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Vom Meeresgrund ins Kunstmuseum

Nina Canell interessiert sich ebenso für die Schönheit von Tiefseekabeln wie für die Konsistenz von Pistazienharz. Im Kunstmuseum St. Gallen zeigt sie eine Soloschau.
Christina Genova
Platzt sie oder platzt sie nicht? Nina Canell setzt in ihrer Installation «Reflexologies» einer Gummikugel gehörig zu. (Bild: Urs Bucher)

Platzt sie oder platzt sie nicht? Nina Canell setzt in ihrer Installation «Reflexologies» einer Gummikugel gehörig zu. (Bild: Urs Bucher)

Die Spannung steigt, als sich der Metallarm in die hellblau ­wabernde Blase absenkt und sie zusammenpresst. Wird sie platzen oder dem Druck widerstehen? Die mit Luft gefüllte Kugel aus synthetischem Gummi erweist sich als erstaunlich anpassungsfähig. Denn so oft sich der Vorgang auch wiederholt, es kommt nicht zur Explosion. ­Dafür haben Nina Canell und ihr Partner Robin Watkins bei der Programmierung gesorgt.

Die Künstlerin Nina Canell.

Die Künstlerin Nina Canell.

Das technoide Objekt, das im Oberlichtsaal des Kunstmuseums St. Gallen steht, ist eine pneumatische Druckprüfungsmaschine, wie man sie in Materialprüfungsanstalten verwendet. Sie erzeugt Geräusche wie ein atmendes ­Wesen aus Fleisch und Blut.

«Reflexologies» heisst die ­Installation, nach der auch die erste Einzelausstellung von Nina Canell in einem Schweizer ­Museum benannt ist. Sie ist eine von mehreren Arbeiten, die neu für St. Gallen entstanden sind. Reflexologie ist die Lehre von den Nervenverbindungen. Denn die 39-jährige Schwedin interessiert sich für alles, was fliesst. Seien es Daten, Energie oder klebriges Harz. Analogien zum menschlichen Körper ergeben sich wie von selbst.

Ein Blick zurück in die Zukunft

Ein Stück Tiefseekabel: Nina Canell macht sichtbar, was sonst verborgen am Meeresgrund liegt. (Bild: PD/Sebastian Stadler)

Ein Stück Tiefseekabel: Nina Canell macht sichtbar, was sonst verborgen am Meeresgrund liegt. (Bild: PD/Sebastian Stadler)

Die Künstlerin macht sichtbar, was unseren Augen normaler­weise verborgen bleibt. Im Foyer liegt ein Stück Tiefseekabel, das dem Datentransfer dient. 30 Zentimeter beträgt der Durchmesser dieser Nervenbahnen unserer hoch technisierten Welt, die tief auf dem Meeresgrund verlaufen. Werden sie gekappt, kommt unser System zum Erliegen. Das Objekt erinnert an ein Stück Lakritze. Die symmetrische Anordnung der Elemente wie Stahldrähte, Leiter und Isolationsmaterial ist von einer eigenen Schönheit.

Für die meisten ihrer Arbeiten verwendet Nina Canell Fundstücke. Die sparsam über drei Räume platzierten Boden- und Wandobjekte, die Gedärmen oder Knetmasse ähneln, fand sie bei einer Recyclingfirma in Südkorea. Sie erlauben einen Blick zurück in die Zukunft. Es sind die Kunststoffummantelungen von Glasfaserkabeln. In Europa sind sie noch gar nicht in Gebrauch, aber bereits im südostasiatischen Land, das zur technologischen Avantgarde gehört.

Skulptur im Fluss: Über die Stahlträger fliess das Harz des Pistazienstrauchs. (Bild: Urs Bucher)

Skulptur im Fluss: Über die Stahlträger fliess das Harz des Pistazienstrauchs. (Bild: Urs Bucher)

Nina Canell zeigt die verschiedenen Geschwindigkeiten von Umwandlungen auf und lotet gleichzeitig die unterschiedliche Konsistenz von Materialien aus. Im Gegensatz zur rasend schnellen Übertragung der Daten über das Glasfasernetz fliesst das zähe Harz des Pistazienstrauchs zwar träge, aber stetig über vier Stahlträger in der Wand. Die ersten Ausläufer haben den Boden schon erreicht – eine Skulptur im Fluss. In der neuen Videoarbeit «Energy Budget» kriecht eine ­Tigernacktschnecke über eine elektrische Schalttafel – Strom und Schnecke fliessen in ihrem je eigenen Tempo.

Videoarbeit «Energy Budget»: Eine Tigernacktschnecke kriecht über eine elektrische Schalttafel. (Bild: PD/Sebastian Stadler)

Videoarbeit «Energy Budget»: Eine Tigernacktschnecke kriecht über eine elektrische Schalttafel. (Bild: PD/Sebastian Stadler)

Zwischen den einzelnen Arbeiten Nina Canells mangelt es nicht an Bezügen. Sie bieten durchaus reizvolle Denkanstösse zur Vernetztheit unserer Welt und den damit verbundenen Chancen und Risiken. Dennoch hätte man sich in der Ausstellung, die sich über das ganze erste Obergeschoss erstreckt, ins­gesamt eine dichtere und viel­fältigere Erzählung und etwas weniger Redundanz gewünscht.

Hinweis

Bis 25.11. Kunstmuseum St. Gallen. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Verlag Sternberg Press, Berlin.
Kuratorinnenführung mit Apéro: 5.9., 18.30 Uhr.

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