ANALYSE: Salle Modulable – Vorurteile, Ängste und Stöcklischuhe

Hugo Bischof über linke Diskussionen zur Salle Modulable.

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Bild: Thomas Zimmermann

Bild: Thomas Zimmermann

Das Vorhaben war löblich: Die SP von Stadt und Kanton Luzern führte am Dienstagabend ein Diskussionsforum zur Salle Modulable durch. Man wolle sich «konstruktiv einbringen» in die Debatte um das in Luzern geplante neue Theater, «damit ein mehrheitsfähiges Projekt entstehen kann», teilte die SP im Vorfeld mit. Eingeladen waren deshalb auch Vertreterinnen und Vertreter aller Kultursparten und -organisationen – vom Lucerne Festival über die Hochschule bis zur freien Theaterszene und der IKU Boa. Man wolle «die Anliegen der Kulturschaffenden aufnehmen» und «einen Austausch zwischen Politik und Kultur ermöglichen», so die SP-Genossinnen und -Ge­nossen hoffnungsfroh.

Nun denn: Die Diskussion am SP-Forum – gruppenweise, themenorientiert – verlief teilweise konstruktiv und hochstehend, auch wenn man sich zu oft in Detailfragen verlor. Auf der anderen Seite zeigte sich, dass viele SP-nahe Personen bezüglich dem Projekt Salle Modulable, aber auch generell zur Luzerner Kulturszene stereotype Vorstellungen und teils haarsträubende Vorurteile haben. Und ganz am Schluss zeigte sich bei einer etwas bemüht wirkenden Abstimmung – wenig überraschend –, dass eine Mehrheit der linken Politiker und Sympathisanten den Glauben an das Projekt «Salle» längst verloren hat (Ausgabe von gestern).

War die Veranstaltung deshalb letztlich nur ein Vorwand, um zu zeigen, dass die SP nicht als Totengräberin der Salle Modulable in die Geschichtsbücher eingehen will? Nicht ganz. Denn erstens machten beim Forum immerhin 80 Personen aktiv mit, unter ihnen viel SP-Prominenz – von Kantonsrätin Helene Meyer-Jenni über den ehemaligen Stadtluzerner Baudirektor Werner Schnieper bis zur heutigen Stadtluzerner Bildungs- und Kulturdirektorin Ursula Stämmer. Und zweitens gab es, wie gesagt, doch einige spannende Denkanstösse.

Dass die Salle Modulable die freie, nicht-institutionalisierte Kulturszene erdrücken werde, müsse nicht unbedingt eintreffen, wurde etwa gesagt. Im Gegenteil: Die Diskussion um die neue Theaterinfrastruktur könne eine Chance sein, den im Zusammenhang mit dem Bau des Kultur- und Kongresszentrums Luzern (KKL) in den 1980er-Jahren fabrizierten und seither viel beschworenen Luzerner Kulturkompromiss neu zu definieren – in einem positiven Sinne.

Apropos Kulturkompromiss: Dieser ist ein wichtiges Anliegen bei der Ausarbeitung der Rahmenbedingungen für den Ausbau der Luzerner Theaterinfrastruktur. Das haben führende Vertreter von Stadt und Kanton Luzern, aber auch der Stiftung Salle Modulable in den vergangenen Monaten und Jahren wiederholt bekräftigt. Nicht nur ein allfälliges neues Luzerner Theater mit seinem fixen künstlerischen und administrativen Mitarbeiterstab, sondern auch die Vertreter der freien Szene sollen mehr Geld erhalten.

Dass es hier Ängste gibt, zeigte sich am SP-Anlass exemplarisch. Ein Vertreter des kreativwirtschaftlich geführten Kulturzentrums Neubad sprach gar von einem veritablen «Skandal». Mit den 31 Millionen Franken, mit denen die öffentliche Hand (Stadt und Kanton Luzern) künftig jährlich den Betrieb der Salle Modulable subventionieren wolle, könnte man das Neubad 428 Jahre lang (!) in Betrieb halten, rechnete er vor. Was aber passiert, wenn grössere Instandhaltungsmassnahmen anfallen, blieb bei dieser etwas hanebüchenen Rechnung unklar.

Aus der freien Szene gab es auch weniger aufgeregte, sachlichere Argumente. «Natürlich wünscht man sich immer mehr Geld; aber mit den Mitteln, die wir zurzeit von der Stadt erhalten, können wir leben», wurde mehrfach betont. Wichtig sei einfach, dass der Status quo nicht nach unten angepasst werde. «Das wird sicher nicht der Fall sein», versprach Stadträtin Stämmer. Sie verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass die Stadt in den letzten Jahren die Unterstützung der freien Kulturszene verstärkt habe.

Ein verbaler Schlagabtausch in einer Diskussionsgruppe zeigte, wie tief die kulturpolitischen Gräben auch innerhalb der SP sind. «Die Salle Modulable ist ein teures Wirtschaftsförderungsprogramm zu Lasten der öffentlichen Hand», sagte Werner Schnieper, der frühere SP-Baudirektor der Stadt Luzern. «Weil das Projekt so teuer ist, ist die Gefahr gross, dass auch die Eintrittspreise nach oben geschraubt werden. Ein Grossteil der Bevölkerung wird sich das nie leisten können – wie das heute schon beim KKL der Fall ist.» Dem widersprach die heutige SP-Stadträtin Stämmer vehement: «Bei jedem Konzert im KKL gibt es günstige Plätze, die sich jeder leisten kann.»

Ursula Stämmer fragte die Anwesenden wiederholt, was sie von der Salle Modulable erwarteten. Erst wenn dies bekannt sei, könne man das Projekt optimieren. Die Antworten darauf blieben letztlich vage. «Die bestehenden Angebote sollen sicher sein und die neuen bezahlbar», lautete etwa eine der am Schluss des Forums schriftlich formulierten Forderungen. Oder: «Die Infrastruktur muss sich dem Inhalt anpassen und nicht umgekehrt.»

Auch über den Standort für das neue Theater wurde diskutiert. Dass die SP den Standort Inseli ablehnt, ist bekannt. Die Mehrheit der Anwesenden bekräftigte dies am Dienstag. Auch der Alternativstandort Motorboothafen wurde wieder ins Spiel gebracht. «Der ist doch auch in Gehdistanz zum KKL, nur 3 Minuten weiter entfernt», sagte eine Diskussionsteilnehmerin und fragte: «Was spricht dagegen?» «Stöcklischuhe», antwortete ihr Nachbar und erntete höfliches Lachen. Gegen eine Standort-Alternative spricht aber auch schlicht die Tatsache, dass die von der Engelhorn-Schenkung verbliebenen 80 Millionen Franken dann endgültig verloren wären – hier ist die Vorgabe seitens der Stiftung eindeutig.

Am Montag werden Stadt und Kanton Luzern über den Stand der Planung berichten – auch über Einsparmöglichkeiten bei den Betriebskosten. Das SP-Diskussionsforum hat gezeigt, wie viel Ablehnung, aber auch Unwissen der «Salle» nach wie vor entgegenstehen. Ein gordischer Knoten, der nicht so leicht zu lösen sein wird.

Hugo Bischof ist Journalist im Ressort «Stadt» der Neuen Luzerner Zeitung. (Bild: Archiv Neue LZ / Manuela Jans-Koch)

Hugo Bischof ist Journalist im Ressort «Stadt» der Neuen Luzerner Zeitung. (Bild: Archiv Neue LZ / Manuela Jans-Koch)