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Tanzperformance mit Micha Stuhlmann: Akzeptiere den Tod, um zu leben

Ein experimentelles Tanzstück mit Micha Stuhlmann und Beat Keller spielt bewusst mit Ritualen und der Vergänglichkeit des weiblichen Körpers. Am Sonntag ist es in der Lokremise St. Gallen zu sehen.
Philipp Bürkler
Denken im Stück «Ich esse Deinen Schatten» die Körpersprache neu: Dramaturg René Schmalz, Tänzerin Micha Stuhlmann und Musiker Beat Keller. (Bild: Philipp Bürkler)

Denken im Stück «Ich esse Deinen Schatten» die Körpersprache neu: Dramaturg René Schmalz, Tänzerin Micha Stuhlmann und Musiker Beat Keller. (Bild: Philipp Bürkler)

In einer digitalen Welt, in der wir uns im Netz in virtuelle nichtphysische Charaktere aufzulösen scheinen, gewinnt das Körperliche und physisch Erfahrbare als Gegensatz zum Digitalen wieder an Bedeutung. Im aktuellen Stück der Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann geht es um den Körper und seine Vergänglichkeit. Alles ist ein Kreislauf. Es handelt vom Werden und vom Vergehen. Vom Aufblühen und vom Verwelken. Das Leben führt unweigerlich irgendwann in den Tod. Der Körper eines Menschen ist in seiner Ästhetik – ob wir es wollen oder nicht – einer Transformation unterworfen und verliert mit den Jahren seine Jugendlichkeit. «Ich esse deinen Schatten» ist ein mystisch-sinnliches Stück zwischen Leben und Tod, zwischen Tagtraum und Nachttraum. Zwischen Anfang und Ende. Es zeigt einen Tanz am Abgrund und am Abgründigen.

Den experimentellen Tanz performt Micha Stuhlmann in einer ausdrucksstarken Körpersprache. Sie kauert am Boden und blickt in das Publikum. Oder blickt sie doch viel eher ins Leere und an den Augen des teilweise ratlosen Publikums vorbei? Sie kriecht mystisch dem Boden entlang. Dann flüstert sie in den stillen Raum: «Am Anfang war kein Licht und kein Schatten. Am Anfang war keine Fülle und keine Leere, keine Zeit, kein Vergehen. Am Anfang war kein Anfang und auch kein Ende». Doch dann war da die Asche, die vom Wind in die Nacht getragen wird und «die Nacht lächelte und gebar den Sinn».

Gekleidet ist Stuhlmann mit einem hautfarbenen Kleid mit übernatürlich langen Ärmeln, das ihr den Anblick eines zarten aber doch eher dunklen Wesens verleiht. Stuhlmann fesselt und fordert das Publikum durch ihre physische Präsenz und ihre starken mystischen Texte an sich.

Das Spiel mit der Archaik und dem Ritual

Verstärkt wird Stuhlmanns Archaik des Körperlichen durch den Ostschweizer Gitarristen Beat Keller. Der experimentelle Musiker erweitert die visuelle Wahrnehmung unter anderem mit einer Feedbacker-Gitarre, einem weltweiten Unikat, mit der er eine unkonventionelle Klangatmosphäre erzeugt. Keller und Stuhlmann haben 2018 unabhängig voneinander den Kulturförderungspreis des Kantons Thurgau gewonnen. An der Preisverleihung haben sie sich erstmals getroffen. «Als ich seine Musik hörte, begab ich mich gedanklich sofort in Räume, das passiert mir selten», erklärt Stuhlmann die Zusammenarbeit. Auf dem Höhepunkt der Performance leert Stuhlmann einen Eimer mit Asche aus und wälzt sich darin. Die Asche ist seit Jahrtausenden das Symbol der Vergänglichkeit und des Todes und hat einen starken rituellen Charakter.

Rituale stehen im Zentrum von «Ich esse deinen Schatten». Die Künstler arbeiteten denn auch ganz bewusst mit diesem Begriff, sagt René Schmalz, der schon früher mit Stuhlmann zusammengearbeitet hat und die aktuelle Performance dramaturgisch begleitet. «Obwohl wir nichts mit Esoterik zu tun haben, finde ich es spannend, solche Begrifflichkeiten ins Spiel zu bringen.» Stuhlmann mache eine geistige Wandlung durch: «Das Eintauchen in verschiedene Seinsebenen ist eine grosse Herausforderung an sie als Akteurin.» Micha Stuhlmann ist sich bewusst, dass Rituale in der heutigen Zeit beim Publikum Irritationen auslösen können. «Es ist riskant, man läuft Gefahr, in eine Schublade gesteckt zu werden.»

Der ältere nackte Körper als Provokation

Ritual und Archaik erlebten zurzeit in der Tanzszene und im Tanztheater eine Art Renaissance und der Körper als Sinnerfahrung wird performativ neu entdeckt. Das habe viel mit unserem Zeitgeist und der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun, erklärt Stuhlmann. «Im digitalen Wandel hat man oft das Gefühl, der Körper erübrige sich, da scheint das Physische eine Gegenbewegung zu sein.» Neben dem Bezug auf Rituale geht es auch um die Ästhetik eines nackten älteren Körpers. Während Tanz in der Pop- und Musikkultur weitestgehend sexualisiert und auf junge Körper ausgerichtet ist, verkörpert Stuhlmann die Vergänglichkeit und Endlichkeit des Daseins. «Ich weiss um mein Alter und um meine Haut. Es gibt sicher Leute im Publikum, die das nicht so schön finden», so Stuhlmann. Es sei eine herausfordernde Tanzsprache, ein heftiges Stück, ergänzt René Schmalz. «Das ist nicht jedermanns Sache.» Wer sich auf «Ich esse deinen Schatten» einlässt, wird gefordert und zum Nachdenken angeregt und kann gleichzeitig in eine neue sinnliche Erfahrung eintauchen.

Hinweis
So, 18 Uhr, Lokremise St. Gallen

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