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Als die SBB noch der Stolz der Nation waren

Die SBB stecken in einer Krise, gleichzeitig feiert eine Ausstellung in Zürich ihr innovatives Design und ihre Kraft. Das ist Zufall – aber erhellend.
Sabine Altorfer
Blick in die Ausstellung «SBB CFF FFS» mit Stellwerksignal und Weichenlaternen von 1890. Bild: ZHdK

Blick in die Ausstellung «SBB CFF FFS» mit Stellwerksignal und Weichenlaternen von 1890. Bild: ZHdK

Verspätungen, Zugausfälle, Fahrwerkstörungen, Kommunikationspannen, Auslieferungsprobleme … Die Schlagzeilen zu den SBB könnten schlechter nicht sein. Nach dem tödlichen Unfall eines Kondukteurs haben sie sich gar zur Krise verdichtet. Wie präsentiert sich mit diesen Prägungen im Kopf die grosse Ausstellung im Museum für Gestaltung mit dem simplen Titel «SBB CFF FFS»?

Wie wenn man sagen möchte: Dichtestress und Verspätungen sind doch normal, empfängt uns als riesige Projektion eine übervolle Unterführung im Hauptbahnhof Zürich. Und daneben eine jener ratternden blauen Zeilenmaschinen, die – schon 2014 – reihenweise Verspätungen und Zugausfälle meldet.

Andere Bad News oder Tolggen im Reinheft der SBB sucht man in der restlichen Ausstellung allerdings vergebens. Der Fokus richtet sich, wie man es im Museum für Gestaltung erwartet, auf das Design. Und man vermittelt uns: Beim Bau von Zügen, Bahnhöfen und Brücken, bei Schildern, Schriftzügen und Plakaten sind die SBB weltmeisterlich gut.

SBB heisst solid und sympathisch

In dieser Schau stehen die SBB als Synonym für solid und stabil, für stolz und sympathisch. Die geschmiedeten Weichenlaternen und Stellwerksignale von 1890 (!) wirken robust, klar und wie für die Ewigkeit gefertigt. Wer seine Bahn damit ausrüstet, glaubt an die Zukunft. Doch halt, gegründet wurden die SBB erst 1902 als Zusammenschluss serbelnder Privatbahnen. So viel zu Krise, Sicherheit und Ewigkeit.

Man erzählt uns hier vor allem vom Service public. Die wichtigste Botschaft der Ausstellung: Erst durch das richtige Design macht man den Kunden das Reisen angenehm. Man schafft damit Ordnung, Identität und Sicherheit. Nach innen wie nach aussen. Zu einer guten Bahn gehören bequeme Wagen. Das Werbefilmchen für den Leichtbauwagen aus den 1930er-Jahren mit dem Hinweis, er fahre so ruhig und wackelfrei, dass man unterwegs bequem lesen und schreiben könne, wirkt für die Besucherin heute wie ein satirischer Seitenhieb auf den Pannenzug FV-Dosto, der uns aktuell durchschüttelt.

Wenige, aber prägende Köpfe

Wenige Köpfe prägten den Auftritt der SBB, ihr Erfolg beim Publikum, das Vertrauen von Reisenden wie Mitarbeitenden in ihre Zuverlässigkeit. Um einige zu nennen: Uli Huber, von 1973 bis 1999 SBB-Chefarchitekt, und Markus Seger, von 1981 bis 1999 SBB-Werbechef, initiierten ein alle Bahndinge umfassendes Erscheinungsbild. Angefangen mit dem rot-weissen Logo des Grafikers Josef Müller-Brockmann von 1980, das Schweizer Kreuz und Doppelpfeil verbindet und so patriotisches Symbol wie Bewegung meint.

Konstruktionszeichnung für das SBB-Signet von Müller-Brockmann, 1980. Bild: SBB AG

Konstruktionszeichnung für das SBB-Signet von Müller-Brockmann, 1980. Bild: SBB AG

Wichtig für Reisende ist all das, was unter dem Fachbegriff Signaletik für Orientierung und Ordnung sorgt. Die blau-weissen Bahnhofschilder und Piktogramme von Müller-Brockmann sind ein Wurf und gehören seit den 1980er-Jahren untrennbar zum Erscheinungsbild zur Schweiz.

Piktogramm von 1980/1992. Entwurf: Müller-Brockmann + Co.. Bild: SBB AG

Piktogramm von 1980/1992. Entwurf: Müller-Brockmann + Co.. Bild: SBB AG

Max Vogt prägte als Architekt mit seinen über 200 schnörkellosen, aber formschönen Betonbauten von 1957 bis 1989 den Auftritt der SBB in der Nordostschweiz. Beispielhaft das Stellwerk in Zürich.

Heute hat die Schweiz die grösste Bahndichte weltweit. Schon nach 1945 verdoppelte sich der Personenverkehr, Auto und Flugzeug legten aber noch mehr zu. 1953 bilanziert die Statistik erstmals mehr Personenverkehr auf der Strasse als mit der Bahn. Ein Selbstläufer war der Bahnbetrieb sowieso nie. Werbung brauchte es von Anfang an. Unvergessen sind die Slogans von Werner Belmont, Publizitätschef von 1954 bis 1978: «Der Kluge reist im Zuge» oder «Gute Idee SBB». Und wenn James-Bond-Darsteller Roger Moore für die «Lizenz fürs Halbtax-Abo» warb, wer wollte widerstehen? Die letzte tolle Werbekampagne gabs im Jahr 2000 bei der Einführung des Einheitsbilletts für alle Verkehrsmittel. «Ich bin auch ein Tram», sagte der Zug. «Ich bin auch ein Schiff», behauptete das Postauto. Unvergessen.

