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ALPENTÖNE: Schlachtplatte mit reichen Zutaten

Erika Stucky hat mit einem Barockensemble gemetzget, Herbert Pixner mit alpinem Charme gerockt: Das Alpentöne-Festival ist am Freitag in bunter Vielfalt gestartet.
Pirmin Bossart
Der Abräumer des ersten Abends: Herbert Pixner (rechts) mit seiner Band auf der «Alpentöne»-Bühne. (Bild: Urs Hanhart (18. August 2017))

Der Abräumer des ersten Abends: Herbert Pixner (rechts) mit seiner Band auf der «Alpentöne»-Bühne. (Bild: Urs Hanhart (18. August 2017))

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Es war einer der besten Eröffnungsabende, seit die «Alpen­töne» vor 20 Jahren gestartet sind. Der Mix machte es aus, in dem neben dem Bodensatz der Traditionsverbundenheit viel Experimentierfreudiges, Schräges, Innovatives, aber auch Lüpfiges und Populäres mitmischte. Und ja: Jubiläen – die zehnte Ausgabe von «Alpentöne» – haben ihre eigene Dynamik: «Wir sind so ausverkauft wie noch nie», freute sich «Alpentöne»-Leiter Johannes Rühl bei der Begrüssung. Fernsehen SRF und Radio SRF zwei zeichneten auf, machten Interviews und gaben dem Festival auch medial-national seine Relevanz.

Mit dem Eröffnungsgast Marco Solari, der bei aller Rhetorik die feine Rede des Altdorfer Gemeindepräsidenten Urs Kälin nicht toppen konnte, wurde eine Brücke über den Gotthard in den Nachbarkanton Tessin geschlagen. Überhaupt haben wir in Altdorf noch nie so viel Italienisch gehört wie dieses Jahr. Vielleicht kommt es in den nächsten Jahren ja tatsächlich auch zu einem kulturell-nachbarschaft­lichen Alpendurchstich, bei dem die Urner und die Tessiner einander (wieder) näherkommen.

Zu einem Gesamtkunstwerk verwurstet

Nach dem Redeparcours im bis auf den letzten Platz besetzten Saal des Theaters Uri eröffneten die «Alpentöne» mit einem Projekt, auf das man wahrlich gespannt sein durfte: Die schräge Volksnudel Erika Stucky lud zu einer Metzgete. Dazu hatte sie das Barockorchester La Cetra aus Basel, den androgyn vibrierenden Countertenor Andreas Scholl und den Industrial-Noise-Meister F. M. Einheit (Einstürzende Neubauten) eingeladen, um diese kühne Zusammenstellung von musikalischen Welten und Einflüssen zu einem skurrilen Gesamtkunstwerk zu verwursten. Dass daraus mehr ein sentimental schmachtender und in den Tonalitäten eher gleichförmiger Liederabend denn eine wüste Punk-Barock-Revue wurde, war vielleicht die grösste Überraschung. So wild gemetzget wie im Vorfeld angekündigt wurde diese Schlachtplatte dann doch nicht. Erst mit der Zugabe, in der Stucky einen Alpsegen verbrämte, leise herumfluchte und mit Jodel und dem Getöse von F. M. Einheit anreicherte, wurde diese Schlachtplatte etwas blutiger. Dennoch muss man diese Stucky einfach gerne haben: Wie sie ihre hippiesken San-Francisco-Wurzeln mit dem Volkstümlichen ihrer anderen (Schweizer) Heimat verknüpft, bleibt fantastisch eigenwillig, schräg und auch sehr unterhaltsam.

Wunderbar inszeniert als Schattentheater, in dem auch wild zusammengewürfeltes Filmmaterial projiziert wurde, interpretierte Erika Stucky Songs von Cole Porter, Billie Holiday oder Randy Newman sowie eigenes Material (mit Knut Jensen). Sie machte das gekonnt eigen mit witzigen Kommentaren und launischen Ecken und Kanten. Das jazzige Musicalflair kollidierte mit dem entrückten Barock­gestreiche, dem Cembalo, dem magischen Gezupfe der The­- orbe und den hallenden Klang­infusionen des Geräuschemachers F. M. Einheit. Solche Fusionen hört man nicht alle Tage.

Volksmusik mit deftigen Rock-Infusionen

Für den Abräumer des Abends sorgte das Herbert-Pixner-Projekt aus dem Südtirol: eine Entdeckung. Die Band ist populär, was angesichts ihrer süffigen, musikalisch differenzierten und virtuos über die Bühne gebrachten Musik nicht verwundert. Darin vereinen sich volksmusikalische Alpen­spuren mit mediter­ranem Gypsy-Flair und deftigen Rock-Infusionen des superben Gitarristen Manuel Randi. War das eine heimliche Hardrock-Band, die sich mit Harfe, Akkordeon und Kontrabass ein volksmusikalisches Mäntelchen umlegte? Oder ein feinsinnig schrummendes Südtiroler Almquartett, das sich mit elektrischen Gitarrensoli an seine Jugend erinnerte?

Dass es im alpinen Austro-Volksmusikland zwischen Herbert von Goisern und dem Schlager-Volksunterhalter Andreas Gabalier noch viel zu entdecken gibt, wie Johannes Rühl bemerkte, machte diese Band mit ihrer beschwingten Alpin-Folk-Rock- Fusion auf Anhieb klar. Die Musik hat Drive und Seele, spielt mit Kontrasten und Dynamik, bringt souverän Brachiales und Filigranes zusammen und setzt wieder klangliche Details, die aufhorchen lassen. Kommt dazu, dass Multiinstrumentalist Herbert Pixner auch ein geistreicher Erzähler ist, was der charmanten Truppe einen zusätzlichen Sympathie­bonus beim Publikum eintrug.

Mehrstimmige Gesänge und sakraler Jazz

Im neuen Konzertlokal Winkel, das an diesem Abend das Publikum längst nicht zu fassen vermochte, brillierten Outi Pulkkinen (Finnland), Nadja Räss (Schweiz) und Mariana Sadovska (Ukraine) mit mehrstimmigen Gesängen aus drei verschiedenen Kulturräumen. Da waren Elfen, Hexen und Engel am Werk, die mit ihren kehligen, samtenen, gellenden, raunenden oder wunderbar entrückten Stimmen so mühelos wie überraschend Traditionen und Sprachen überwanden. Am gleichen Ort verschmolz später das Duo Botasso aus dem Piemont mit dem diatonischen Organetto, Geige und Trompete die herzerwärmende Leichtigkeit der okzitanischen Volksmusik mit zeitgenössischen Einflüssen.

Das erstmalige Zusammentreffen von Gianluigi Trovesi (Bassklarinette), Pierre Favre (Schlagzeug) und Fabio Piazzalunga (Kirchenorgel) spätabends in der Pfarrkirche Altdorf führte zu einer andachtsvoll arrangierten Musik, die man vielleicht am ehesten mit kirchenmusika­lischem Soft-Jazz bezeichnen könnte. Sie wurde von den sakralen Klassikmelodien Trovesis getragen, der auf der Empore mit dem Organisten gut harmonierte. Etwas isoliert wirkte Pierre Favre, der alleine vorne im Chor spielte. Sowieso hatte sein Schlagwerk in der hallenden und dumpfen Kirchenakustik einen eher schweren Stand. So blieb eine inspirierende Interaktion der drei Musiker auf der Strecke.

Hinweis

Das Alpentöne-Festival dauert noch heute von 10 bis 22 Uhr.

www.alpentoene.ch

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