Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Belgischer Künstler wandert durch die Schweiz: «Alle paar Meter ein Abfallkübel»

Pierre-Philippe Hofmann wanderte vier Jahre lang durch die Schweiz. Und drehte nach jedem Kilometer ein Video. Sein Eindruck: «Es ist noch sauberer, als ich gedacht hatte.» Jetzt zeigt er seine 2700 Filme im Kunstraum Kreuzlingen.
Melissa Müller
Künstler Pierre-Philippe Hofmann ernährte sich auf seinen Wandertouren von Bananen. (Bild: PD)

Künstler Pierre-Philippe Hofmann ernährte sich auf seinen Wandertouren von Bananen. (Bild: PD)

Da ist Asphalt. Viel Asphalt: Wohnblöcke, Baustellen, Brücken. Und ab und zu ein wenig «Action»: Ein Kind fährt Ski, eine Frau giesst ihre Blumen. Solche Bilder des helvetischen Alltags flimmern im Kunstraum Kreuzlingen über 78 Bildschirme. Der Belgier Pierre-Philippe Hofman hat sie installiert. Für seine epische Videoarbeit «Portrait of a landscape» war er vier Jahre quer durch die Schweiz unterwegs – zu Fuss in 122 Etappen.

Die Installation «Portrait of a landscape» besteht aus 78 Bildschirmen. (Bild: PD)

Die Installation «Portrait of a landscape» besteht aus 78 Bildschirmen. (Bild: PD)

Nach jedem Kilometer drehte der 42-Jährige ein einminütiges Video – und sammelte über 2700 Momentaufnahmen. Alpine Panoramen und Bergseen neben Parkplätzen und gesichtslosen Siedlungen. «Ich bin nicht gegen die Schönheit», betont Pierre-Philippe Hofmann. «Aber sie ist nicht meine einzige Richtung. Ich wollte keine Postkartenidylle der Schweiz zeigen.»

Der Künstler filmte typische Szenen des Schweizer Alltags. (Bilder: Pierre-Philippe Hofmann)

Der Künstler filmte typische Szenen des Schweizer Alltags. (Bilder: Pierre-Philippe Hofmann)

Ganz ohne Kuh geht es nicht

Das Betrachten der fein säuberlich platzierten Monitore ist meditativ. Sanft wechseln sich die Sequenzen ab. Wer gern wandert, fühlt sich an Ausflüge in den Bergen erinnert. Eine Kuh kaut Gras. «Ganz ohne Kühe geht es natürlich nicht», sagt der Künstler. Er traf aber mehr Abfallkübel als Kühe: Etwa alle 300 Meter stiess er auf einen Eimer – «der erst noch einmal in der Woche geleert wird.» Immer wieder staunte er, «wie aufgeräumt es in der Schweiz ist – bis in die hinterste Ecke. Es ist noch sauberer, als ich es mir ausgemalt hatte.»

Eine Banane am Tag

Hofmann zog allein los, nur mit einer Banane, einer Wasserflasche und seiner Kamera im Rucksack. «Es hat mich selber verwundert, dass mir eine Banane am Tag reicht», sagt der Belgier mit dem Dreitagebart, der sogar in der Ausstellung ausgebeulte Jeans und Wanderschuhe trägt.

Kleine Wunder

Lebhaft berichtet er von seinen zehn Reisen in das Innere der Schweiz. Er sah nicht nur Trostloses. Da war etwa eine Murmeltierfamilie am Waldrand. Er filmte, wie zwei der Nager aufeinander losgehen und die pelzigen Fäuste fliegen lassen. Hofmann spricht von «petits miracles» – kleinen Wundern am Wegrand. Einmal stellte er die Kamera in ­einen Garten, ohne sich darum zu kümmern, was er filmte. «Als ich am Abend den Film anschaute, sah ich ein Eichhörnchen, das vor meiner Kamera herum hüpfte.»

Der Vater einer achtjährigen Tochter nahm in Kauf, viel Zeit fern von seiner Familie zu verbringen. Er nächtigte via Couchsurfing bei Fremden auf dem Sofa. Und er bewohnte Ateliers für Gastkünstler, wie das Alte Spital in Solothurn und den Chretzeturm in Stein am Rhein. Dort lernte er den Kreuzlinger Kurator Richard Tisserand kennen, der ihn für die aktuelle Ausstellung anfragte. «Hofmann ist ein Künstler mit Unternehmergeist, der sensibel und konsequent seine Konzepte verfolgt», sagt Tisserand.

Die Banalität in dessen Bildern sei nicht inszeniert, sein Blick auf die Schweiz erfrischend.

«Ist das nicht lächerlich?»

Pierre-Philippe Hofmann ist in der belgischen Kunstszene kein Unbekannter. Seit 2002 arbeitet er als Videofilmer und Fotograf. «Portrait of a landscape» ist sein bislang längstes Projekt: Es beschäftigte ihn sieben Jahre lang immer wieder. «Das Wandern war noch der kleinste Teil», sagt er. Vor allem das Sichten von über 38 Stunden Filmmaterial habe viel Zeit erfordert.

«Unterwegs hatte ich immer wieder Zweifel», bekennt der ­Videokünstler, der in Belgien Kunst studiert hat. Er fragte sich: «Ist das nicht lächerlich, was ich hier mache?» Doch er hielt durch.

«Ich wollte auch meine Schweizer Wurzeln erforschen.»

Seine Grossmutter stamme aus Zuchwil bei Solothurn. Zudem gebe es in der Schweiz viele «obstacles», Hindernisse: extreme Höhenunterschiede, verschiedenste Klimazonen: «La Suisse est très ­fragmentée.» Der Künstler marschierte von zehn Eckpunkten an der Grenze – etwa von Steckborn, Chiasso und Genf aus – in den geografischen Mittelpunkt des Landes, der Älggialp in Obwalden. Dort kreuzen sich auf einer von ihm erstellten Karte verschiedene Linien, die sich wie ein Spinnennetz ausbreiten: vom Rhein bis an die Rhone, vom Jura bis ins Tessin, vom Genfersee an den Bodensee.

Auch finanziell eine Herausforderung

Wandern war für Hofmann eine neue Erfahrung: «Das macht man bei uns in Belgien weniger.» Die Leute hätten in seiner Heimat nicht so einen engen Bezug zur Landschaft wie die Menschen in der Schweiz. Auch finanziell war seine Installation eine Herausforderung:

«Am teuersten war der Kauf der 78 Bildschirme.»

Hofmann bekam zwar ­etwas Unterstützung von Stiftungen wie Pro Helvetia, aber das reichte bei weitem nicht: «Meine Mutter gewährte mir ein Darlehen.» Doch oft müsse man ein Kunstprojekt einfach anpacken, auch wenn die Finanzierung noch nicht steht – «sonst macht man es nie». In Zukunft will er sich auf schneller umsetzbare Arbeiten konzentrieren, um auf dem Kunstmarkt zu bestehen.

Seine Kunst spricht auch Kinder an

Ausgestellt hat er sein Werk bereits im Schweizerischen Architekturmuseum in Basel. «Die meisten Leute sind nicht im Schnelltempo durchspaziert. Manche blieben über eine halbe Stunde.» Nicht nur Kunstinteressierte, auch Kinder und ihre Grosseltern seien wie angewurzelt stehen geblieben. «Das war ein schönes Kompliment», sagt Pierre-Philippe Hofmann. Für ein Buchprojekt sucht er nun ­Leute, die ihm Geschichten zu seinen Videos erzählen können.

Kunstraum Kreuzlingen, bis 31.3.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.