ANALYSE: Luzerner Sparpläne: Schädliche Kultur-Schnellschüsse

Unser Leiter Ressort Stadt/Region, Robert Knobel, über die Sparpläne des Kantons Luzern in der Kultur.

Robert Knobel, Leiter Ressort Stadt/Region Luzern
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Das Sinfonieorchester wehrt sich mit einem Protestkonzert gegen die Sparpläne in der Kultur. (Bild: Roger Zbinden (Luzern, 22. Oktober 2016))

Das Sinfonieorchester wehrt sich mit einem Protestkonzert gegen die Sparpläne in der Kultur. (Bild: Roger Zbinden (Luzern, 22. Oktober 2016))

Heute diskutiert der Kantonsrat über die Zukunft der Luzerner Kultur. Konkret geht es um die Frage, ob der Kanton wie von der Regierung geplant 1,2 Millionen Franken weniger in den Zweckverband Grosse Kulturbetriebe zahlen soll. Weil die städtischen Beiträge an die kantonalen gekoppelt sind, würden automatisch auch die Subventionen der Stadt um 0,5 Millionen sinken. Damit würden dem Luzerner Theater, Sinfonieorchester, Kunstmuseum, Lucerne Festival und Verkehrshaus ab 2018 insgesamt noch 26,6 Millionen Franken öffentliche Subventionen zur Verfügung stehen.

Vor allem das Kunstmuseum und das Luzerner Sinfonie­orchester (LSO) machen gegen die Sparpläne mobil – Letzteres auch mit Protest- und Gratiskonzerten. Das LSO argumentiert, man sei eines der rentabelsten Orchester der Schweiz, in dem jeder Subventionsfranken Eigenleistungen in doppelter Höhe auslöse.

Schauen wir uns die Bilanzen der grossen Kulturinstitutionen näher an. Der grösste Betrag, jährlich rund 20 Millionen Franken, geht ans Theater. Davon fliessen 4 Millionen direkt weiter ans LSO als Abgeltung für die Operndienste am Luzerner Theater. Mit den verbleibenden 16 Millionen kann das Theater sämtliche Personalkosten bezahlen. Selber erwirtschaftet das Theater 4 Millionen, mit denen die übrigen Kosten (Technik, Verwaltung, Werbung, Abschreibungen) beglichen werden. Das LSO erhält neben der 4-Millionen-Abgeltung via Theater noch zusätzlich 3 Millionen Franken an Subventionen. Nochmals so viel steuern private Sponsoren bei. Hinzu kommen 2,5 Millionen Franken aus dem Konzertkartenverkauf.

Das LSO betont immer wieder seine hohe Eigenwirtschaftlichkeit. Tatsächlich: Den insgesamt 7 Millionen Franken an Subventionen stehen 5,5 Millionen gegenüber, die von Sponsoren und Konzertbesuchern bezahlt werden. Zum Vergleich: In Bern beziehen Theater und Orchester zusammen 37,7 Millionen Franken von der öffentlichen Hand. Selber erwirtschaften sie lediglich 8,7 Millionen.

Die Höhe der Sponsorenbeiträge ist ein höchst volatiler Wert– auch das ein Mantra, das die Luzerner Kulturinstitutionen in letzter Zeit ständig wiederholten. Das LSO verfügt dank dem KKL über ein erstklassiges Haus, das für Sponsoren attraktiv ist. Kommt hinzu, dass das LSO mit Tourneen und Gastkonzerten weitere Sponsorengelder generiert.

Das LSO betont stets, dass die Extraauftritte kein Luxus seien, sondern essenziell, um das internationale Renommee zu pflegen und Sponsoren anzuziehen. Denn Sponsoren – so die einhellige Meinung der Kulturverantwortlichen – spenden nur für aussergewöhnliche Projekte, die über den Auftrag zur Lokalversorgung hinausgehen. Oder um es mit den Worten von Fanni Fetzer, Direktorin des Kunstmuseums, auszudrücken: «Kein Mäzen ist daran interessiert, die Heizkosten des Kunstmuseums zu übernehmen.»

Was für Folgen würden nun die geplanten Subventionskürzungen konkret für das ­Luzerner Kulturleben haben? LSO und Theater könnten sich beispielsweise auf das «Pflichtprogramm» für das Luzerner Publikum konzentrieren. Damit könnte allerdings die künstlerische Attraktivität – auch fürs Publikum – sinken. Und die ausbleibenden Sponsoren würden für zusätzliche Ausfälle sorgen. Die Kulturinstitutionen könnten andererseits Personal reduzieren. Im Falle des LSO könnte aber auch dies einen Dominoeffekt auslösen. Heute werden nämlich 20 von 70 Musikerstellen von einer privaten Stiftung finanziert. Diese ermöglichte vor einigen Jahren die personelle Aufstockung des Orchesters. Das Ziel der Stiftung war, den Sprung eines mittelgrossen Orchesters zu einem grossen zu ermöglichen und dessen sinfonische Möglichkeiten zu erweitern. Ob die Stiftung auch bereit wäre, ein «kleines» LSO auf «Mittelgrösse» wiederaufzustocken, ist höchst fraglich.

Auf den ersten Blick harmlose Kürzungen könnten also einen Dominoeffekt mit einschneidenden Folgen auslösen. Dies wäre kaum im Sinne des Kantons, der von den Kulturhäusern höchste künstlerische Qualität einfordert. Gleichzeitig kann man mit Recht sagen, dass angesichts des kolossalen Finanzlochs des Kantons die Kultur ihren Sparbeitrag leisten muss. Doch zuerst müssen Fragen rund um Subventionierung und Leistungsaufträge grundsätzlich neu diskutiert werden. Es muss geklärt sein, wohin die Kulturstadt Luzern will: Wie lokal und wie international darf es sein? Wer bezahlt wie viel und wofür? Die Debatte drängt sich allein schon wegen des Salle-Modulable-Debakels jetzt auf. Denn die Kultur – nach dem Tourismus das bedeutendste Aushängeschild Luzerns – ist zu wichtig, um es mit Schnellschüssen zu gefährden.

Robert Knobel, Leiter Ressort Stadt/Region Luzern
robert.knobel@luzernerzeitung.ch

Robert Knobel, Leiter Ressort Stadt/Region Luzern (Bild: Dominik Wunderli/LZ)

Robert Knobel, Leiter Ressort Stadt/Region Luzern (Bild: Dominik Wunderli/LZ)