgens 2001 in der Stadthalle in Sursee. (Bild: Archiv Neue LZ / Nique Nager)
Udo Jürgens 2003 als Matrose auf dem Raddampfer «Stadt Luzern». Der Sänger musste sich auf dem Schiff als Matrose beweisen, da er bei «Wetten dass....?» in Luzern seine Wette verloren hatte. (Bild: Archiv Neue LZ / Remo Inderbitzin)
2004 gibt Udo Jürgens wiederum in der ausverkauften Stadthalle in Sursee ein Konzert. (Bild: Archiv Neue LZ / Fabienne Arnet)
Udo Jürgens performt 2009 auf seiner Tournee «Einfach ich» im Hallenstation Zürich. (Bild: Archiv Neue LZ / André Häfliger)
Am Schlusskonzert seiner 22. Tournee «Einfach ich» begeisterte Udo Jürgens 2009 rund 10'000 Fans im Zürcher Hallenstadion. (Bild: Archiv Neue LZ / André Häfliger)
Kerzen und Blumen im Gedenken an Udo Jürgens. In Gottlieben im Thurgau, wo der Entertainer lebte. (Bild: Keystone)
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In Gedenken an Udo Jürgens

HINWEIS

TV-Sendungen zum Gedenken an Udo Jürgens im Schweizer Fernsehen:

Heute Dienstag, 13.30 Uhr, SRF 1: «Der Mann mit dem Fagott I». 15.15 Uhr: «Der Mann mit dem Fagott II». Spielfilm nach der Biografie von Udo Jürgens.

Heute, 20 Uhr, SRF 2: «Udo Jürgens – Einfach ich». Konzertausschnitte aus dem Hallenstadion Zürich, 2009.

Donnerstag, 25. Dezember, 20.05 Uhr, SRF 1: «Helene Fischer Show». In der am 11./12. Dezem­ber aufgezeichneten Show singt Udo Jürgens zwei Lieder.

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