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ADVENT: Flüchtlingshilfe mit der Narrenkappe

Eine Fluchtgeschichte, die Grund zum Feiern gibt? Die Konzerte zu Weihnachten boten am Wochenende Trompetenglanz im KKL und machten aktuelle Flüchtlinge im Luzerner Theater zu Solisten.
Theater-Chor und LSO boten eine Weihnachtslied-Revue. Vorne: Simone Stock, Marie-Luise Dressen und Eunkyong Lim mit witziger Santa-Claus-Einlage. (Bild: Manuela Jans-Koch)

Theater-Chor und LSO boten eine Weihnachtslied-Revue. Vorne: Simone Stock, Marie-Luise Dressen und Eunkyong Lim mit witziger Santa-Claus-Einlage. (Bild: Manuela Jans-Koch)

Urs Mattenberger

Weihnachten ist das populärste christliche Fest, nicht nur wegen der Geschenke unter dem Weihnachtsbaum. Auch die Weihnachtsgeschichte selber trägt dazu bei mit ihrer Mischung aus etwas so Elementarem und Alltäglichem wie der Geburt eines Kindes, Engelszauber und Rührstück mit Krippe und Tieren im Stall.

Trotzdem ist die Weihnachtsgeschichte nicht bloss eine Krippenspiel-Idylle. Im Weihnachtsoratorium von Camille Saint-Saëns etwa, dem Hauptwerk des Weihnachtskonzerts am Samstag im Luzerner Theater, fragt sich der vom Collegium Musicum verstärkte Theaterchor hochdramatisch, weshalb die «Nationen toben». Und er ereifert sich über Völker, die Pläne schmieden, die – in der deutschen Übersetzung auf dem Programmzettel – «zu nichts führen».

Romantische Kontrastfolie

Das Konzert rückte solche Aspekte der Weihnachtsgeschichte verstörend ins Zentrum: als eine Art Fluchtgeschichte, in der Maria und Josef in den Herbergen abgewiesen werden und das gleiche Schicksal erleben wie zahllose Flüchtlinge, die heute in Europa und also auch bei uns eine Zuflucht suchen.

Es war ein Beispiel dafür, wie sich Theater – auf die Initiative von Intendant Dominique Mentha hin – gesellschaftlichen Fragen stellen kann. Es tat es, ohne Partei zu beziehen. Aber es gab in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe «Interkultureller Dialog» Flüchtlingen eine Plattform, um ihre Fluchtgeschichte zu erzählen – zwischen den Teilen von Saint-Saëns’ Weihnachtsoratorium.

Dieses bot dazu eine romantisch-betörende Kontrastfolie. Da wurden salbungsvolle Gesänge von den Streichern satt grundiert und von der Harfe mit Goldglitzer überzogen. Sängersolisten des Theaters steigerten sich in den Ensembles zu einem Wohlklang, der sogar die stalltrockene Akustik des Theaters (und die elektronische Ersatzorgel) vergessen liess. Ein Höhepunkt war das «Tecum principium», in dem Simone Stock, Carlo Jung-Heyk Cho und Todd Boyce die «heilige Pracht» in sich übertrumpfenden Gesangslinien strömen liessen. Zum vollkommenen Glück gehörte da auch, dass im anschliessenden Quartett (auch mit Marie-Luise Dressen) der Herr sich «seiner Elenden erbarmte».

Hoffen auf Erbarmen

Da, auf dem Höhepunkt der Idylle, trat eine «Elende» an die Rampe. Mursal aus Afghanistan erzählte von einem Leben in ständiger Unsicherheit, bei dem man jeden Tag bangen musste, ob der Mann nach Hause zurückkehren würde. Dass die Flüchtlinge nicht nur auf das Erbarmen des Herrn, sondern auf das unsrige hoffen, hatte der Iraker Hussein ausgesprochen. Der Journalist und Vater von fünf Kindern schilderte, wie der Bombenterror des IS ein ganzes Dorf zur Flucht zwang. Und er appellierte an die Schweiz als Hort von «Recht und Gerechtigkeit».

Es war wohl für die meisten Konzertbesucher die erste direkte Begegnung mit Menschen, die am eigenen Leib erlitten, was wir aus der Zeitung oder dem Fernsehen kennen. Erschreckt stellte man fest, dass uns solche Ungeheuerlichkeiten dennoch von den Medien her so geläufig sind wie die Weihnachtsgeschichte selber, zu der Saint-Saëns immer wieder zurückführte.

Einen Schritt weiter ging der 23-jährige Eritreer Fisseha. «Als die Wache im Arbeitslager wegschaute, begann ich einfach zu rennen», sagte er in trockenem Ton, der gerade im Verzicht auf jedes Theater Authentizität verbürgte. Und er hielt ihn selbst bei, als er minutiös die Stationen einer für viele tödlichen Flucht – mit Hilfe von gewalttätigen «Trafics», eingepfercht in einen Gemüsecontainer – schilderte.

Damit war eine Fallhöhe erreicht, nach der der zweite, unterhaltende Teil dieses Weihnachtskonzerts wie ein Hohn wirkte. Eine schmissige Weihnachtsliedrevue, bei der die Musiker des Luzerner Sinfonieorchesters Chlausmützen wie Narrenkappen trugen?

Ausstellung «Seelenlandschaften»

Natürlich wurde auch diese Irritation bewusst gesetzt. «Das wir uns einen solchen Spass leisten können, ist ein unglaublicher Luxus», sagt dazu Dirigent Howard Arman, der auch als Moderator Entertainer-Qualitäten bewies: «Und man soll das an einem solchen Abend auch nicht verstecken. Ein Weihnachtskonzert soll unterhalten und keine Predigt sein. Und es ist immer besser, wenn man es jedem Einzelnen überlässt, seine eigenen Schlüsse zu ziehen.»

Gelegenheit dazu gibt im Theater­foyer noch bis am 16. Januar die Ausstellung «Seelenlandschaften», eine weitere Initiative der Arbeitsgruppe «Interkultureller Dialog». In einem mobilen Atelier malten Flüchtlinge Bilder, die ihre Ängste, aber auch Hoffnungen und Visionen, zum Ausdruck bringen.

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