AKTE X: Die Suche nach der Wahrheit geht weiter

Mulder und Scully ermitteln wieder: Die Kultserie kehrt zurück. Spannend wird, wie die Macher «Akte X» modernisieren.

Michael Graber
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Kümmern sich um die mysteriösen Fälle: Dana Scully (Gillian Anderson) und Fox Mulder (David Duchovny). (Bild: PD)

Kümmern sich um die mysteriösen Fälle: Dana Scully (Gillian Anderson) und Fox Mulder (David Duchovny). (Bild: PD)

Damals in den 1990er-Jahren war alles noch ein bisschen anders: Wenn man etwas am Fernsehen schauen wollte, dann musste man zu der bestimmten Zeit daheim sein. Replay-Funktionen, Festplattenrecorder und auch das Internet waren noch Zukunftsmusik, deren Wirkung man nur erahnen konnte. Und so sass der Autor dieser Zeilen am 8. Februar 1996 abends vor dem Fernseher, um «Akte X» zu schauen. Die Folge hiess «Unsere kleine Stadt», und sie hinterliess einen bleibenden Eindruck – keinen guten.

An Schlaf war so rasch nicht zu denken. Zu gross war die Angst. Auch dass Agent Dana Scully (Gillian Anderson) in letzter Sekunde von Fox Mulder (David Duchovny) vor den durchgedrehten Kannibalen gerettet wurde, schaffte es nicht, den Teenager in die Träume zu entlassen. «Akte X» faszinierte und verstörte gleichermassen. Noch heute jagt allein die Titelmelodie vielen unweigerlich einen kalten Schauer über den Rücken.

202 Folgen

Die Jagd nach Ausserirdischen, Monstern, Kreaturen und allerlei übersinnlichen Phänomenen war ein Renner und erreichte schnell Kultstatus. Die einzelnen Folgen funktionierten (meist) alleine für sich, es wurden aber immer ganze Erzählstränge über mehrere Folgen und Episoden gewoben. Nach 202 Folgen in neun Staffeln war 2002 Schluss – der zwischenzeitliche Ausstieg von David Duchovny hatte das Seine dazu beigetragen. Längst nicht alle der grossen Fragen wurden beantwortet, einige wurden sogar in der letzten Folge frisch aufgeworfen.

Seis drum: Sendungen kommen und gehen. Nach «Akte X» kamen noch Dutzende anderer Fernsehserien mit mysteriösem Inhalt («Lost» etwa, um nur eine zu nennen). All die waren wohl im weitesten Sinne von Mulder und Scully inspiriert, sie alle arbeiten aber mit ungleich moderneren Mitteln und liessen damit Gillian Anderson und David Duchovny zuweilen ganz schön alt aussehen. Bis jetzt.

Eine Miniserie zur Rückkehr

Jetzt kehrt «Akte X» wieder als Serie auf den Bildschirm zurück. Mit einer Miniserie werden die X-Akten beim FBI noch einmal geöffnet, und Mulder und Scully kehren zurück. Vorläufig mal für sechs Folgen, aber das kann ja schnell gehen. In Amerika startet die Serie am kommenden Sonntag, und im deutschsprachigen Fernsehen läuft sie ab 4. Februar bei ORF (ab 8. Februar auf Pro 7). Und da wir eben 2016 statt 1996 schreiben: Bereits kurz nach der US-Ausstrahlung sind die neuen Folgen auch bei iTunes und Amazon Video erhältlich – vom bösen, illegalen Streaming reden wir jetzt besser gar nicht erst.

Die bereits jetzt veröffentlichten Kritiken der ersten Folge sind eher negativ. Aber das hat Fans bis jetzt noch nie abgehalten. Und auch 2016 scheinen Comebacks eines der grössten Erfolgsgeheimnisse auf der Leinwand zu sein – der anhaltende Hype um «Star Wars» ist da das beste Beispiel.

Ein UFO stürzt ab

Und natürlich fehlen auch die alten Bösewichte nicht. So kehrt auch der «Raucher» zurück – anders als angenommen, ist er doch nicht gestorben. Mulders Gegenspieler (und wohl auch sein Vater), der eine merkwürdige Organisation anführt, die Scully und Mulders Bestreben um die «Wahrheit» (die «irgendwo da draussen ist») immer wieder ausbremst. William B. Davis spielt das kettenrauchende Ekel, eine der eindrücklichsten bösen Figuren der Fernsehgeschichte.

Vor allem darf man gespannt sein, wie die Serienmacher um Chris Carter mit den neuen technischen Möglichkeiten umgehen. Die Special-Effects-Technik ist eine komplett andere als noch in den 90er. Das mystische, gruslige, das «Akte X» immer ausgezeichnet hat, kann man jetzt noch deutlich verstärken. Im bereits erschienenen Making-Of kann man einen eindrücklichen Absturz eines UFO sehen (Mulders Lieblingsthema) – das sieht fantastisch aus.

