ALPNACH: Gewitzte Secondos und neue Bundesräte

Komödiantisches auf der Seerose: Was mit einer Enttäuschung begann, endete in voller Begeisterung.

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Sie verstanden vor ausverkauftem Haus zu begeistern: Johnny Burn... (Bild: Corinne Glanzmann)

Sie verstanden vor ausverkauftem Haus zu begeistern: Johnny Burn... (Bild: Corinne Glanzmann)

Primus Camenzind

Gastgeber Johnny Burn musste am Mittwochabend der randvollen Arena auf der Gästival-Seerose die gesundheitsbedingte Absage des bekannten Obwaldner Schauspielers Hanspeter Müller-Drossart verkünden. «Im ersten Moment war ich etwas enttäuscht, denn ich kenne sein hervorragendes Soloprogramm», meinte Besucher Werner Eicher im Pausengespräch mit unserer Zeitung. «Aber der Italiener, der ihn ersetzte und den ich vorher nicht kannte, hat seine Sache hervorragend gemacht.» Den zweistündigen, komödiantischen Abend startete aber der aus Südost-Malters angereiste, mit unverkennbar thailändischen Wurzeln behaftete Johnny Burn. Er vereinnahmte das Publikum im Nu, indem er sich selber, seine ferne Heimat und seine in der Schweiz lebenden Landsleute – «alle Besitzer von Take-aways» – auf die Schippe nahm. «Ich bin alleine unterwegs», liess Burn die Leute wissen. «Aber das ist hier in Alpnachstad ja kaum möglich», korrigierte er sich selber, indem er auf die unzähligen Asiaten verwies, die tagtäglich den Pilatus besuchen. Mit der Kurzbeschreibung «von Asia nach Bucherer», skizzierte Burn die Anreise der Gäste aus dem Fernen Osten. «Aa stah» hiess zudem eines seiner lustigen Liedchen. Es handelt vom ewigen Schlangestehen seiner Landsleute zu Hause und in den Ferien. «Auch am Schwanenplatz», stichelte er, «und das für Uhren, die es in der Heimat billiger gibt.» Burn kam auch auf seine Wahlheimat Südost-Malters zu sprechen: «Dort bin ich übrigens der Einzige mit dunkler Hautfarbe, ... ausser Erika, die Kuh meines Nachbarn.»

Lieblingsmacho seiner Mamma

Und dann gehörte die Bühne dem angesprochenen «Italiener». Sein Name: Sergio Sardella. Der Sohn eines «zu James Schwarzenbachs Zeiten» eingewanderten und in Neapel aufgewachsenen Gastarbeiters, sieht sich als «Agglo-Secondo» aus Luzern. Seine Provenienz umschreibt er auch als «Babylonisches Arbeiterquartier» oder «Soziales Brennpunktquartier». Einfach dort, wo vor den Blocks immer noch die Stangen zum Teppichklopfen stünden. Der erklärte «Lieblingsmacho» seiner Mamma sprach über frühere Zeiten, in denen alles besser war. «Für einen Fünfliber bekamst du im Quartierlädeli viel mehr» (er leierte eine lange Liste herunter) – «aber nicht nur, weil das Geld viel mehr Wert hatte, sondern weil es im Lädeli noch keine Überwachungskamera gab.» Sardella erinnerte an seine Grosseltern: «Sie strickten von September bis Weihnachten ganze Schafherden nackt. Obwohl wir Kinder diese wollenen Sachen hassten.» Der Ersatz für Müller-Drossart hatte die Lacher auf seiner Seite.

Elseners neue Bundesräte

Michael Elsener, der Dritte im Komödiantenbund, ist aus der Schweizer Kabarettszene nicht mehr wegzudenken. Den Beweis dafür lieferte er auf der Seerose. Seine Performance begann mit einem hektischen Soundcheck. Der Tontechniker habe immer noch den «Berndütsch-Filter» in seiner Apparatur, behauptete Elsener. In der Tat: Wenn er den Namen «Sandro» ins Mikrofon sprach, ertönte «Sändu» aus den Lautsprechern. Später schlüpfte der Zuger in die Haut des «Bostic Besic», Integrationsexperte mit Migrationshintergrund. «Sozialkompetänz isch, wenn du chasch i d Bar inne öppis go trinkä gah ohni Schlägerei», meinte der. Zum Thema Ausländer-Klischee vermeldete Bostic die Ansicht seiner Sozialbetreuerin, «Frau Stämpfli»: «Du darfsch nid eifach de Lüüt abschtämpfle! Will jedä isch äs Indivi-dumm.»

Elsener gab auch sein herausragendes Talent als Stimmenimitator zum Besten: Er berichtete im Sound von «10 vor 10»-Moderator Stephan Klapproth über eine Sitzung mit sechs vom Volk gewählten Bundesräten. Es tönte verblüffend echt nach Sven Epiney, Bligg, Caroline Kliby, Roger Federer, Bostic Besic (Überraschungswahl), Mike Shiva und – die einzige Amtsinhaberin – nach Eveline Widmer-Schlumpf. Und so nahm der Abend nach der Enttäuschung zum Auftakt eine begeisternde Wende.

Sergio Sardella und... (Bild: Corinne Glanzmann)

Sergio Sardella und... (Bild: Corinne Glanzmann)

Michael Elsener. (Bild: Corinne Glanzmann)

Michael Elsener. (Bild: Corinne Glanzmann)