Werner Belmont prägte die legendären Plakatslogans. Bild: SBB AG

Werner Belmont prägte die legendären Plakatslogans. Bild: SBB AG

Und vergessen wir nicht die Bahnhofsuhr. 1944 synchronisierten die SBB all ihre Bahnhofsuhren, für diese Ingenieurleistung wie auch für das schnörkellos schöne Ziffernblatt war Hans Hilfiker verantwortlich. Sie ist nicht nur Designikone, sondern Symbol für Präzision und Pünktlichkeit.

Das Symbol für Präzision und Zuverlässigkeit der SBB: die Bahnhofsuhr von Hans Hilfiker von 1944. Bild: SBB AG

Das Symbol für Präzision und Zuverlässigkeit der SBB: die Bahnhofsuhr von Hans Hilfiker von 1944. Bild: SBB AG

Bähnler zu sein, macht(e) stolz

Huber, Seger, Müller-Brockmann, Vogt, Belmont: Sie wirkten über Jahrzehnte. Konstanz und Innovation, Fortschritt und Zeitlosigkeit, Qualität und Humor waren für sie keine Gegensätze, sondern das Erfolgsrezept.

Wie zuverlässig krampfen aber auch die Gramper, wie präzis fertigt der Bahnhofvorstand einen Zug ab, wie herzlich und vertraueneinflössend lacht der Lokiführer, wie unerschrocken montieren Gleisarbeiter Masten, wie zuverlässig pflegt der Materialwart die gasbetriebenen Rücklaternen, wie freundlich spricht die Ansagerin, wie konzentriert arbeiten die Stellwerkleiter. Bähnler zu sein, macht stolz, ist gut. Machte stolz, muss man wohl anfügen, denn all die Filme und Fotos stammen aus dem letzten Jahrhundert.

Bähnler zu sein machte stolz. Foto von 1937. Bild: SBB Historic

Bähnler zu sein machte stolz. Foto von 1937. Bild: SBB Historic

Das trifft auch für die letzten grossen Neuerungen zu: Der Taktfahrplan, 1982 eingeführt, war eine clevere Erfindung und ein Superdienst am Kunden. Die Doppelstockwagen und S-Bahnen verkörpern den Schritt in die Neuzeit. Den Krediten für die Neat und die Bahn 2000 stimmte die Schweizer Bevölkerung 1992 und 1998 zu. Eine gute Basis für die SBB-Zukunft war gelegt. Eigentlich.

Wie das Schlamassel begann

Aber ebenfalls in den 1990er-Jahren verlangte die Politik und wollte die SBB-Führung stromlinienförmig und der Zeit entsprechend mehr Unternehmertum entwickeln. Man zergliederte den Staatsbetrieb in die Bereiche Infrastruktur, Personenverkehr und Immobilien. Die Einheit war gebrochen, die Kräfte wurden nicht nur zersplittert, sondern handeln heute mit teils gegensätzlichen Interessen.

Sinnbild dafür waren die Lokomotiven, die zu fahrenden Plakatsäulen verunstaltet wurden, nur um einige Werbefranken zu ergattern. Bahnhöfe mutierten zu Einkaufs- und Eventcentern, in denen man Schalter und Informationen oft nur dank der Signaletik überhaupt findet. Im Immobilienbereich wird nicht mehr primär für die Bahn, sondern für den Markt und den Profit gedacht. Mit diesen Entwicklungen verloren die SBB nicht nur Goodwill bei den Kunden, sondern auch die Identifikation vieler Mitarbeitenden.

Rüttelfreie Zukunft?

Obs wieder gut kommt? Über Gegenwart und Zukunft sagt die Ausstellung wenig. Man findet einen Hinweis auf das (von Privaten) angestossene Projekt «Cargo Sous Terrain». Nicht aber auf die innovative Ticket-App Fairtiq, aber die haben ja auch die Verkehrsbetriebe Baden-Wettingen und nicht die SBB lanciert …

An der Bar im legendären TEE von 1957. Bild:SBB Historic

An der Bar im legendären TEE von 1957. Bild:SBB Historic

Vielleicht ist es kein Zufall, dass der neue Vorzeigezug Giruno gleich neben dem legendären TEE (Trans Europ Express) von 1957 gezeigt wird und sich die Erstklass-Sessel wie Geschwister gleichen. Hoffen wir, dass der «Giruno» (oder «Smile», wie die neue Kreation auch heisst) ab 2020 tatsächlich rüttelfrei, zuverlässig und unfallfrei durch den Gotthard fährt, mit sicheren Türen und einem funktionierenden WLAN. Vielleicht gar mit einer so eleganten, stromlinienförmigen Bar wie beim TEE und hoffentlich begleitet von Personal, das mit Stolz und (nicht nur technischer) Sicherheit arbeiten kann.

SBB CFF FFS Museum für Gestaltung Zürich, bis 5. Januar 2020.

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