ANALYSE: Neuer Luzerner «Tatort» überschreitet Grenzen

Im elften Luzerner «Tatort» geht es um den Tschetschenien-Konflikt und darum, was der Krieg mit Menschen macht. Sehr gute Schauspieler retten dabei eine oberflächliche Geschichte.

Michael Graber
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Eveline (Brigitte Beyeler) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) nach ihrem Schäferstündchen im Hotel. (Bild: Daniel Winkler/SRF)

Eveline (Brigitte Beyeler) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) nach ihrem Schäferstündchen im Hotel. (Bild: Daniel Winkler/SRF)

Michael Graber

michael.graber@luzernerzeitung.ch

Beide sind dabei, Grenzen zu überschreiten. Nura (Yelena ­Tronina) lässt sich mittels Schlepper in die Schweiz bringen, und Reto Flückiger (Stefan Gubser) schleicht sich ins Hotel Luzernerhof, um sich dort mit seiner verheirateten Affäre Eveline (Bri­gitte Beyeler) zu treffen. Die ­Eröffnungssequenz des elften ­Luzerner «Tatorts» «Kriegssplitter» stellt diese Grenzüberschreitungen einander gegenüber.

Das ist durchaus gelungen. Während Flückiger Eveline den BH öffnet, muss sich Nura gegen einen aufdringlichen Mann wehren, der sie zuvor von der Grenze nach Luzern gefahren hat. Während beim Kommissar und seiner Affäre die pure Lust das Motiv ist, spürt man bei Nura schon früh, dass etwas Dunkles hinter der schönen, aber stets etwas traurigen Fassade gärt.

Eine kleine Welt implodiert

Und während sich Flückiger und Eveline auf dem Balkon nach dem Schäferstündchen etwas verlüften, knallt im gleichen ­Hotel zwei Stöcke weiter oben ein Mann durchs Fenster. Er landet leblos auf einem Auto. Und als der Kommissar rasch in das Hotelzimmer des Toten eilt, wird er niedergeschlagen und erwacht erst unter dem mehrmaligen Schnippen seiner Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer). Evelines Mann hat da längst von der Affäre erfahren, und Flückigers kleine Welt implodiert.

Der Tote war Journalist und einem tschetschenischen Kriegsverbrecher auf der Spur, der mittlerweile unter falschem Namen in Luzern lebt. Und wie es der dramaturgische Zufall will: Genau jenen sucht auch Nura.

Viele Nebenschauplätze

Ihre Motivation, die Grenze zu überschreiten, ist: Rache. Mit Hilfe ihres Zwillingsbruders Nurali (Joel Basman), der wie der Kriegsverbrecher in Luzern lebt (die Kinder wurden nach dem Tod ihrer Eltern zur Adoption freigegeben), erhofft sie sich, den Mann zu finden. Sie beschuldigt diesen – der übrigens auch noch ihr Onkel ist –, ihre Mutter als Selbstmordattentäterin in den Tod geschickt zu haben.

Was jetzt kompliziert klingt – und es sind noch längst nicht alle Nebenschauplätze erwähnt –, ist es im «Tatort» selber nicht unbedingt. Regisseur Tobias Ineichen fügt die zahlreichen Handlungsfäden nach und nach zusammen, und man erfährt durchaus auch noch ein bisschen etwas über den Tschetschenien-Konflikt, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Was dem Verständnis der Geschichte ­sicher entgegenkommt, ist das für Luzerner «Tatorte» fast schon typische, plätschernde Erzähltempo. Leider ist dieses Plätschern aber dem Rest nicht unbedingt förderlich: Es macht den Krimi etwas zähflüssig.

Dass dieser «Tatort» trotzdem nicht allzu schwer verdaulich gerät, ist vor allem Nurali und Nura zu verdanken. Joel Basman und Yelena Tronina spielen das ungleiche Geschwisterpaar schlicht sensationell. Sie zeigen auch auf, was die titelgebenden «Kriegssplitter» sind: Spuren, die der Krieg hinterlassen hat. Splitter, die stecken bleiben, auch wenn man sie gar nicht immer sehen muss. Vieles in diesem Luzerner «Tatort» dreht sich um seelische Versehrungen und wie mit ihnen umzugehen ist. Gut und Böse ist im Krieg immer eine Frage der Perspektive.

Es bleibt aber doch einiges an der Oberfläche in diesem düster gehaltenen Sonntagabendkrimi. Zudem sind einige Figuren sehr aus der Klischeekiste hervor­geholt. Etwa der schweigsame Killer der Russen oder der aalglatte Botschafter. Da verliert der Krimi jeweils noch etwas mehr an Fahrt – wohlgemerkt: Wirklich schnell ist er nie.

Mit einer Ausnahme: Kurz vor Schluss steigert sich das ­Tempo in einen Endspurt. Auch Luzern-«Tatort»-typisch, überschlagen sich die Ereignisse regelrecht, und alles entlädt sich. Dummerweise ist der Schluss so konstruiert und unrealistisch, dass er einen reichlich unbefriedigt zurücklässt.

Vor den Kopf stossen

Vielleicht hätte es dem «Tatort»-Team gut getan, auch mal die eine oder andere Grenze zu überschreiten, so wie es Nura und ­Flückiger in der Eingangsszene tun. So eine Grenzüberschreitung braucht aber den Mut, auch mal jemanden vor den Kopf zu stossen. Das war hier sicherlich nie die Absicht.

Am bleibendsten ist der ­Eindruck dann, wenn man dem Zerbrechen von Evelines Familie ­zuschauen kann. In einer starken Sequenz sieht man den Streit der Ehepartner durch Fensterscheiben, und die nahende Eskalation ist trotz den gedämpft-hörbaren Worten fühlbar. Die Szene illus­triert gut das Risiko von Grenzüberschreitungen: Man setzt ­etwas aufs Spiel, dessen Wert man oft erst durch sein Fehlen ­erkennt.

Als Eveline Flückiger vor die Wahl stellt, wie es mit ihnen denn nun weitergeht, ist die Antwort bezeichnend. Flückiger wählt dann einfach die mutloseste aller möglichen Optionen. Man hätte dem Kommissar und dem Luzerner «Tatort» etwas mehr Mumm gewünscht.