Am Ende waren die Kinder im Maihof-Konzert leider weg

Das Musikwerk Luzern verwob drei Konzerte in einem: Die Luzerner Kantorei und Kammermusikformationen zeigten am Beispiel von Bela Bartók, wie familientauglich Avantgarde sein kann, wenn sie auf Natur und Folklore zurückgreift.

Urs Mattenberger
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Boten das Gerüst für das ganze Programm: Die von Eberhard Rex geleitete Luzerner Kantorei im Maihof. Bild: Manuela Jans

Boten das Gerüst für das ganze Programm: Die von Eberhard Rex geleitete Luzerner Kantorei im Maihof. Bild: Manuela Jans

Kleinkinder, die sich an keine Dress- und andere Codes halten, sondern sich an den Essständen und zwischen dem Publikum tummeln, während auf der Bühne «Avantgarde» auf dem Programm steht? Das entsprach am Samstag im Maihof nicht bloss dem Trend, dass Kinder immer früher in Konzerte mitgenommen werden. Dazu eingeladen hatte vielmehr die aktuelle Saison des Musikwerks Luzern. Sie nämlich ist Bela Bartók gewidmet – dem Urvater einer Moderne, die sich nicht im Elfenbeinturm abspielt, sondern «Natur, Folklore und Avantgarde» – so der Konzerttitel – miteinander verbindet.

Und eben auch Erwachsene mit Kindern in Werken für ­gemischten Kinderchor, für die Bartók und dessen Landsmann Zoltan Kodály auf Volkslieder ­zurückgriffen. Das Konzert ging damit auch in der Besetzung neue Wege, indem erstmals die Luzerner Kantorei mit ihrem grossen Familienanhang beim Musikwerk mitwirkte.

Phänomenaler Kantoreichor

Die «Avantgarde» war vertreten mit Bartóks viertem Streichquartett und dem renommierten Quatuor Diotima aus Frankreich. Für die «Natur» stand Bartóks Klavierzyklus «Im Freien» (Klavier: Andriy Dragan). Direkt aus dem Folklore-Fundus Osteuropas gegriffen war Bartóks Rhapsodie Nr. 2 für Violine und Klavier – mit der Musikwerk-Mitinitiantin Lisa Schatzman, Konzertmeisterin des Luzerner Sinfonieorchesters. Damit hörte man während zweieinhalb Stunden praktisch drei Konzerte in einem – ein Chorkonzert, ein Klavier- und ein Kammermusik-Rezital. Und jedes einzeln davon hatte Qualitäten, die für sich alleine stehen konnten. Das galt gleich zu Beginn für den ersten Auftritt der Luzerner Kantorei, die hier nicht als Farbtupfer und Publikumsfänger diente, sondern quasi das Gerüst für den ganzen Abend lieferte. Das galt umso mehr, als Bartók wie Kodály den Werken für Kinderchor einen kräftigen Schuss höchst anspruchsvoller Avantgarde beimischten.

Die Mädchen und Knaben sowie der Herrenchor der Kantorei taten es unter der Leitung von Eberhard Rex auf phänomenalem Niveau. Wo – bei Kodály – die Stimmen im Fugato-Stil dahinjagenden, profitierte das noch vom Barockrepertoire des Chors. Aber das harte ungarische Wortstaccato, eine neckisch dahinspringende Tanzfestimpression oder die magischen Klangschichtungen in Klageliedern von Bartók, über denen sich osteuropäisch angehauchte Melodien entfalteten: Das alles zeigte die Qualitäten des Kantoreichors von seinen besten Seiten. Vom mystischen Verdämmern über die wie mit Lauttheater aufbegehrenden Zigeuner bis zur Strahlkraft in homofonen Passagen war da alles da für ein richtiges Kantorei­konzert.

Die reine Quelle kommt ganz am Schluss

Die Pointe war, wie dieses in die übrigen Beiträge eingeflochten wurde. Da erkannte man als Hörer die spannungsvoll geschichteten Klänge wieder im Klavierzyklus «Im Freien». Die durch den grossen Publikumsaufmarsch und die Wandbehänge etwas ausgetrocknete Akustik brachte zwar stärker die stampfende und vertrackte Rhythmik zur Geltung. Aber wie Dragan die Sätze zu klanglichen Stimmungsbildern verdichtete und darüber wie improvisierte melodische Leuchtspuren legte, erreichte im «Nacht»-Stück magische Qualitäten.

Am weitesten ging diese Art von Programmierung im Fall des vierten Streichquartetts, das – unterbrochen durch Chorlieder – in zwei Blöcke aufgeteilt wurde. Der Rang eines Meisterwerks vermittelte sich auch so und erst recht in der hellwachen Wiedergabe durch das Diotima-Quartett. Dieses stellte die Modernität des 1928 geschriebenen Werks mit kantig-federnden Rhythmen und einer Klanglichkeit heraus, die sich auch mal zu Geisterstimmen und ins Geräuschhafte verflüchtigte.

So ergaben sich Bezüge zur Rastlosigkeit und Magie der Chorstücke. Entscheidender war aber, dass man durch diese aufgebrochene Programmierung auch im Quartett aufmerksam wurde auf fetzenhaft aufblitzende Balkanmelodik mit ihrem repetitiven Drive. Am direktesten zeigten sich solche Folklore-Anleihen in Bartóks zweiter Rhapsodie, die die Geigerin Lisa Schatzman und der Pianist Dragan zum Schluss süffig-virtuos auskosteten.

Schade, wurde das Stück als «Late Night» nach dem Abgang des Kantoreichors und seines ­Anhangs gespielt. Als «reiner Quell» von Bartóks Avantgarde (Programmheft) hätte es wohl an den Anfang gehört. Und da sicher auch den Kindern im Publikum Spass gemacht.