Elena Ferrantes neuer Neapel-Roman erzählt von der Brüchigkeit ganzer Lebensentwürfe

Bestsellerautorin Elena Ferrante macht ihr heiss geliebtes wie inniglich verhasstes Neapel einmal mehr zur Bühne ihres neuen Romans «Das lügenhafte Leben der Erwachsenen». Ein junges Mädchens verliert darin den Glauben an ihre Oberschichtenexistenz.

Peter Henning
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Elena Ferrantes soziale Milieus.

Elena Ferrantes soziale Milieus.

Javarman3 / iStockphoto

Knapp fünfzehn Millionen Mal ging ihre vierbändige «Neapolitanische Saga» weltweit über die Buchladentische. Elena Ferrante avancierte damit zum literarischen Global Player. Dass der amerikanische Bezahlsender HBO in Co-Produktion mit der italienischen RAI das Ganze in Serienfilmbilder übersetzte, erschien am Ende zwangsläufig. Dazu kommt das anhaltende Verwirrspiel um die wahre Identität der Verfasserin oder des Verfassers, das noch immer den einen oder anderen Literaturdetektiv auf den Plan ruft.

Dessen ungeachtet hat die grosse Unbekannte, die sich weiterhin erfolgreich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verbirgt, nun den ersten Roman nach ihrem Welterfolg vorgelegt. Er trägt den Titel «Das lügenhafte Leben der Erwachsenen». Und er wiederholt auf gewisse Weise die faszinierende, irgendwann in zwei grosse Stränge auseinanderdriftende Sozialgeschichte ihrer beiden einstigen Protagonistinnen Lila und Lenù. Denn erneut ist es das von ihr ebenso heiss geliebte wie inniglich verhasste Neapel, das die eigentliche Hauptrolle im Roman spielt – und indirekt die darin auftretenden, im Widerstreit miteinander liegenden Figuren in ihren unvereinbaren sozialen Milieus spiegelt.

Neapel: Die verhasste Heimatstadt der Autorin

«Es ist meine Heimatstadt» offenbarte die Ferrante einmal in einem Essay freimütig ihre ambivalente Haltung gegenüber Neapel, «und ich kann nicht von ihr lassen, auch wenn ich sie verabscheue».

Ebenso wie sie selbst durchzieht auch die Figuren des neuen Romans ein tiefer, nicht zu kittender Riss: auf der einen Seite ihre juvenile Chronistin der Ereignisse, die 13-jährige Giovanna, die als Tochter einer wohlhabenden Akademikerfamilie in San Giacomo dei Capri, im oberen Stadtteil Vomero lebt, den Villen und prunkvolle Landhäuser zieren. Auf der anderen Seite Vittoria, die verhasste Schwester ihres Vaters Andrea, die unten, in der sogenannten «Zona Industriale» lebt, wo im heruntergekommenen Wohnblock ein anderes Neapel zu Hause ist, über dessen Klima es heisst: «Es wurde immer finsterer, je tiefer wir in die Stadt eindrangen, Industriehallen, Schuppen und Hütten, Grünstreifen voller Müll, tiefen Schlaglöchern voller vor Kurzem gefallenem Regenwasser, fauler Luft.»

Eine Spionin, die zwischen den Milieus wechselt

So schauen die Figuren des Romans mal verächtlich aufeinander herab, dann wieder angeekelt zueinander auf. Darüber reisst es Giovanna unsanft aus ihren luxurierenden Teenagerträumen, als sie Zeugin einer Unterhaltung ihrer Eltern wird, in deren Verlauf der Vater sie mit seiner verhassten Schwester Vittoria vergleicht. Von da an beginnt das Mädchen, alles bisher Vertraute in Frage zu stellen und in einem neuen, veränderten Licht zu sehen. Bis ihr Verlangen, die Schwester des Vaters kennen zu lernen, so gross wird, dass alles andere dahinter zurücktritt und Giovanna eine Spionin wird, die ruhelos zwischen den Milieus hin und her wechselt: hier die Welt der Eltern, dort jene der Tante, die beide für sich beanspruchen, sodass es Giovanna bald mehr und mehr zerreisst: «Ich war keine wirklich liebende Tochter mehr und auch kein wirklich loyaler Spitzel.»

Je mehr Verständnis sie für die sozialen Umstände und die dort wurzelnden Erzählungen und Erinnerungen ihrer Tante aufbringt, desto fragwürdiger scheint ihr die eigene, auf Famen und Legenden beruhende Familiengeschichte. Bis sich die Ehe der Eltern als lügenhaftes Gewebe erweist, die Familie nach und nach zerbricht und die Erwachsenen sich vor ihren Augen in «Lügner und falsche Schlangen» verwandelt haben.

In einfachen aber einleuchtenden Bildern illustriert Ferrantes Roman den schleichenden Prozess einer sozialen Dekonstruktion. Gekonnt vermag sie vorzuführen, wie schnell wir den Bildern, die andere sich für uns von sich machen, glauben und erliegen. «Denn die Dinge sind nur das, was wir von ihnen denken» schrieb einst der portugiesische Dichter Fernando Pessoa.

Ferrantes Buch liefert den Beweis dazu in Form einer Geschichte. Sie zeigt, wie brüchig ganze Lebensentwürfe und Denkgebäude werden können, deren Fundamente plötzlich erodieren. Und sei es auch nur durch leise Zweifel an ihnen.

Selbstbild der Protagonistin gerät ins Wanken

«In dieser Zeit wurden Lüge und Gebet zu festen Bestandteilen meines täglichen Lebens» bekennt Giovanna einmal, «sie waren mir wieder eine grosse Hilfe. Belügen tat ich mich vor allem selbst.» Denn natürlich gerät auch ihr eigenes Selbstbild über dem Zusammenbruch der Ehe der Eltern ins Wanken.

Doch sie kommt – so will es ihre Schöpferin – am Ende als Geläuterte vor sich selbst zu stehen, so schmerzhaft der Weg dorthin auch für sie ist: Herausgerissen aus der geschützten, scheinbar unantastbaren Welt des oberen Neapel mit all seinen vermeintlichen Sicherheiten, die sich plötzlich als Lüge und Fadenschein offenbaren. Hineingestossen in eine Welt des Unten, die die zweifellos härtere, aber wohl auch weniger verlogene Welt ist.

Von diesem Widerspruch, der ihrer Hauptfigur fast alles abverlangt, handelt Elena Ferrantes neuer, streckenweise sehr überzeugender Roman.

Elena Ferrante, «Das lügenhafte Leben der Erwachsenen». Roman. Suhrkamp Verlag, 415 Seiten.