Alle Songs führen zu sehnsuchtsvollem Seufzen

Christoph Walter zelebriert die 70er-Jahre. Eine Gratwanderung zwischen Kitsch und Genie.

Roman Kühne
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Das Christoph-Walter-Orchestra bei einem früheren Auftritt im KKL (Bild: PD)

Das Christoph-Walter-Orchestra bei einem früheren Auftritt im KKL (Bild: PD)

Ohrwürmer, wohin das Ohr auch lauscht. «Moviestar», «Er hat ein knallrotes Gummiboot», «Gloria». Der Name ist bei der «Entertainment-Gala» Programm. Zum x-ten Mal spielt Christoph Walter im KKL, und zum x-ten Mal ist der Konzertsaal ausverkauft. Seit Monaten, wie der Moderator Kilian Rosenberg in der Einleitung betont. Und wenn der Multimusiker am World-Band-Festival auftritt, weiss er genau, was seine Fangemeinde erwartet. Fast alle Stücke führen zu sehnsuchtsvollem Seufzen. Es sind die 70er-Jahre, die der Entertainer bespielt, die hehre Zeit der Unterhaltungsmusik.

Und ja, es war eine wahrhaftig goldene Epoche, nicht nur im übertragenen Sinne. Die Frauen tanzten in schimmernden Funkelkleidchen. Die glitzernde Deckenkugel war allgegenwärtig. Der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft verlieh 1975 erstmals die Goldene Schallplatte. Es waren die Jahre der Discomusik und des deutschen Schlagers, aber auch von AC/DC, Queen oder ABBA. Was mit der Auflösung der ­Beatles 1970 begann, mündete innerhalb weniger Jahre in ein Multikulti an Stilrichtungen und Musikgrössen. Es war aber auch der Moment der grossen Schallplattenverkäufe und der Single-Auskoppelungen.

Jeder Song ist ein Song zum Mitsingen

Ein bisschen mag deshalb hier bei Christoph Walter auch die Wehmut mitschwingen, wenn er jene Üppigkeit beschwört. Gerade er, der einzige Schweizer neben Pepe Lienhard, der in den grossen Ensembles schwelgt, muss den Wandel und die Neuerungen gar schmerzlich spüren. Obwohl, wirklich erlebt hat der 1967 geborene Walter jene Jahre nur am Rande.

Dies hindert Christoph Walter aber nicht daran, einen gewohnt professionellen Mix jener Musik aufzutischen und diesen mit den entsprechenden Geschichten zu würzen. So erklingt «Chirpy Chirpy Cheep Cheep» (Middle of the Road), eine Kassette, die Mama Walter hörte, neben «Moviestar» (Harpo) – Christoph Walter durfte nicht in die Schülerdisco. Jeder Song ist ein Song zum Mitsingen. Diese Hommage an den Pop, diese ­Aneinanderreihung der Bekanntesten der Bekannten, eine ­Gratwanderung zwischen Wiedererkennungsfreude und Altbackenem, funktioniert bei Christoph Walter vor allem deshalb, weil er über eine hervorragend eingespielte Band verfügt. Die Rhythmusgruppe spielt solide, dominiert praktisch nie den Klang. Der Blaskörper und die 4 Streicherinnen phrasieren kompakt, könnten in den Tutti-Stellen zwar partiell etwas ausgeglichener sein, geben aber den Stücken Sattheit und Schmalz.

«Highway to Hell» wird vom Publikum gefeiert

Immer wieder lockern Soli die Melodien auf. Diese bewegen sich, leider, meist im Rahmen des Erwartbaren. Nur in wenigen Stücken, wie in der Zugabe «Music» (John Miles), dürfen Flötist, E-Bass oder Gitarre den Bogen für einmal etwas weiter spannen. Oder in «Shame, ­Shame, Shame» ist es der Posaunist Roger Conrad, der mit viel Dämpfer etwas Blues-Brothers- Atmosphäre auf die Bühne zaubert. Ein sicherer Wert sind wie immer die Gesangssolisten. Flavio Baltermia hat eine leichte, etwas dunkel angefärbte Stimme. Zwar singt er teils mit etwas viel Wellen nach oben und nach unten, liefert jedoch eine hinreissende Interpretation von «Your Song» (Elton John).

Nelly Patty, seit kurzem auch die Ehefrau des Bandleiters, singt gewohnt stilsicher, mit gutem Gespür für die Interpretation. Mit französischem Understatement und Charme gibt sie einer breiten Palette von Stilen und Nummern ein Gesicht. So auch dem AC/DC-Hit «Highway to Hell», dem aufregendsten Arrangement des Abends. Ein Moment, der im Publikum gefeiert wird. Viele Zuschauer sind wohl fast ein bisschen froh, dass hier der heilen Schlagerwelt auch mal das reale Leben entgegengehalten wird.