Den grössten Wandel machten Serien aber nicht auf der technischen Ebene: Viel gravierender hat sich die Erzählstruktur verändert. Serien sind heute anspruchsvolle, hochkomplexe Gebilde, die einzelnen Episoden oft nicht mal in sich abgeschlossen. Auch «Akte X» hat komplexe Handlungen über fast alle Folgen laufen lassen, aber verglichen mit «Breaking Bad» oder «Game of Thrones» ist das nichts.

Eine grosse Geschichte

Hier darf man gespannt sein, was sich die Macher diesbezüglich überlegen. Werden die sechs Folgen als Anlass genommen, eine grosse Geschichte zu erzählen, oder hangeln sich Scully und Mulder wieder von Fall zu Fall? Beides hätte durchaus seinen Reiz. Und weitere schlaflose Nächte sind sowieso vorprogrammiert.

Fünf Serien, die man 2016 gesehen haben muss

Anomalia

Auch Schweizer können Serien machen. Besonders aktiv in dieser Beziehung sind die Romands. Dieses Jahr bringen sie mit «Anomalia» eine eigene Mystery-Serie. Die Berichte über die Dreharbeiten versprechen einiges. Da wird keine leichte Kost serviert, da spukt es unter anderem in einem alten Sanatorium. «Anomalia» ist aber auch eine schöne Gelegenheit, das angestaubte Schulfranzösisch wieder mal etwas zu aktivieren – die Serie läuft bei RTS natürlich auf Französisch. Die erste Folge lief gestern Samstag und kann in der Mediathek (www.rts.ch) nachgesehen werden. (mg)

Game of Thrones

Neue Serien hin oder her: Am heissesten wird sicherlich die sechste Staffel von «Game of Thrones» erwartet. Kaum eine andere Serie hat in den letzten Jahren die Fans so begeistert, wie das blutige Fantasyspektakel in Westeros und Essos aus der Feder George R. R. Martin (die Serie wird die Bücher ab dieser Staffel tatsächlich überholen). Am meisten beschäftigt die Frage, ob Jon Snow nun tot ist. Während man am Ende der fünften Staffel recht sicher war, dass er es ist, lässt das erste Poster zur sechsten Staffel nun was anderes vermuten. Ende April (HBO, Sky) wissen wir alle mehr. (mg)

Fuller House

Neben «Akte X» feiert noch eine andere Kultserie ihr Comeback: «Full House». Oder eben jetzt: «Fuller House» (ab 26. Februar auf Netflix). Die Serie über einen Männerhaushalt, der auch noch zu einem ganzen Haufen Kinder schaut, lief in Amerika von 1987 bis 1995 und eroberte auch in Europa viele Fans. Jetzt kommen sie zurück: Der Mann von DJ, der ältesten Tochter aus «Full House» ist gestorben und sie ist mit ihren drei Kindern alleine, darum zieht prompt ihre Schwester bei ihr ein. Fast alle Schauspieler aus «Full House» sind wieder mit dabei. (mg)

The Young Pope

Was ist Paolo Sorrentino nur für ein grossartiger Regisseur. Für «La grande bellezza hat er den Oscar bekommen, und auch «Youth» war grosses Kino. Dass sich der Italiener nun mit «Il giovane papa» der Fernsehserie zuwendet, spricht für seine Lust am Erzählen (er hat auch am Drehbuch mitgearbeitet): In acht Episoden erweckt die Miniserie – eine Coproduktion von HBO und Sky – die Welt des Machtmenschen Papst Pius XIII. (fiktiv) zum Leben. Den komplexen und widersprüchlichen Charakter spielt Jude Law, Diane Keaton eine amerikanische Nonne. – Ausstrahlung wohl nicht vor Herbst. (reg)

Trepalium

Eine sehr düstere Zukunftsvision präsentiert Trepalium. Die Serie, benannt nach einem Folterinstrument aus dem Mittelalter für ungehorsame Sklaven, skizziert eine Welt mit 80 Prozent Arbeitslosen. Die Armen leben in Ghettos und die Reichen in ihren Villen. Die beiden Welten vermischen sich kaum. Der Ruf nach einer Revolution wird immer lauter. Der deutsch-französische Sender Arte hat die Serie selber produziert. Und was Arte anfasst, ist meistens richtig gut. Trepalium dürfte da keine Ausnahme sein. Die erste der insgesamt sechs Folgen läuft bereits am 11. Februar. (mg)

Michael Graber

Den Trailer zur Serie sehen Sie unter: www.luzernerzeitung.ch/bonus