AMADEUS: Voller Saal im Amadeus-Rausch

Rasch waren alle Bedenken hinweggefegt: Das auf Filmmusik spezialisierte 21st Symphony Orchestra begeisterte mit Mozart. Und öffnete sich damit alle Tore.

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Mozart dirigiert als «Amadeus» 
im KKL das 
21st Symphony Orchestra mit Chor (Leitung: Ludwig Wicki). (Archivbild: Priska Ketterer)

Mozart dirigiert als «Amadeus» im KKL das 21st Symphony Orchestra mit Chor (Leitung: Ludwig Wicki). (Archivbild: Priska Ketterer)

Urs Mattenberrger

Am Schluss war das Resultat so eindeutig wie ein Sieg auf dem Fussballfeld. Beide Vorstellungen von Milos Formans legendärem «Amadeus»-Film von 1984 waren am Freitag und am Samstag im KKL-Konzertsaal ausverkauft. Und das Publikum, dessen vergnügtes Lachen immer mehr totenstiller Betroffenheit wich, spendete Sonderapplaus, der noch eine Spur heftiger ausfiel, als das bei anderen Weltpremieren des 21st Century Symphony Orchestra der Fall ist.

Das war erstaunlich, weil sich das auf Filmmusiken im Breitwandsound spezialisierte Orchester erstmals an klassische Musik wagte, die bei Mozart ganz andere Ansprüche stellt. Es war auch naheliegend, weil der Thriller um die hier zugespitzte Rivalität zwischen dem braven Durchschnittskomponisten Salieri (Fahrid Murray Abraham) und dem vulgären Genie Mozart (eine Art Pop-Star: Tom Hulce) nicht nur ein Historien-, sondern ein veritabler Musikfilm ist. Als solcher hat er das Mozart-Bild einer ganzen Generation entstaubt und einem breiten Publikum den Zugang zu klassischer Musik geöffnet, ganz wie es der 21st-Programmphilosophie entspricht.

Verpasste Chance?

Widersprüchlich ist der Film, weil er die musikalische Revolution durch die historische Aufführungspraxis nicht mitberücksichtigte. Der Soundtrack wirkt (mit Aufnahmen unter Neville Marriner) aus heutiger Sicht pompös und behäbig, verglichen mit dem Geist des Aufruhrs, den Dirigenten von Harnoncourt bis Teodor Currentzis – der eigentliche Amadeus unter den heutigen Mozart­dirigenten – versprühen. «Amadeus» mit Live-Musik: Das böte auch die Chance, den Film musikalisch auf den neusten Stand des Originalklangs zu bringen.

Während der Aufführung wurde aber immer klarer, wieso die Produktion nicht diesen Weg gehen konnte. Mit rauschhaft opulenten Bildern und schweren Stimmen – im Konzertsaal eingespielt ab Soundtrack – ist dem Film die Marriner-Ästhetik quasi eingeschrieben. Und die raffiniert in die Handlung integrierten Musikstücke sind oft so gewählt, dass sie auch in einer eher orches­tral-fülligen Version bestens funktionieren. Das wurde schon klar, als etwa die von Salieri beschworene Süsse der Klari­nette in der Gran Partita wie ein Wunder live aus dem Orchesterpodium aufblühte. Und die auf die Romantik vorausweisende Moll-Mystik und -Dra­matik aus der «c-Moll-Messe», «Don Giovanni» oder dem «Requiem» profitierte ohnehin von der Klangkraft des vorzüglichen 21st-Chors wie des kompakt und äusserst agil spielenden Orchesters.

Jetzt ist alles möglich

Zum Ereignis wurde die Aufführung erst recht durch das eng verzahnte und sich überlappende Zusammenspiel zwischen Musik, Bild und Dialogen. Da zeigte sich, welche Meisterschaft Ludwig Wicki in diesem Genre erreicht hat. Den in dieser Hinsicht ging die Herausforderung an die äussersten Grenzen. Die Koordination musste etwa so präzis sein, dass der Eindruck entsteht, die Musik würde von den Musikern auf der Leinwand gespielt. Das verstärkte auch die überwältigende Wirkung des Schlusses, in dem – eine der fiktiven Szenen im Film – Mozart Salieri auf dem Sterbebett Stimmen zum unvollendeten Requiem diktiert: Wie da Chor, Orchester und Mozarts Stimme wie im Delirium zusammenfanden, war atemberaubend.

Damit ist dieser «Amadeus» mehr noch als zuletzt Bernsteins «West Side Story» ein Meilenstein in der Geschichte des 21st Orchestra: Weil er neben dem Blockbuster-Repertoire (wie demnächst «Gladiator» und «Batman») die Tore für Experimente aller Art öffnet.